Herr Platzgumer, in Ihrem jüngst erschienen Buch „What Goes Up Must Come Down“ beschreiben Sie sich als Pop-Sonderling. Wie ist das gemeint?
HANS PLATZGUMER: Ich liebe und lebe durch Popmusik seit einem halben Jahrhundert, bin jedoch kein treuer Fan eines bestimmten Musikstils oder einer bestimmten Band. Als Musiker wiederum verneine ich seit vierzig Jahren kommerzielle Motive und bin trotzdem gewissermaßen erfolgreich. Das alles ist schon etwas sonderbar.
Pop war immer auch etwas, das neue Emotionen und Gedanken verbreitet hat, liberale Ideen, Gemeinschaft erzeugte. Wo ist die verbindende und auch revolutionäre Kraft des Pop in Zeiten von Autoritarismus und Konservatismus? Was brauchen wir?
PLATZGUMER: Die Hauptgegner von Popmusik als innovative, progressive, gesellschaftspolitisch korrektive Kraft sind wohl der seit den 1990ern alternativlos gewordene und alles zersetzende neoliberale Kapitalismus sowie die ebenso seit den 1990ern uns durch und durchdringende Digitalisierung. Davon müssten wir uns irgendwie freistrampeln.
Pop definierte sich früher durch Provokation und Attacken aufs Establishment. Was ist „guter“ Pop im Jahre 2025 Ihrer Meinung nach?
PLATZGUMER: Essenzieller Pop verweigert weiterhin die vorherrschenden, rein Markt-orientierten Regeln und verfolgt seine eigenen ästhetischen wie gesellschaftlichen Visionen. Er wird nicht auf Privatschulen gelehrt und kümmert sich nicht um hierarchische Vorgaben.
„Im Pop gibt es kein Davor und kein Danach“ heißt es in Ihrem Buch. Wie hat sich die Popwelt verändert, seit Sie Teil dieser Welt wurden?
PLATZGUMER: Pop erstarrt hauptsächlich in einer Oberflächlichkeit, einem Schein statt Sein, einer Mutlosigkeit und andauernden Ablenkung, die ihm die Möglichkeit nimmt, die Gegebenheiten tiefer zu durchdringen.
Wo sind im Pop die Momente der Ekstase, der Innovation, der Abenteuerlust?
PLATZGUMER: Leider geben sich mir die zwei letztgenannten Felder aktuell selten zu erkennen, und den Pop-Bliss scheinen die Menschen offensichtlich in Mega-Events zu suchen/finden, die ihnen nicht teuer oder altbacken genug sein können. Für eine Weiterentwicklung der Popmusik aber ist das Gegenteil notwendig: kleine unangepasste Subkulturen, die einander mit unorthodoxen Ideen und Ausdrucksweisen anstecken. Auch sie existieren weiterhin, jedoch weit ins Abseits gedrängt.
Sie arbeiten als Schriftsteller, als Musiker, als Produzent. Wie verbinden und beflügeln sich diese Felder ihres Lebens gegenseitig?
PLATZGUMER: Seit Jahren schreibe ich mehr als ich musiziere. Beides aber ist wichtig für mich und meine Seele, und beides sind Ausdrucksformen des selben Geistes. Ich beschäftige mich jeweils mit dem, was mir gerade am Dringlichsten vorkommt.
Was erwartet das Ulmer Publikum bei der Konzertlesung diesen Donnerstag, 26. Juni, im Aegis Café?
PLATZGUMER: Ein Doppelprogramm, zuerst eine kursorische Lesung aus „What Goes Up Must Come Down“, ein paar fetzige Geschichten aus der Pop-Historie samt kurzen Audio-Einspielern, danach ein kleines feines Konzertchen meiner fünfköpfigen Band Convertible. Wir stellen unser neues Album „Favorite Record“ vor, bei schönem Wetter unter freiem Himmel. Musik und Literatur werden gefeiert, Bücher und Platten signiert.
Zur Person
Hans Platzgumer hat mit Tocotronic gearbeitet, bei den Goldenen Zitronen gespielt, war Grammy-nominiert mit der Grungeband HP Zinker. Später erweiterte sich sein Fokus auf Literatur und Essay. Nun hat er ein Buch über Popmusik aus seiner Perspektive herausgebracht: „What Goes Up Must Come Down“ (Bahoe Books) erzählt von einem Lebensgefühl der Rebellion, der Provokation, der reinen Abenteuerlust. Und von einer Zeit, in der vieles ganz anders war als heute. Wie so vieles im 21. Jahrhundert ist aber auch der Motor der Popmusik als Massenphänomen ins Stottern geraten. Welche Geschichten von Höhenflügen und Abstürzen, Triumph und Niederlage hat Platzgumer erlebt? Das wird er am Donnerstag, 26. Juni, bei seiner Konzertlesung im Aegis-Cafe (19:30 Uhr) vorstellen.
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