Damit wir künftig auch ohne Zeitzeugen die Geschehnisse des Holocaust und des Dritten Reiches nicht vergessen, bedarf es einer vielfältigen Kultur des Erinnerns. Und diese betrifft auch die Kinder und Enkel der Opfer. Ayala Goldmann hat mit ihrem Buch „Schabbatkind“ einen Baustein in dieses Erinnerungsgefüge eingesetzt und stellt dieses Buch am kommenden Mittwoch im Haus der Begegnung vor.
Anlass dieses Werk in Arbeit zu nehmen, war der Tod ihres Vaters Shraga Felix Goldmann, der als Immunologe und Transfusionsmediziner seit 1972 an der Universität Ulm forschte. Am 28. November 2017 starb der Pionier der Transfusionsmedizin kurz vor seinem 82. Geburtstag. Noch innerhalb der 30-tägigen jüdischen Trauerphase „Schloschim“ begann seine Tochter, Erinnerungen an den Vater aufzuschreiben. Es wurde "eher unbeabsichtigt", wie Goldmann sagt, ein Buch über die Familie.
Sharga Goldmanns Familie wanderte 1938 nach Palästina aus
Shraga Goldmann entstammte als siebtes Kind einer osteuropäischen, orthodox-jüdischen Familie. 1935 geboren, entkam Shraga dem Zugriff des Nazisystems, weil seine Familie 1938 dank Kontakten der Tante nach Palästina auswandern konnte. Man habe den Vater einmal als "Sonntagskind" bezeichnet, berichtet Goldmann, für sie aber sei er das "Schabbatkind". Während Shraga also als junger Kibbuznik aufwachsen durfte, verlor die Familie mindestens 13 Angehörige in der Schoa.
Die Spurensuche zum Leben des Vaters musste der Autorin zwangsläufig zur Reise durch die Geschichte der Familie werden. Die Suche begann "intuitiv", sagt die Autorin und betont, dass sie Journalistin, keine Romanautorin sei. Ihre Suche habe "ganz banal" mit einer Internetrecherche begonnen. Und das spuckte entgegen aller Erwartungen kleine Informationen aus, etwa den Namen einer Großtante, Taube Agajster, die im Sterberegister des Warschauer Ghettos auftauchte. Angeblich 1941 an der Grippe verstorben. Die Journalistin ließ nicht locker: "Zuerst dachte ich, ganz naiv, wunderbar, eine natürliche Todesursache. Sie wurde nicht in der Schoa ermordet." Aber gab es einen "natürlichen Tod" in dieser Zeit überhaupt? Ayala Goldmann recherchierte weiter, in Warschau und dem Archiv JHI (Jüdisches Historisches Institut) in Warschau.
Autorin fragt sich: "Will ich das wirklich alles wissen?"
"Ich habe zwischendurch auch gestoppt und mich gefragt: Will ich das alles wirklich wissen? Wenn es konkret wird, ist es total schrecklich." Die meisten Spuren der Verschwundenen liefen ins Leere. Goldmann legte Wert darauf, sie im Buch nicht als "Geister" zu literarisieren. Stattdessen folgte sie dem Belegbaren und dem Erlebten: Der eigenen Kindheit, der Jugend ihrer Eltern, der Laufbahn ihres Vaters, der, wie sie sagt, kein Überlebendentrauma gehabt habe. Denn: "Es gab ja keine Überlebenden."
Shraga Goldmann fiel durch eine Aufnahmeprüfung fürs Medizinstudium in Israel – und versuchte sein Glück in Deutschland. In Hamburg, ohne Visum, ohne Studienplatz und mit eingeschränkten Deutschkenntnissen begann er sein Medizinstudium – und lernte seine Frau Sibylle kennen, die heute noch in Ulm lebt. Die Mutter konvertierte zum Judentum, 1972 zog die Familie nach Ulm, 1992 gründete Goldmann gemeinsam mit Kollegen das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland, das zuvor jahrelang vorbereitet worden war. Er leistete Bahnbrechendes. Ayala Goldmanns Verdienst als Autorin ist aber gerade der Blick auf Privates, Menschliches, Zeittypisches. Etwa die Großmutter Elfriede, die den israelischen Freund missbilligt und beim ersten Zusammentreffen misslaunig äußert: "Dann muss er wohl mitessen."
Mit Nähe und Wärme berichtet Ayala Goldmann über ihre Vergangenheit und die Geschichte ihrer Familie. Und sie hat eine wichtige Botschaft: "Erinnern ist kein Selbstzweck, das hat uns auch der Ukraine-Krieg gezeigt. Die Bereitschaft, Kriege anzuzetteln oder die Demokratie auszuhöhlen, das scheint im Menschen verwurzelt zu sein. Das, was wir für überwunden hielten, ist nicht aus der Welt."
Termin: Ayala Goldmann stellt ihr Buch „Schabbatkind – das Leben des Ulmer Transplantationsmediziners Shraga Felix Goldmann“ am Mittwoch, 19. April, um 19 Uhr im Haus der Begegnung in Ulm vor.