Eine Frau hält mit ihrem Fahrrad auf dem Ulmer Donauradweg unter der Eisenbahnbrücke an, sie lächelt und fragt: „Hallo Andrea! Und, dürft ihr bleiben?“ Andrea lächelt zurück und sagt: „Nein, morgen um 10 Uhr müssen wir weg sein.“ Die Frau schüttelt den Kopf. „Schade“, sagt sie. Andrea ergänzt: „Wir werden uns sicher noch begegnen, irgendwo hier in Ulm und Neu-Ulm.“ Die Frau freut sich und antwortet: „Ganz bestimmt. Mach‘s gut. Alles Gute dir.“ Sie tritt wieder in die Pedale und fährt weiter.
Nicht nur einmal wird Andrea an diesem Dienstag gegrüßt. Es sind „liebe gute Leute“, sagt sie. Sie habe Bekannte, die sogar aus Illertissen und Günzburg ab und zu bei ihr vorbeischauen. Seit zwei Jahren lebt die 69-jährige Obdachlose unter der Eisenbahnbrücke in Ulm. Wenn es wie zuletzt so stark regnet, bleibe es hier trocken. Ursprünglich stammt die gelernte Bankkauffrau aus dem Berchtesgadener Land. Als ihre Eltern starben, kam sie vor gut 15 Jahren zu ihrem Freund in die Donaustadt. Dessen Tod vor zwei Jahren scheint ihr Leben aber radikal verändert zu haben.
Andrea fühlte sich unter Eisenbahnbrücke wohl: „Hier bist du nicht verjagt worden“
Sonam, ein Buddhit aus Tibet, sei vor drei Jahren der erste Obdachlose gewesen, der unter der Eisenbahnbrücke auf Ulmer Seite nächtigte. Inzwischen würden zur Community vielleicht um die zehn Menschen gehören, die regelmäßig diesen Platz aufsuchen. Aktuell leben Hans und seine Freundin sowie Henry noch in Andreas unmittelbarer Nachbarschaft. Ihr sei die Stelle vom Roten Kreuz einst empfohlen worden. „Hier bist du nicht verjagt worden“, sagt Andrea. Über die Zeit aber seien jede Menge Habseligkeiten zusammengekommen, die mancher womöglich auch als Müll bezeichnen dürfte. Für die Obdachlosen aber ist es alles, was sie haben.
Spätestens seit diesem Jahr beschäftigen die Zustände vor Ort auch vermehrt Ulmer Lokalpolitiker. Die FDP-Fraktion hatte im Februar eine Entrümpelungsaktion sowie mobile Toiletten gefordert, um die hygienische Situation zu verbessern. Geändert hat sich dem Vernehmen nach aber nichts. Ende Juni brannte an einer anderen Stelle unter der Brücke ein Zelt der Obdachlosen ab. Am Tag nach Schwörmontag sei eine Sozialarbeiterin der Stadt Ulm gekommen und habe angekündigt, dass der Platz geräumt werde, sagt Andrea. Der genaue Zeitpunkt sei bis vergangenen Freitag unklar gewesen. An diesem Mittwoch, 10 Uhr, müssten nun aber alle verschwunden sein, sagt sie.
Stadt Ulm will „Anfang August“ den Platz räumen: So wird die Entscheidung begründet
Die Stadt Ulm nennt als Termin zunächst lediglich „Anfang August“ und begründet die Räumung mit so: „Hintergrund der Entscheidung sind erhebliche hygienische Missstände, eine zunehmende Ausdehnung der Fläche sowie zuletzt ein offenes Feuer mit konkreter Brandgefahr. Die Situation vor Ort hat ein Maß erreicht, das ein Handeln aus Gründen der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes erforderlich macht, sowohl im Interesse der Bürgerinnen und Bürger, aber vor allem auch der dort lebenden Menschen. Auch aus der Bevölkerung haben sich Hinweise, Sorgen, aber auch Beschwerden zuletzt gehäuft.“ Bis auf eine Person seien alle regelmäßig dort Lebenden angetroffen und mit ihnen gesprochen worden, wie sie nach einer Auflösung des Zeltlagers zurechtkommen. Angebotene Übernachtungsmöglichkeiten, wie im Aufnahmehaus für Frauen, seien jedoch abgelehnt worden, so der Stadtsprecher.
Andrea fühlt sich davon überrumpelt. Ihr geht das zu schnell. Im September hätte sie eine Bleibe in Aussicht, aber eben nicht so schnell. Ihr sei von der Stadt lediglich ein WG-Platz in einer Flüchtlingsunterkunft im Mähringer Weg angeboten worden, sagt sie. Doch da wolle sie nicht hin. „Die ist überfüllt.“ Zudem fürchtet sie sich vor den Männern dort, die würden Frauen attackieren. Darüber hinaus leide sie an Arthrose, sei auf ihren Rollator angewiesen. Da sei für die nicht jedes beliebige Heim geeignet. Das Neu-Ulmer Nuißlheim könne sie sich gut vorstellen. „Aber da darf ich als Ulmerin nicht hin.“
Ulmer Linken starten Petition und organisieren Aufräumaktion bei den Obdachlosen
Vergangene Woche haben die Ulmer Linken eine Petition gestartet. Sie fordern die Aussetzung der Räumung. In sozialen Netzwerken wie Instagram und Tiktok hat das „Eisenbahnbrücken-Camp“ einen eigenen Account bekommen. Die Videos dort wurden mehr als 100.000 Mal aufgerufen. Andrea ist hier fast schon ein kleiner Star. Zudem initiierten die Linken am Freitag eine Aufräumaktion. Freiwillige halfen den Obdachlosen, ihr Hab und Gut zu sortieren und größtenteils wegzuwerfen. 50 bis 60 gefüllte Säcke seien so zusammengekommen, berichtet Andrea. Ihre Besitztümer passen jetzt in zwei bis vier Säcke. Auch ihr Zelt kam weg, geschlafen wird jetzt auf einem Sofa. Weitere drei Kartons will sie noch befüllen. Die Sachen kämen bei einem Bekannten unter.
Am Dienstag stellte die Grünen-Fraktion noch einen Antrag bei Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher (SPD), nachdem Vertreter der Partei zuvor bei Andrea zu Besuch waren. „Die hygienischen und gesundheitlichen Bedingungen vor Ort sind „nicht mehr tragbar“, schreiben sie und fordern, die Räumung für sechs Wochen aufzuschieben. Am späten Dienstagnachmittag lenkt die Stadt Ulm zwar ein: Die Räumung wird um zwei Wochen verschoben. Neue Deadline ist Mittwoch, 20. August. Andrea wird das womöglich nicht reichen. Wenn es so weit ist, will sie alles in ihren Rollator packen und erst einmal in Richtung Blaupark marschieren.
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