Als eine Mischung aus „The Great Gatsby“ und Großstadt-Hipster wurde er einst beschrieben. Nun scheinen sein Image und sein angeblich so erfolgreiches Geschäftsmodell wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen: Ein 37-jähriger Gastronom aus Neu-Ulm soll über Jahre hinweg Hunderte Menschen illegal vermittelt und Sozialkassen so um mehr als eine Million Euro geprellt haben. Vor etwa drei Wochen wurde er festgenommen und sitzt seither in Untersuchungshaft. Andere aus der Branche reagieren mit einem „Boah!“, wenn ihnen geschildert wird, was einem ihrer Kollegen da zur Last gelegt wird.
Beim Hauptzollamt Ulm, welches den Fall am Montag öffentlich machte, ist von einem „wilden System“ aus Vermittlung, Leihe und Anstellung von Personal die Rede. Im Zeitraum zwischen den Jahren 2021 und 2025 soll der heute 37-Jährige anderen Gastronomen mutmaßlich rund 300 Arbeitskräfte für Catering und Veranstaltungen überlassen haben, ohne hierfür Beiträge an die Sozialversicherungen gezahlt zu haben. „Er war vielseitig unterwegs“, habe viele Menschen gekannt und dabei „kräftig verdient“, berichtet Zoll-Pressesprecher Hagen Kohlmann. Seinen Verdienst aber soll der Beschuldigte in seine „eigene Lebensführung“ investiert haben.
Besagter Gastronom seit Kontrolle auf Ulmer Street-Food-Markt 2024 im Visier der Zoll-Ermittler
Erstmals ins Visier der Zoll-Ermittler kam der Einzelunternehmer bei der Kontrolle eines seiner Food-Trucks auf einem Street-Food-Markt in Ulm-Söflingen im Jahr 2024. Wie unsere Redaktion aus Kreisen der damaligen Organisatoren erfahren hat, soll der besagte Gastronom hier mit einem gemieteten Schulbus vertreten und Drinks angeboten haben. Aufgrund von Unstimmigkeiten hätten die Beamten eine sogenannte „Geschäftsunterlagenprüfung“ durchgeführt. Dabei hätten sie fehlende Anmeldungen zur Sozialversicherung ermittelt. Eine Erlaubnis zur Arbeitnehmerüberlassung soll der Gastronom zudem nicht gehabt haben.
Nach Angaben der Ermittler verfügte der 37-Jährige einmal über drei „Food-Trucks“, mit einem kleinerem Café-Stand soll es einmal angefangen haben. Das deckt sich mit Informationen, die sich über ihn im Internet finden. Bei den drei Food-Trucks soll es sich jedoch vielmehr um drei historische Fahrräder handeln, die zu fahrbaren Cocktailstationen ausgebaut wurden. Um das Jahr 2016 herum kam der Neu-Ulmer demnach aus dem Kosovo nach Deutschland. „Die erste Bar, in der ich angefragt habe, wollte eigentlich keine Männer einstellen“, sagte er einmal in einem Zeitungsbericht. Doch sein Lächeln, seine Art eines Strahlemanns sei bei den Gästen so gut angekommen, dass die damalige Inhaberin ihm eine Ausbildung in der Branche nahelegte.
37-jähriger Gastronom machte sich vor allem mit Cocktails einen Namen
Nach seinem Abschluss als Hotel- und Restaurantkaufmann habe er im Alter von 25 Jahren gemeinsam mit einem Kollegen eine Bar in Ulm eröffnet, heißt es in jenem Bericht. Es war offenbar nicht seine Einzige. Noch bei mindestens einer weiteren Adresse in Ulm wurde der leidenschaftliche Barkeeper als Betreiber geführt. Mit seinen Cocktails machte er sich in der Doppelstadt einen Namen, vertrieb sogar selbst hergestellte Sirupe. Er war ein „richtiges Ass“, sagt ein einstiger Geschäftspartner unserer Redaktion.
Während des Corona-Lockdowns ließ er die gemischten Getränke nach Hause liefern. Es folgte unter anderem ein Catering-Dienst für Festivals und Veranstaltungen. Und während andere Gastronomen in und nach der Pandemie mit Fachkräftemangel zu kämpfen hatten, gab er sich als Vermittler aus. Personalprobleme habe er nicht. „Ganz nebenbei wird man auch gut bezahlt; wahrlich, verschlungen sind die Wege zum Erfolg …“, heißt es in einem 2021 erschienenen Artikel über den besagten Gastronomen, dessen Internetauftritte unter seinem Markennamen zwar noch zu finden sind, allerdings ohne Inhalt.
Zoll-Ermittler stellen Bargeld und Luxusgüter im sechsstelligen Bereich sicher
Womöglich deshalb, weil die Ermittler der Finanzkontrolle Schwarzarbeit dem Ganzen einen Riegel vorgeschoben haben. Sie brachten zutage, dass der 37-Jährige Löhne von mindestens einer Million Euro nicht der Sozialversicherung meldete. Lohnabrechnungen seien teilweise per Handy-Chat verschickt worden, Zahlungen erfolgten demnach via App über einen Zahlungsdienstleister oder in bar. Der besagte Gastronom sei keiner, der ein eigenes Lokal führt, sondern vielmehr einer, der im Hintergrund die Fäden zieht, so Zoll-Pressesprecher Kohlmann. Sein Personal habe er „überall angeboten“.
Im Rahmen der Festnahme am Mittwoch, 25. März, wurden mehrere Durchsuchungsbeschlüsse und ein Vermögensarrest vollstreckt. Die Ermittler konnten Bargeld, Luxusgüter und Forderungen gegenüber Auftraggebern im sechsstelligen Bereich sicherstellen. Das Verfahren leitet die Staatsanwaltschaft in Augsburg. Beteiligt waren auch Beamte der Steuerfahndung Ulm sowie der Kriminalpolizei Ulm.
Nachbarn sollen auf den Einsatz aufmerksam geworden sein, berichtet der einstige Geschäftspartner. „Wir kennen uns schon lange.“ Noch könne er nicht so wirklich glauben, dass es „so in die Richtung ausartet“. Zwar verstehe er die eine andere Sache jetzt besser. Mit Mitarbeitern des Gastronomen sei es „ab und zu chaotisch“ gewesen. Doch noch gebe es kein Gerichtsurteil. Vielleicht, sagt er, war manches „auch nicht mit Absicht“.
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