Herbert Grönemeyer hat es einst in einem Lied über eine gehörlose Frau beschrieben: dass sie Musik nur mag, wenn sie laut ist, weil sie in den Magen fährt und der Boden unter den Füßen bebt. In der Ratiopharm Arena wurde es am Freitag zeitweise sogar brachial laut, sodass alles zu vibrieren schien. Das gefiel sicher nicht jedem.
Laut wurde es etwa zu Ausschnitten aus einem Film über das Leben des österreichischen Rennfahrers Niki Lauda. Das große Orchester tobt mit wuchtigen Bässen und donnernden Trommeln – so intensiv, dass der Lärmpegel das Dröhnen vorbeiziehender Rennwagen auf einer echten Formel-1-Strecke bestimmt übertroffen hat.
Das neue Bühnenwerk „The World of Hans Zimmer – An Immersive Symphony“ ist die Weiterentwicklung der Konzertreihe des deutschen Filmkomponisten Hans Zimmer. „Immersiv“ bedeutet so viel wie „eintauchen“. Das gelingt durch moderne Bühnentechnik. Ein transparenter Vorhang und 3D-Technik lassen das Orchester optisch mit den Bildern auf der großen Leinwand verschmelzen. Zur Musik aus „Gladiator“ brennen lodernde Flammen auf der Bühne.
Mit Surround-Sound wähnt sich das Publikum plötzlich auf einem Hubschrauberlandeplatz
Mit Surround-Sound wähnt sich das Publikum plötzlich auf einem Hubschrauberlandeplatz oder in der New Yorker Metro. Man ist förmlich mittendrin. Dieser Effekt wird durch ein modernes 3D-Sound-Design erzeugt. Er erinnert an ein Eintauchen wie im Kinosaal, aber in der Neu-Ulmer Arena – vor allem in den oberen Rängen – stößt er an Grenzen, weil der Raum nicht verschwindet.
Was wäre eine emotionale Filmszene ohne Ton? Hans Zimmers vielfach prämierte Kompositionen zeigen, wie wichtig Musik für Gänsehautmomente im Kino ist. Seine Werke haben Filmen wie „Der König der Löwen“, „Interstellar“ oder „Inception“ große Dynamik gegeben – und ihm bedeutende Auszeichnungen eingebracht, unter anderem den Academy Award und den Golden Globe Award.
Rund 20 Streicher, Bläser, Rockband und Perkussion bringen auf die Bühne, was der Komponist für diese Show ausgewählt hat. Das Programm wälzt sich überwiegend durch dramatische Szenen. Die einzelnen Stücke reihen sich ohne roten Faden aneinander, sodass man oft nur rätselt, welche Musik aus welchem Film stammt.
Die Welt des Kinos bietet eigentlich viele freudige Momente: Liebe, Lachen, Tanzen, Glück. Hans Zimmer hat aber für seine „Immersive Symphony“ vor allem Szenen mit Kampf, Flucht, Leid und Schmerz gewählt. Das Orchester schleudert bedrohliches Donnern und Dröhnen raus, so dramatisch wie es nur geht. Glückliche Filmszenen fehlen fast vollständig.
Erleichtert lauscht man deshalb dann den Momenten, in denen Sängerinnen und eine Solistin an der Geige oder Musiker mit Flöte und Akkordeon melancholische und folkloristische Akzente setzen. Auch ein magisches Schattenspiel ist eine Wohltat fürs Auge. Davon hätte der Abend sicher mehr vertragen können.
Hans Zimmer, der per Videoeinspielung das Publikum begrüßt und verabschiedet, kündigt am Ende ein weiteres „Abenteuer“ an. Tatsächlich aber folgt daraufhin nicht etwa eine abenteuerliche Reise in schöner Natur, sondern ein brutales und düsteres Gemetzel auf einem Schiff aus „Pirates of the Caribbean“. Immerhin: Zum Ende begleitet das Orchester noch gefühlvoll einen langen und romantischen Filmkuss.
Die Interaktion mit dem Publikum fehlte auf weiten Strecken
Was bei einer Live-Show oft gut funktioniert, nämlich Interaktion oder Ansprache an das Publikum, fehlt an diesem Abend auf weiten Strecken. Das Publikum belohnte die Künstler am Ende aber mit Standing Ovations. Die starke Bühnenpräsenz und die Virtuosität der Solistinnen und Solisten trugen sicher zu dieser Begeisterung bei.
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