Raubkatzen sind keine Schmusekätzchen. Fremde über ihr Fell streicheln zu lassen und mit diesen dann vergnüglich zu kuscheln, ist nicht vorgesehen in den Mustern ihres natürlichen Verhaltens. Besucherinnen und Besuchern, denen das am Samstagmorgen im Zelt des Circus Krone in Ulm nicht so ganz bewusst ist, geben die Ordner den entscheidenden Wink. Mit Argusaugen achten sie darauf, dass niemand dem Netz, das die Zuschauerränge von der Manege trennt, zu nahe kommt.
Dort hat an diesem Samstag Martin Lacey jr. zu einer öffentlichen Raubtierprobe geladen, "um zu zeigen a bissel unsere Zirkuswelt". Der radebrechende Engländer nutzt sie nicht nur für eine Unterrichtsstunde in Sachen Tier-Dressur, sondern gleichfalls zu einem mit viel Nachdruck vorgetragenen Plädoyer, den Zirkussen ihre Tiere zu belassen. Seinen Tieren gehe es ausgezeichnet, so lautete die von Lacey in einigen Varianten vermittelte Botschaft. Die – nach seinen Worten auch unangekündigt erfolgenden – Inspektionen durch Amtstierärztinnen und -tierärzte waren da nur ein Glied in seiner Beweiskette. Als eine seiner Löwinnen den Abgang mit den Kolleginnen verbummelte, um lieber bei ihm in der Manege zu bleiben, interpretierte er dies sogleich in diesem Sinne.
Dompteur Martin Lacey jr. zeigt öffentliche Probe mit Löwen
Die tierhaltenden Zirkusse stehen unter Druck, so lautet der eine Begleittext seiner Demonstration. Der andere handelt von der engen Beziehung zwischen ihm und seinen Löwen und Tigern: "Ich bin von morgens bis abends mit ihnen zusammen. Ich erkenne, wie es ihnen geht." Sehr genau kenne er deren individuellen Charakter. Ihn brechen zu wollen, würde lediglich ihre Aggressivität fördern. Schläge mit dem Stock seien absolut tabu. "Hätten die Tiere Angst vor mir, würden sie mich angreifen." Er hätte dann keine Chance gegen sie: "Sie bleiben immer Raubkatzen, sie bleiben immer gefährlich."
Der Stock ist in der Manege immer in seiner Hand: "Er ist mein verlängerter Arm", erläutert der Trainer. Ständig steckt er kleine Fleischstückchen darauf, die seine Tiere als Belohnungen erhalten und blitzschnell abgreifen: "Fleisch hilft immer, das ist wie mit Gummibärchen bei Kindern", meint er und setzt noch eins drauf: "Ich glaube, dass das Unterrichten von Kindern schwieriger ist." Um mit Tieren ans Ziel zu gelangen, seien vor allem Zeit, Geduld, Belohnung und Vertrauen nötig.
Circus Krone feiert glanzvolle Premiere: Die Bilder der Show in Ulm
An Zirkussen, die Tiere halten, gibt es Kritik
Tatzenstöcke jedenfalls gibt es heute weder in den Schulen, noch setzt Lacey seinen Bambusstab als solchen ein. Er ist ihm ein Instrument der Kommunikation, genauso wie seine Stimme. Ob sanfter Tonfall oder energischer, tiefer oder anschwellender, werde von den Tieren sehr wohl entsprechend verstanden. Alles, was sie in der Manege ausführten, entspreche deren natürlichen Bewegungen, fügt er hinzu, und: "Nicht alle Löwen haben Lust auf Sprünge."
Mit elf Löwen und zwei Tigern ist Krone zum diesjährigen Ulm-Gastspiel angereist. Alle seien sie im Zirkus geboren, keines in der Wildnis, betont der aus einer Tiertrainer-Familie stammende Lacey. Frühestens mit zwei Jahren beginne das Training. Die Tiere müssten sich an die Bedingungen von Livevorführungen gewöhnen, an Nebengeräusche und Lichter. Durchaus gebe es Tiere, die charakterlich ungeeignet dafür seien, so, wenn sie zum Einzelgängertum neigten.
Circus Krone war neun Tage lang in Ulm zu Gast
Das Publikum darf Fragen stellen bei dieser Probe, für die der 13. World Circus Day den Anlass lieferte. Die nach Unfällen bei der Arbeit mit den Großkatzen blieb nicht aus. Habe es gegeben, räumt der Trainer unumwunden ein und zeigt lädierte Finger infolge eines Prankenhiebs. Bedrohlicher aber war ein Biss ins Gesicht: "Ich bin gestolpert und auf einen Löwen gestürzt, habe diesen erschreckt." Eine "Attacke" aber sei das nicht gewesen, "sonst wäre ich nicht mehr hier", lautet Laceys Analyse der kritischen Situation: "Ich war selber schuld", fügt er noch hinzu.
Die männlichen Löwen seien in der Hierarchie die gefährlichsten. 350 Kilo wiege so ein Tier. Veganer seien sie alle nicht. Sechs bis zehn Kilo Fleisch verdrückten sie – täglich und pro Tier. Wer Chef im Verband sei, daran bestehe kein Zweifel. "Nicht ich, das sind vielmehr bestimmte Leittiere." Seine eigene Rolle sei eine ganz andere: "Ich erscheine ihnen als eine Art komischer Löwe. Nur deshalb bin ich akzeptiert."
Zur Dramaturgie, die es natürlich auch bei dieser Probe gibt, gehört schließlich auch noch eine Attacke. Bringt dem Publikum Spannungsmomente, den Tieren jedoch spielerische Abwechslung, an der es ihnen auch außerhalb der Vorstellungszeiten nicht ermangle, führt der Tiertrainer zurück auf die Tierwohl-Spur. In der Schlussnummer wächst die Begeisterung des Publikums noch einmal. Darin balgt sich der Trainer mit einer Löwin und krault einen Löwen, der das offenbar schätzt und beginnt, Laceys Gesicht zu lecken. Zum Schluss dieser besonderen Unterrichtsstunde gibt es Standing Ovations.