Josua Wirth bezeichnet sich als professioneller Tiktoker, Onlinemarketing-Spezialist und Abenteurer
Wirth: "In Deutschland machen alle Stress wegen Benzinpreisen, hier haben die Menschen keine Schuhe an."
Josua Wirth steht in Kathmandu vor der Botschaft und rauft sich die Haare. Seit Monaten hängt er in der nepalesischen Hauptstadt fest und schlägt sich mit Problemen mit seinem Visum herum. China verbiete ihm die Einreise wegen türkischer Einreisestempel in seinem Reisepass, sagt Wirth. Mit diesen bürokratischen Hürden habe er nicht gerechnet. In Flipflops und kurzärmligem Leinenhemd spricht er in seine Handykamera. Wenige Minuten später werden Hunderttausende in seiner Heimat bei Ulm und überall auf der Welt das Video sehen.
Josua Wirth ist Tiktoker, er lädt täglich mehrere solcher Kurzvideos im Internet hoch. Es sind verwackelte Reiseberichte, mit emotionaler Musik unterlegt. Der 24-Jährige lebt den Traum vieler junger Menschen. In einem Telefonat mit unserer Redaktion erzählt er, wie es dazu kam und was sein Heimatort Schnürpflingen im Alb-Donau-Kreis mit seinem Erfolg zu tun hat.
Kurzatmig erzählt Wirth von seiner Reise. Aus Ammerstetten bei Schnürpflingen ist er vor 300 Tagen aufgebrochen. Das Ziel ist Thailand. Von Frankfurt oder München komme man in unter elf Stunden dahin, sagt er. Er entschied sich aber dafür, die mehr als 10.500 Kilometer zwischen seinem Heimatdorf und Thailand zurückzulegen, ohne ein Flugzeug zu betreten. Per Anhalter, Schiff, Traktor und über weite Strecken zu Fuß macht er sich auf den Weg ins Ungewisse. In der thailändischen Stadt Chiang Mai wartet seine Freundin, die dort an einer deutschen Schule arbeitet. Die beiden sind seit vier Jahren ein Paar. Gemeinsam wollen sie in Thailand leben, eine Rückreise nach Deutschland plant Wirth im Moment nicht.
Bei den Videodays in Köln, einem Festival für Influencerinnen und Influencer, bezeichnete sich Wirth im September 2022 als Umweltaktivist. Seine Internetkarriere begann 2018: Er probierte es mit Comedy und tanzte vor der Handykamera – zunächst mit mäßigem Erfolg, wie er sagt. Mit kurzen Haaren und gelbem T-Shirt machte er lustige Videos über seine Arbeit als Postbote. Ein großer Account teilte einen seiner Clips, in dem er sich über seinen Arbeitgeber lustig macht. Bald folgten ihm 100.000 Menschen, die ihn für seine Parodien lieben. "So der deutsche Postbote zu sein, das war schon cool", sagt Wirth. Aber nach sechs Monaten reichte es ihm. Dass so viele Menschen ihm im Internet ihre Aufmerksamkeit schenken, habe er für etwas anderes nutzen wollen, sagt er.
Wirths Vater war Holzhändler, zusammen haben sie viel Zeit in den heimischen Wäldern verbracht. Seit jeher ist ihm Umweltschutz wichtig. Er habe keinen Kindergarten besucht, erzählt er, sondern seine ganze Kindheit in Ammerstetten in der Natur verbracht. Als Jugendlicher war bei den Pfadfindern, habe früher am liebsten im Zelt geschlafen. Nach dem Abitur soll sein Vater ihm gesagt haben: "Bua, dua, was da willsch." Und Wirth wollte reisen. Damals flog er erstmals nach Südostasien.
"Wow! Krass! Wie schön ist unsere Welt", habe Wirth sich da gedacht. Neben der Schönheit der Natur sieht er aber auch Müllberge, verschmutzte Flüsse und soziale Ungerechtigkeit. Zurück in Deutschland studierte er BWL – mit dem Ziel, in der Welt etwas Gutes zu tun. Seine ersten eigenen Firmen habe er in den Sand gesetzt, erzählt er – eine Tauschbörse für Kuscheltiere etwa oder ein Pflanzen-Kit, mit dem man Pflanzen in Kokosnussschalen ziehen kann. Seine Abschlussarbeit für die Universität schrieb er über das Potenzial der Plattform Tiktok für mittelständische Unternehmen. Auf seiner Webseite bezeichnet er sich als professioneller Tiktoker, Onlinemarketing-Spezialist und Abenteurer. Seine aktuelle Reise finanziert er über Kooperationen mit Firmen, wie er sagt. So filmt er einige seiner Tiktok-Videos etwa mit einer Kamera der Marke Gopro und wird von der Firma dafür bezahlt. Zudem lebe er von Rücklagen. Er habe eine Firma in Deutschland verkauft, bevor er auf seine Reise aufgebrochen sei, erzählt er.
Wirth ist in einer freikirchlichen Gemeinde aufgewachsen, beschreibt sich als gläubig. Auf seinen Reisen sei er mit vielen verschiedenen Religionen in Berührung gekommen, erzählt er. Es habe ihn etwa sehr beeindruckt, wie eng die arabische Kultur mit dem Islam verknüpft ist. Wirth ist Anfang 2023 per Anhalter durch den Iran gereist. Seit September 2022 halten die Proteste in dem Land an, nachdem die kurdischstämmige Iranerin Jina Mahsa Amini in Teheran durch Polizeigewalt getötet wurde. Die regierungskritischen Proteste habe er zwar mitbekommen, sagt er, sei von den Menschen in Iran aber stets "super nett empfangen" worden. Soziale Missstände wie im Iran haben seinen Glauben an eine höhere Macht nach eigenen Angaben nicht erschüttert. Sehr wohl geändert aber habe sich seine Sicht auf westliche Privilegien. "In Deutschland machen alle Stress wegen Benzinpreisen, hier haben die Menschen keine Schuhe an", sagt Wirth.
Die vielleicht wichtigste Lehre seiner Reise bisher: Gelassenheit. So begegnet Wirth auch den chinesischen Einreiseregelungen. "Wir Deutschen denken, wir haben das Recht, einfach so in ein anderes Land zu fahren", sagt er. Dabei solle man es als Geschenk sehen, in fremde Kulturen blicken zu dürfen. Mit seiner Unbedarftheit und unerschütterlichen guten Laune kommt er seinem Ziel immer näher: endlich mit seiner Freundin in Thailand wieder vereint zu sein. In der Botschaft in Kathmandu übrigens möchte Wirth einen neuen und komplett leeren Reisepass abholen. Damit, so hofft er, könne er dann endlich sein Visum für China beantragen und seine Reise fortsetzen.