Andreas Oettel ist bei Ratiopharm Ulm der Mann der Zahlen. Ein kühler und sparsamer Rechner, der beim Basketball-Bundesligisten als Geschäftsführer für die Finanzen zuständig ist. So emotional wie am Freitag haben selbst langjährige Weggefährten ihn selten erlebt. Bei seiner Laudatio zur offiziellen Eröffnung des Orange-Campus versagte dem sicht- und hörbar bewegten Oettel die Stimme, gegen Ende seiner Ausführungen flossen sogar ein paar Tränen der Rührung. Zuvor hatte er stolz festgestellt: „Ein Traum ist Wirklichkeit geworden. Das Ding steht.“
Das „Ding“ ist in Wahrheit ein Projekt der Superlative. Ein für 23,5 Millionen Euro errichtetes Trainingszentrum auf 14.000 Quadratmetern am Donauufer, das bundesweit einzigartig ist und in Europa keinen Vergleich zu scheuen braucht. Das bestätigt unter anderem Nationalspieler Ismet Akpinar: „In Deutschland habe ich so etwas noch nie gesehen, nicht einmal auf dem Campus des FC Bayern München.“
Ratiopharm Ulm bringt 6,5 Millionen Euro selbst auf, etwa zwei Drittel davon sind teilweise sehr langfristige Darlehen, die zurückgezahlt werden müssen. Bei dem Thema ist Oettel dann wieder ganz der kühle Rechner: „Wir sind erst am Ziel, wenn unser Verein irgendwann schuldenfrei ist.“
Die Idee eines Orange-Campus entstand bei Ratiopharm Ulm vor mehr als sieben Jahren
Die Idee eines Orange-Campus entstand vor mehr als sieben Jahren, der Grundstein wurde im Mai 2019 gelegt und jetzt ist das Trainingszentrum mit drei Hallen, einem Fitnesscenter, Gastronomie, Büro- und Konferenzräumen so gut wie fertig. Zwischendurch wurde heftig diskutiert über das vor allem in der Ulmer Kommunalpolitik umstrittene Projekt.
Die Meinungsverschiedenheiten wurden auch bei der offiziellen Eröffnung vereinzelt noch thematisiert. Oettel erlaubte sich einen Seitenhieb auf Walter Feucht, Vorsitzender der TSG Söflingen und Campus-Kritiker, und der Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch erinnerte: „Wir haben es uns gemeinsam nicht leicht gemacht. Aber wir haben uns zusammengerauft.“
Die anderen Redner ergingen sich in Schwärmereien. Die Neu-Ulmer Rathauschefin Katrin Albsteiger gestand: „Ich kriege das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.“ Susanne Eisenmann, die württembergische Kultusministerin, nahm direkten Bezug zur Corona-Pandemie: „Der Sport braucht Perspektiven und die Eröffnung des Orange-Campus passt da gerade wunderbar ins Bild.“ Thomas Stoll, der Sportchef von Ratiopharm Ulm, hat nach eigener Schätzung selbst schon eine dreistellige Anzahl von Führungen durch den Komplex geleitet und immer noch Freude daran: „Ich komme mir vor wie ein kleines Kind, das sein schönstes Geschenk vorzeigen kann.“
Führung durch den Orange Campus in Neu-Ulm: Duschköpfe in 2,50 Meter Höhe
Führungen standen am Freitag auch für die geladenen Gäste auf dem Programm und die konnten sich davon überzeugen, dass die Schwärmereien durchaus berechtigt sind. Zu bestaunen gab es eindrucksvolle und eher kuriose Details. So wird die Haupthalle in luftiger Höhe über den Tribünen von einer 160 Meter langen Laufbahn umrundet.
Der Umkleideraum der Profis ist komfortabel ausgestattet mit namentlich gekennzeichneten Spinden und bequemen Ledersesseln. Zumindest dürfen die Profis darauf Platz nehmen. Die Nachwuchsspieler müssen mit einer klassischen Holzbank vorliebnehmen. So viel Hierarchie darf dann auch sein in einer Einrichtung, in der nach Überzeugung aller Laudatoren Nebensächlichkeiten wie soziale Herkunft, Nationalität oder Hautfarbe gar keine Rolle spielen. Ach ja: Die Duschköpfe im Sanitärbereich wurden in einer Höhe von 2,50 Metern montiert. Darunter hat dann auch der längste Basketballspieler Platz.
Auf die Frage nach den nächsten Plänen von Ratiopharm Ulm nannte Sportchef Thomas Stoll in einem vorab vom Verein veröffentlichten Interview übrigens eine eigene Halle für die Profimannschaft der Basketballer: „Das hört sich bestimmt verrückt an, aber das könnte schon Sinn machen. Momentan zahlen wir einen großen Anteil des Etats an eine Halle, in der wir viele Vermarktungsmöglichkeiten nicht haben.“ Verrückt? Das wurde vor ein paar Jahren vielerorts auch über den Orange-Campus gesagt. Am Freitag wurde er eröffnet.
Lesen Sie dazu auch:
- Seine letzte Saison? Per Günther blickt skeptisch auf die kommende Runde
- Transferpolitik von Ratiopharm Ulm: "Verein der Veränderung“