In „Italo-Disco“ läuft nichts nach Plan: Franco Berlotti, ein alternder DJ mit improvisiertem Equipment, tingelt über die Dörfer und legt auf Vereinsfesten, Geburtstagen und Firmenjubiläen auf. Viel Arbeit, wenig Geld und noch weniger Glamour. Doch das hält ihn nicht davon ab, sich selbst als den glücklichsten „Italo-Schwaben“ überhaupt zu bezeichnen. Als Franco an diesem Abend auf einem sechzigsten Geburtstag auflegt, scheint zunächst alles zu funktionieren. Die Stimmung ist ausgelassen, die Musik trägt den Abend. Doch plötzlich fällt die PA-Anlage aus. Die Musik verstummt.
Simon X. Rost inszeniert Stück für Antonio Lallo
Also beginnt Franco zu erzählen – von seinem Leben, von italienischem Essen, Fußball und Religion, von Heimweh und Familiengeschichten, natürlich auch von einem Telefonat mit der Mutter. Aus der Panne wird eine Lebensbeichte, aus dem Unterhaltungsabend eine Abrechnung mit sich selbst.
Geschrieben und inszeniert wurde das Stück von Simon X. Rost, der die Rolle eigens für Antonio Lallo entwickelt hat. Wenn die Premiere in der Theaterei Herrlingen gespielt ist, ist dies die Krönung eines jahrelangen Wegs. Kennengelernt haben sich beide vor rund zehn Jahren bei einem Werbedreh. „Antonio war der Schauspieler, ich habe Regie gemacht“, erzählt Rost. Erst später stellten beide fest, dass sie im selben Dorf bei Stuttgart lebten. Danach verloren sie sich jahrelang aus den Augen – bis sie sich während der Corona-Zeit zufällig im Wald begegneten. Aus gemeinsamen Spaziergängen entstand schließlich die Idee zu „Italo-Disco“.
Das verbindende Element sei Italien gewesen, sagt Rost. „Uns eint die tiefe Liebe zu Italien.“ Während Lallo familiäre Wurzeln in Italien hat, begann Rost während der Pandemie Italienisch zu lernen. „Ich wollte schon immer etwas über einen gescheiterten Alleinunterhalter schreiben, der sich trotzdem immer wieder aus der Misere zieht.“
Für Antonio Lallo ist „Italo-Disco“ deshalb auch eine „Migrationsgeschichte“. Denn hinter der Komödie steht die Erfahrung italienischer Gastarbeiterfamilien in Deutschland – und die Frage, wie man als freier Künstler in einer Welt besteht, die es nicht immer gut mit einem meint. „Wenn man ein Stück über einen italienischen Migranten macht, der über seine Wurzeln nachdenkt, dann gehören Klassiker wie Fußball, Familie, Essen und Musik natürlich dazu“, sagt Lallo.
„Italo-Disco“ feiert die Würde des Scheiterns
Der kreative Prozess sei überraschend verlaufen. Die Figur des Franco Berlotti entstand aus Gesprächen, Improvisationen und ersten Testläufen. Ende 2024 habe das Stück schließlich seine endgültige Form gefunden, erinnert sich Rost. Hinter der Komödie liege jedoch auch etwas Trauriges: die Auseinandersetzung mit Vaterfiguren, familiären Prägungen und eigenen Konflikten.
„Natürlich stecken biographische Elemente darin“, sagt Rost. Auch Lallo erkennt manches aus der eigenen Familiengeschichte wieder. Seine Eltern und Großeltern kamen einst nach Deutschland, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Ohne deren Mut, sagt Lallo nachdenklich, hätte er vermutlich nie Schauspieler werden können – und schon gar nicht dreizehn Jahre lang am Theater Ulm auf der Bühne gestanden. „Ein besseres Leben für die Kinder – das ist schon etwas sehr Großes“, sagt er. Auch wenn die Lage als freier Schauspieler heute oft schwierig sei, versuche er Zufriedenheit zu empfinden: „Da muss man sich manchmal sagen: Antonio, du bist schon sehr weit gekommen für eine italienische Gastarbeiterfamilie. Das ist gut.“
Vieles im Stück sei allerdings auch „frei erfunden und fabuliert“, ergänzt Rost lachend. Vor allem aber sei „Italo-Disco“ eine Komödie – allerdings eine mit melancholischem Unterton. Die Achtzigerjahre, die Musik und die Erinnerungen erzeugten jenes kollektive Gefühl von Nostalgie, das Generationen miteinander verbindet. „Musik ist ein Auslöser“, sagt Rost. „Die Zuschauer dürfen viel lachen – und manchmal auch weinen.“
Vielleicht liegt genau darin der Kern des Abends: in seiner unspektakulären Menschlichkeit. Franco Berlotti hat keinen großen Erfolg, keine glänzende Karriere und keine Illusionen mehr. Aber er hat eine gute Haltung zum Leben. Im Stück formuliert er sie so: „Wenn du deine Mama anrufen kannst und sie hört dich noch, dann ist das Glück. Und wenn du mich sehen kannst, funktionieren deine Augen noch. Das ist Glück.“
Info: Interessierte können das Stück auch am 17. Mai um 17 Uhr, 29. Mai um 19 Uhr und am 30. Mai um 20 Uhr sehen.
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