Dass Rolf Goggelmann ein Händchen für besondere Konzertabende besitzt, hat er vielfach bewiesen, von der „Hudson Bar“ bis zuletzt im Neu-Ulmer „Gold“. Nun verantwortet der Booker und Musikspezialist, selbst auch als Künstler unter dem Namen ROK bekannt, das Programm im Aegis Café – und setzt dort seine Erfolgsserie fort.
Nachdem bereits Susan Köcher mit ihrem „Supraphon“ rund 200 Besucher im Aegis-Garten zwischen Psychedelic, Dream Pop, Krautrock und Sechzigerjahre-Flair begeistert hatte, folgte nun ein weiterer Höhepunkt: Tchotchke aus New York. Eigentlich sollte das junge Trio unter freiem Himmel spielen. Doch ein Starkregenschauer machte dem Plan einen Strich durch die Rechnung.
New Yorker Band kombiniert Sixties-Pop und Indie-Rock
Was zunächst wie ein Rückschlag wirkte, erwies sich als Glücksfall: Rund 40 Zuhörer fanden sich im Saal ein und erlebten die Band aus nächster Nähe. Tchotchke wurden 2020 in New York gegründet und haben sich mit ihrem unverwechselbaren Mix aus Sixties-Pop, Girlgroup-Harmonien und modernem Indie-Rock rasch einen Namen gemacht. Die Band besteht aus Anastasia Sanchez (Schlagzeug, Gesang), Eva Chambers (Bass, Gesang) und Emily Tooraen (Gitarre, Gesang). Sanchez und Chambers spielten bereits als Teenager in der gefeierten Los-Angeles-Indieband Pinky Pinky, bevor sie mit neuem Namen, neuer Heimat und neuer musikalischer Ausrichtung ein neues Kapitel aufschlugen - als Tchotchke.
Ihr Debütstück „Dizzy“ entstand im Keller der Eltern von Brian und Michael D’Addario, besser bekannt als The Lemon Twigs. Die Brüder produzierten die Aufnahme und wurden zu wichtigen Wegbegleitern der Band. Inhaltlich kreist der Song um alte Liebschaften und die Frage, ob eine Beziehung beim zweiten Versuch vielleicht noch aufregender sein könnte. Live überzeugten Tchotchke gerade auch durch ihre markanten Gesangsharmonien. Immer wieder schwebte die Stimme von Anastasia Sanchez über treibenden Basslinien und energischen Schlagzeugfiguren, fing die wildesten Momente ein und führte sie zurück in eingängige, oft überraschend tanzbare Melodien. Das Publikum blieb von der ersten Minute an dabei, wippte, tanzte und ließ sich von der Spielfreude der Musikerinnen anstecken. Besonders charmant geriet „Kisses“, ein sonnendurchfluteter Popsong im Stil klassischer Girlgroups der 1960er Jahre.
Erzählerin träumt von unerfüllter Liebe und nostalgischem Pop
Die Erzählerin schwärmt darin von einer unerwiderten Liebe, fährt am Haus des Angebeteten vorbei, wartet auf ein Zeichen und verliert sich in romantischen Tagträumen. Statt großer Dramatik herrscht verspielter Optimismus, getragen von Harmonien, die an die großen Girlgroups der Popgeschichte erinnern. Mit „Fallin‘“ zeigte die Band ihre experimentierfreudigere Seite. Italopop-Anklänge treffen hier auf punkige Schlagzeugattacken und feine Jazzrock-Zitate.
Manchmal fühlte man sich an eine weibliche Variante der Fleet Foxes erinnert, dann wieder blitzte der rauhe Charme der Stimme von Cass Elliot auf. Den Schlusspunkt setzte Material aus dem aktuellen Album „Playin‘ Dumb“. Inspiriert von Gruppen wie den Beach Boys, den Ronettes oder den Shangri-Las verbindet die Platte nostalgische Klangfarben mit überraschend bissigen Texten. Im Titelsong singt die Band: „Never confess I‘m not really impressed, ,misunderstand so you feel like a man“. Auf Deutsch etwa: „Gib niemals zu, dass du nicht beeindruckt bist. Tu so, als würdest du missverstehen, damit er sich wie ein Mann fühlen kann.“ Eine kluge, ironische Abrechnung mit traditionellen Rollenbildern, verpackt als unwiderstehlicher Tanzsong.
Tchotchke arbeiten bewusst mit analogen Aufnahmetechniken und kultivieren einen Sound, der wirkt, als stamme er direkt aus einer gut sortierten Plattenkiste. Ein Konzert, bei dem man fast das Knistern alten Vinyls zwischen den Lautsprechern zu hören glaubte.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren