Das Geschäft mit der Nostalgie treibt manchmal seltsame Blüten. Das hat vor wenigen Tagen ein Beispiel aus den USA gezeigt: Der Influencer und Wrestlingstar Logan Paul versteigerte eine seltene Pokémonkarte und landete damit nicht nur einen Millionendeal, sondern holte sich auch einen offiziell vom Guinness-Buch bestätigten Weltrekord. Die Karte, auf der das gelbe Pokémon Pikachu zu sehen ist, wechselte für 16,5 Millionen Dollar, (umgerechnet rund 14 Millionen Euro), den Besitzer. Damit gilt sie als die teuerste versteigerte Pokémonkarte – und auch in der Region sind die Karten sehr begehrt.
Pokémonkarten sind seit Jahren im Hype, der die Preise für seltene oder besonders schön gestaltete Exemplare in schwindelerregende Höhen treibt. Doch angefangen hat alles schon viel früher, in den 90er-Jahren, als Pokémon durch den Anime, die Gameboy-Spiele und Sammelkarten immer beliebter wurde. Heute erleben vor allem die Karten ein Revival, erstaunlicherweise weniger bei Kindern als bei Erwachsenen, die mit ihnen aufgewachsen sind (und jetzt das nötige Geld haben). Denn früher auf dem Pausenhof ging es natürlich nicht um Millionendeals, sondern höchstens um die eine Karte, die man unbedingt haben wollte, oder um einen Schokoriegel als Einsatz. Spätestens nach Auktionen wie der von Logan Paul drängt sich aber die Frage auf, wie viel Geld sich mit den alten Karten vom Dachboden tatsächlich machen lässt.
Sammelkartenhändler aus Ulm: „Die Nachfrage ist sehr groß“
Philipp Krieger schüttelt bei solchen Summen den Kopf. In der Zinglerstraße in Ulm betreibt er die Spiele-Bar „Zum Waschbären“ – zwischen Würfeln, Spieleschachteln und Tresengesprächen gehört auch der Verkauf von Sammelkarten zu seinem Alltag. Unter ihnen natürlich auch: Pokémon. Was da in den USA unter den Hammer kam, solche Summen, seien im echten Sammlermarkt schon „eher ungewöhnlich“. Das, sagt Krieger, seien Einhörner. Und dieses Pikachu ist genau so ein Einhorn, weil hier alles zusammenkommt, was den Hype füttert: 1998 gedruckt, weltweit nur 39-mal überhaupt vorhanden und dann auch noch in einem Zustand, der praktisch nie vorkommt: Das versteigerte Exemplar soll das einzige sein, das keine Risse, keine Knicke hat.
Der Pokémon-Sammeltrend ist längst auch in Ulm angekommen, nur eben eine Nummer kleiner. Die Nachfrage ist so groß, dass „täglich sehr viele danach fragen“, sagt der Sammelkartenhändler und deutet auf die knallbunten Päckchen, die hinter dem Tresen an der Wand hängen. Fünf Euro, sieben Euro stehen auf den Packungen, in denen eine Handvoll Karten versteckt ist.
Wer aber ein wenig tiefer in diese Welt hineinrutscht, greift schnell deutlich tiefer in die Tasche. Krieger zieht eine große, weiße Kiste heran, in Plastik eingeschweißt. „Für solche kann man schon mal mehr als fünfzig Euro bis an die hundert Euro hinlegen“, sagt er. Und die teuerste Karte im Laden? Da muss der 37-Jährige nicht lange überlegen. „Mehrere Tausend Euro“, sagt er. Dass Berichte und Werbeaktionen die Nachfrage noch einmal anschieben können, habe er zuletzt wieder gemerkt, als während des Super Bowls in den USA ein Pokémon-Werbeclip lief: Danach sei die Nachfrage noch einmal spürbar gestiegen, „obwohl das Interesse ohnehin dauerhaft hoch ist“.
Der Hype um Pokémon-Sammelkarten verführt einige zu Straftaten
Für viele sei das Sammelkartenspiel noch immer eher ein Hobby – so wie damals. „Eltern kommen gemeinsam mit ihren Kindern her, um ihnen das Spiel beizubringen. Nerdtum ist mitten in unserer Gesellschaft angekommen. Hier haben wir eine Gemeinschaft, man trifft sich und kann sich austauschen.“ Für andere wiederum ist es eher eine kleine Wertanlage, und Krieger erlebt das jeden Tag. Manche verkaufen und kommen mit der Hoffnung, dass sich in alten Ordnern doch noch ein kleiner Schatz versteckt. „Oft finden sie auf dem Dachboden in einer Kiste oder auf dem Flohmarkt Karten“, sagt er.
Nur endet diese Suche nach dem großen Fund ziemlich häufig ernüchternd, weil die Karten eben nicht im Safe gelagert wurden, sondern in Kinderhänden waren. Gebrauchsspuren sieht man ihnen an und die drücken den Preis schnell nach unten. Und dann gibt es noch die dunklere Seite des Booms: Immer öfter werden Sammler und Fachgeschäfte zur Zielscheibe von Kriminellen, und auf Flohmärkten, warnt Krieger, kursieren viele Fälschungen, die als angebliche Raritäten verkauft werden.
Spätestens bei ihm im Laden, unter seinem fachkundigen Blick, folgt dann nicht selten die Enttäuschung. Dass der Hype sogar Menschen zu Diebstählen verleitet, zeigt sich auch anderswo in der Region, etwa in Gersthofen, wo in einem Spielwarengeschäft mehrere Hundert Pokémon-Sammelkarten gestohlen wurden. Bei Krieger selbst blieb es bislang bei einem Versuch, ein Dieb sei einmal aufgetaucht, erfolgreich war er am Ende nicht.
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