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Neu-Ulm: Premiere am Theater Neu-Ulm stellt die Gretchenfrage

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Premiere am Theater Neu-Ulm stellt die Gretchenfrage

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    Stephan Leitmeier soll auf Geheiß der Dramaturgin (Leonie Fuchs, rechts) "geschlechtsneutral" auftreten.
    Stephan Leitmeier soll auf Geheiß der Dramaturgin (Leonie Fuchs, rechts) "geschlechtsneutral" auftreten. Foto: Regina Langhans

    Der Klassiker „Faust I“ von Johann Wolfgang von Goethe im Theater Neu-Ulm einmal ganz anders: Im Mittelpunkt steht die Frage nach der richtigen Inszenierung von Gretchens Auftritt, als sie das mit Preziosen gefüllte Schmuckkästchen entdeckt und eine Flut an Emotionen durchmacht. Acht Regisseure proben die unterschiedlichsten Antworten, traditionell bis schrill, und geben dabei höchst amüsante Einblicke hinter die Kulissen. Das Komödiantische Spektakel „Gretchen 89 ff.“ von Lutz Hübner mit Leonie Fuchs und Stephan Leitmeier wurde bei seiner Premiere mit Begeisterung aufgenommen und ist noch den ganzen Mai zu sehen.

    Theater Neu-Ulm nimmt sich Goethes Faust an

    Die sogenannte Kästchenszene rund um die berühmte Textpassage „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“ – nachzulesen in der Reclam-Ausgabe von „Faust I“ auf Seite 89 ff – hat längst Kultstatus im Theater und die Tragödie zählt zu den meistzitierten Werken in der deutschsprachigen Literatur. Seit der Veröffentlichung im Jahr 1808 hat der Goethetext nicht an Aktualität verloren, im Gegenteil. Einen höchst kreativen Umgang mit der berühmten Schlüsselszene beweist die Komödie „Gretchen 89 ff.“, die im Juli 2021 Premiere feierte und nun als Gastspiel im Theater Neu-Ulm begeisterte.

    Ein Vorspann nach Art der Comedia del’arte mit Mephisto und Faust im Diskurs sowie ein Kurzfilm mit der Kästchenszene im Original führten ein, vielleicht auch nicht ganz literaturaffines Publikum schnell mitten ins Geschehen: Einblicke in die Probenarbeit von acht Regisseuren beziehungsweise acht unterschiedliche Gretchen-Konzepte und somit acht für sich stehende Szenen.

    Premiere am Theater Neu-Ulm: Ein kettenrauchender überreizter Regisseur

    Es begann harmlos, konventionell und überschrieben mit „Der Schmerzensmann“: Ein kettenrauchender überreizter Regisseur erwartet von seiner Schauspielerin bei den Eingangsworten „Es ist so schwül, so dumpfig hie“, dass sie „fleischliches Denken“ entwickelt. Er wünsche kein bourgeoises Theater sondern die Wahrheit. Schließlich wirft sich die verzweifelte Probandin bei ihrem Text zu Boden. Es wird dunkel und die nächste Szene kündigt sich an: „Das Tourneepferd“. Gretchen soll ihre Szene in einen Walzerauftritt verpacken und die Männer im Publikum anmachen, die im Theater Spaß haben wollten.

    Sex, Sex, Sex

    Dabei sinnt der schmierige Wiener Regisseur auf ein eigenes Stelldichein mit der Darstellerin. Bei der nächsten Szene, überschrieben mit „Die Freudianerin“ erfährt das Publikum, dass es um nichts andere gehe als um „Sex, Sex, Sex“. Als Schauspielerin müsse man „ein Gefühl dafür“ entwickeln. Darauf tritt „Die Anfängerin“ auf. Sie bringt mit ihren ulkigen Stimmübungen und nicht zu bremsendem Elan - „ich fang gleich nochmal an“ – den Regisseur zur Verzweiflung. Weitere Szenen: „Die Diva“, die beim Proben Ansprüche stellt und den Regisseur abkanzelt. Darauf „Die Schauspielerin an sich“, welche sich über die Konkurrenz aufregt und aus dem Nähkästchen ihrer Zunft plaudert. „Der Hospitant“ wiederum gibt ein wirres Bild dessen, was er überhaupt vorhat, und in der letzten Szene vertauschen die bewundernswert flexibel spielenden Akteure ihre Rollen vollends: Leonie Fuchs erscheint als „Die Dramaturgin“ und erwartet von Stephan Leitmeier einen „geschlechtsneutralen“ Textvortrag der Gretchenszene. Spätestens hier ist das Komödienspiel um die richtige Interpretation des Gretchentextes beim Klamauk angekommen.

    Rückblickend erkennen die Zuschauerinnen und Zuschauer einen spannend geführten und toll umgesetzten roten Faden in der Geschichte. Ein wirklich „Komödiantisches Spektakel“, das keine gesellschaftlichen Tabus auslässt. Wobei die beiden Mimen ihre Kunst vorzüglich beherrschen, Dinge nur an-, nicht auszuspielen. Ihre zugehörige Regieanweisung könnte heißen: „Am Regisseur hängt doch alles.“

    Das sind die Termine von „Gretchen 89 ff." am Theater Neu-Ulm

    Vorstellungen: Freitag/Samstag, 13./14. Mai, 20 Uhr, Sonntag, 15. Mai, 18 Uhr, Freitag/Samstag, 20./21. Mai, 20 Uhr, Sonntag, 22. Mai, 18 Uhr, Freitag/Samstag, 27./28. Mai, Sonntag, 29. Mai, 18 Uhr. Kontakt telefonisch 0731/553412 oder per E-Mail kontakt@theater-neu-ulm.de.

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