Der Beruf der Hebamme wird als der wohl älteste Frauenberuf angesehen, nachgewiesen seit etwa 5000 Jahren. In der Gegenwart ändert sich angesichts der Komplexität und Vielfalt dessen, was eine Hebamme – die Bezeichnung gilt unabhängig vom Geschlecht – können muss, sehr viel: Deutschland folgt als letzter EU-Mitgliedsstaat den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation und beschloss Anfang 2020 die Akademisierung der Hebammenausbildung.
Uni Ulm bietet angewandte Hebammenwissenschaft an
Ulm/Heidenheim ist einer von sechs Studienorten in Baden-Württemberg, wo man den Bachelorabschluss in Angewandter Hebammenwissenschaft erlangen kann. Bis zum 30. September läuft die Bewerbungsfrist. Es gibt noch freie Plätze.
Ronja Richter ist 21, und eigentlich wollte sie nach dem Abitur, das sie in Aalen machte, zunächst reisen. Corona kam dazwischen – und Ronja fand eine Praktikumsstelle in der Geburtsstation eines Krankenhauses. Das bedeutete einen Wendepunkt in ihrem Leben: „Eigentlich wollte ich etwas Künstlerisches machen“, erzählt die junge Frau mit dem fröhlichen Gesicht. „Aber ich hatte das Gefühl, dass ich da zu wenig Nutzen für die Gesellschaft bringe.“
Was die Kursleiterin an der Ulmer Frauenklinik sagt
Dann stieg sie ins Praktikum ein und entwickelte schnell die Überzeugung: „Ronja, das passt!“ Mit der Erfahrung des Praktikumsjahres bewarb sich Ronja Richter um einen Studienplatz der Angewandten Hebammenwissenschaft der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Heidenheim; verantwortlicher Praxis-Partner ist seit einem Jahr die Frauenklinik des Universitätsklinikums Ulm. Hier finden die praktischen Einsätze des Studiums in der Geburtshilfe, im operativen Bereich und in der Neonatologie statt. In Bayern gibt es acht Orte, wo man (teilweise erst ab diesem Wintersemester) Hebammenkunde primär qualifizierend studieren kann.
In der Ulmer Frauenklinik ist Ela Reister Ronjas Kursleiterin. Sie erklärt, weshalb es wichtig ist, die Hebammenausbildung auf Hochschulniveau zu führen. „Das Berufsfeld der Hebammen ist so komplex, dass es viel eigenverantwortliches Handeln braucht.“ Die Hebammenwissenschaft ist eine eigenständige Disziplin, zu der wissenschaftlich in Physiologie und Pathologie geforscht wird. „Wenn man wissenschaftlich arbeiten kann, kann man interdisziplinär mit Ärzten, mit denen wir zusammenarbeiten können und dürfen, besser kommunizieren.“ Gleichzeitig muss die Hebamme evidenzbasiert und eigenverantwortlich werdende Mütter informieren und aufklären können.
Das Ziel: Frauen sollen selbstbestimmt gebären können
„Ziel ist“, sagt Susanne Lehr, leitende Hebamme der Geburtshilfe, „dass Frauen selbstbestimmt gebären können. Die Aufgabe der Hebamme ist es, sie dabei zu unterstützen.“ Susanne Lehr nennt ein Beispiel: In Brasilien liegt die Rate der Kaiserschnitt-Geburten bei deutlich über 50 Prozent. Von einer „kulturspezifischen Angelegenheit“ spricht die WHO. Brasilianische Frauen kommen also mit einer anderen Erwartungshaltung in eine deutsche Geburtsklinik. Aufklärung vor dem Geburtstermin ist in einem solchen Fall eine wichtige Aufgabe der Hebamme, die Empathie verlangt.
Für das Studium der Hebammenwissenschaft ist die Allgemeine Hochschulreife nötig; auch wenn in Ulm derzeit nur junge Frauen im 2021/22 begonnenen dualen Studium der Angewandten Hebammenwissenschaften eingeschrieben sind, steht der Studiengang genauso männlichen Bewerbern offen. Belastbar muss man sein, um auch in Notfallsituationen richtig und eigenverantwortlich handeln zu können; Schichtdienst gehört zur Tätigkeit – Babys kommen nicht nur zwischen neun und 17 Uhr zur Welt. Als wichtigste Eigenschaft sieht Susanne Lehr Verantwortungsbewusstsein. „Man trägt in der Geburtssituation die Verantwortung für eine Familie. Es sind zwei Leben, für die man verantwortlich ist.“
Ronja Richter ist überzeugt: Für sie war die Entscheidung für das im April begonnene Studium der Angewandten Hebammenwissenschaft richtig. „Die Leute hier sind unglaublich ruhig und sicher in dem, was sie tun.“ Sechs der sieben Semester bis zum staatlichen Hebammenexamen hat Ronja noch vor sich – im steten Wechsel zwischen Theorie und Praxis.