Wegen Rückenproblemen begab sie sich in einer physiotherapeutischen Praxis in Ulm in Behandlung. Die 50-Jährige wunderte sich, warum sie der Masseur immer abends in die Praxis einbestellte, wenn sonst niemand mehr dort war. Dann, im Oktober vergangenen Jahres, kam es zum Übergriff: Der Masseur wanderte mit seinen Händen von den Beinen immer höher in Richtung ihres Intimbereichs, berührte diesen in kreisenden Bewegungen und penetrierte sie mit einem Finger. Das Ganze dauerte etwa eine halbe Stunde, sagt das Opfer hinterher aus.
Sie sei wie erstarrt gewesen, konnte sich nicht bewegen. Sie fühlte sich, auch weil sonst niemand in der Praxis war, ausgeliefert. Erst als ihre Smartwatch klingelte, schaffte sie es, sich aus der Schockstarre zu befreien, stand auf und zog sich an. Sie nahm ihr Handy zur Hand und tat so, als telefoniere sie mit ihrem Mann, bevor sie den Raum verließ. „Hat ihr Mann Sehnsucht?“, fragte sie der 57-jährige Masseur, und ob es ihr gefallen habe.
Das Opfer leidet massiv unter der Tat in der Ulmer Praxis
Bis heute leidet das Opfer unter dem Geschehenen, innere Unruhe und Ängste plagen sie. Ihr Verhalten hat sich auch aus der Sicht naher Kontaktpersonen seitdem komplett verändert. Erst dachte sie, sie könne sich über Arbeit ablenken und das Ganze verdrängen. Doch bis heute muss sie immer wieder über längere Zeiträume wegen ihrer Rückenprobleme und der psychischen Folgen der Tat krankgeschrieben werden.
Der Masseur muss sich vor dem Ulmer Amtsgericht wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung verantworten. Der Verhandlung folgt er mit gesenktem Kopf. Persönliche Angaben macht er nicht.
Als er nach er nach der Tat erfuhr, dass seine Patientin ihn bei der Polizei angezeigt hatte, ging er selbst dorthin, um eine Gegenanzeige zu machen – wegen böswilliger Verleumdung und falscher Verdächtigung. Er sagte aus, die Patientin sei an dem Tag in einem Zustand gewesen, als habe sie K.o.-Tropfen zu sich genommen. Allerdings ist die Beweislast drückend: Bei einer gynäkologischen Untersuchung des Opfers wie auch an der Unterhose wurden unter anderem seine DNA-Spuren sichergestellt.
Schon bevor sie an dem Oktobertag erstmals wegen einer Lymphdrainage die Praxis besuchte und nur mit Oberteil und Slip auf der Behandlungsliege lag, sei es bereits zu unangenehmen, zu nahen und intimen Berührungen gekommen, sagte das Opfer aus. Bei den Rückenbehandlungen zuvor habe der Masseur ihren Po massiert. Sie habe sich verkrampft und habe versucht auszuweichen, erklärte sie der Polizei.
Konfrontiert mit der Aussage des Praxisinhabers, bricht die Frau in Tränen aus
Laut des verantwortlichen Physiotherapeuten in der Praxis gab es bis dahin keine Beschwerden über den Masseur. Allerdings habe er ausgesagt, es sei ihm komisch vorgekommen, dass die 50-jährige Frau immer von ihrem Ehemann zur Praxis begleitet wurde, erklärt eine Kriminalkommissarin, die als Zeugin vor Gericht geladen war. Doch als das Opfer mit dieser Aussage konfrontiert worden sei, sei sie noch aufgelöster gewesen. Ihr Mann habe sie nämlich gar nicht begleitet. Für den Tattag konnte das auch nachgewiesen werden – der Mann arbeitete zu der Zeit.
Der Masseur befindet sich seit Februar in Untersuchungshaft, erscheint mit Hand- und Fußfesseln im Gerichtssaal. Weil eine Zeugin der Polizei am vergangenen Verhandlungstag nicht erscheinen konnte und auch, weil die Beteiligten noch einmal eine Zeugin zum gynäkologischen Bericht hören möchten, wurde das Urteil gegen den 57-Jährigen vertagt.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren