Als „Doppelwumms“ bezeichnete der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) einst eine Offensive, die mit voller Wucht einschlagen sollte. Der Begriff passt erstaunlich gut auf den Auftakt der ersten Ulmer Comicwoche, die gleich mit zwei starken Akzenten begann. Der Augsburger Comiczeichner Christian Schmiedbauer, in der Szene bestens bekannt durch seine Reihe „Kauboi & Kaktus“, eröffnete in der Griesbadgalerie seine Ausstellung „Ausdrucksweise“.
Der Andrang war groß. Schmiedbauer selbst zeigte sich überwältigt vom Echo: Nicht nur Fans und Freunde waren gekommen, unter die Gäste hatten sich auch zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus Ulm und Neu-Ulm gemischt. Für die Betreiber der Griesbadgalerie, Adela Knajzl und Patrick Nicolas, war die Eröffnung ein gelungener Einstand. „Die große Resonanz zeigt, dass es ein Bedürfnis nach echten Begegnungen gibt“, sagt Nicolas. Knajzl ergänzt: „Alle haben sich so wohlgefühlt, dass ich das Gefühl hatte, sie wollten gar nicht mehr gehen.“
Schmiedbauer bringt multimediales Comic-Spektakel nach Ulm
Am Abend setzte sich der Auftakt der Comicwoche mit einer Lesung aus Schmiedbauers autobiografischem Werk „Menschen am Fluss“ fort, organisiert von der Vh Ulm in Kooperation mit dem Donaubüro. Doch wie liest man aus einem Comic? Schmiedbauer verwandelte dafür die Bilder seines Buches in eine lebendige Diashow, ergänzt durch Projektionen und Musik. So entstand ein multimediales Comic-Spektakel, entspannt präsentiert, und vor allem ausgesprochen unterhaltsam.
Im Zentrum steht Schmiedbauers Reise entlang der Donau, von der Quelle im Schwarzwald bis zum Donaudelta am Schwarzen Meer. Diese Reise unternahm er vor genau 25 Jahren. Damals fotografierte er viel und hielt seine Eindrücke in Skizzen fest, doch an ein Comicbuch dachte er zunächst nicht. Erst als das Donauschwäbische Zentralmuseum Ulm einige seiner Fotografien für eine Ausstellung anfragte, entstand die Idee.
„Ich konnte die Reise und mich selbst aus dem heutigen Blickwinkel betrachten“, erzählte Schmiedbauer im Club Orange. „Es war spannend, dem eigenen jüngeren Ich noch einmal zu folgen.“
In „Menschen am Fluss“ geht es um Menschen, deren Leben mit der Donau verbunden ist
In „Menschen am Fluss“ porträtiert Schmiedbauer Menschen, deren Leben auf die eine oder andere Weise mit der Donau verbunden ist. Sein Weg führte ihn dabei auch durch Ulm. Dort traf er den legendären Rudolf Dentler, den sogenannten „König von Ulm“, der 2024 hundert Jahre alt geworden wäre. Schmiedbauer lässt Dentler im Comic noch einmal lebendig werden – ein rührender Moment.
Dentler rät ihm, offen zu bleiben und die Donau als völkerverbindendes Element zu begreifen. Als Zugabe zeigte Schmiedbauer zudem eine Szene aus „Capos Größenwahn“, in der ihm nahegelegt wird, unbedingt einmal den Schwörmontag mitzuerleben.
Die Reise führt weiter nach Wien, wo Schmiedbauer der Patronin des Café Hawelka begegnet. Nach sechs Stunden Wartezeit erhält er schließlich ein Interview. In Budapest erkundet er auf eigene Faust das Opernhaus und notiert trocken: „Eintritt kostet den Verstand.“
Nach Drobeta Turnu Severin im damaligen Jugoslawien gelangt er hingegen nicht. Der Lebensort seines Großvaters wird von gewaltsamen Protesten nach dem Machtwechsel von Autokrat Milošević zum demokratisch gewählten Präsidenten Koštunica erschüttert.
Schmiedbauer zeigt Werke bis 27. März in der Griesbadgalerie in Ulm
In Corabia, einer Stadt in der Kleinen Walachei, verbringt er eine Nacht im Gefängnis, weil er unwissentlich an der Grenze fotografiert hat – verboten. Die Reise endet schließlich in Sulina im Donaudelta. Die einstige Weltstadt am Schwarzen Meer ist in der Bedeutungslosigkeit versunken, doch Schmiedbauer erreicht das Meer, das er in eindrucksvollen Bildern festhält. Schmiedbauers Lese-, eigentlich eher Erzählabend, zeigt eindrucksvoll, wie sehr ein Fluss das Leben und die Identität der Menschen an seinen Ufern prägen kann. Zugleich ist er ein Beweis dafür, wie lebendig ein Comic ein persönliches Abenteuer erzählen kann. Auf Schmiedbauers Website „Mondfähre“ lassen sich die Stationen der Reise nachverfolgen – noch eindrucksvoller jedoch im liebevoll gestalteten Buch, erschienen im Münchner Volk Verlag.
Im Herbst kehrt Schmiedbauer mit einer weiteren Comic-Ausstellung im Donauschwäbischen Zentralmuseum zurück. In der Griesbadgalerie sind seine Arbeiten noch bis 27. März zu sehen.
Weiteres Programm der Ulmer Comicwoche: Am Freitag, 6. Februar, stellt der Hamburger Comiczeichner Moritz Stetter im Comicladen Comic Home seine Graphic Novel über Hildegard Knef vor (18.30 Uhr). Am Samstag, 7. Februar, bietet Cristin Wendt im Comic Home eine Signierstunde zu ihrer futuristischen Graphic Novel „Message 1 & 2“ an (14 bis 16 Uhr). Um 16 Uhr gibt es eine Führung durch die Ausstellung von Schmiedbauer in der Griesbadgalerie. Der Workshop „Comics zeichnen für Kinder und Jugendliche“ findet am Samstag und Sonntag, 7. und 8. Februar, jeweils von 10 bis 15 Uhr im Kontiki R3 Malatelier in der Magirus-Deutz-Straße 14 statt.
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