Neues Gesprächsforum "Was ist mein Neu-Ulm?" PetruskircheFoto: Pia Novak
In großen Städten herrscht oftmals Anonymität. Auch ist Hektik weit verbreitet. Die Initiative „Mehr Demokratie“ hat ein Forum ins Leben gerufen, um Menschen wieder zueinander zu führen und sie miteinander ins Gespräch zu bringen. Sie möchte Dialoge ermöglichen und eine gute Gesprächskultur fördern, da dies zunehmend verloren gegangen scheint. Das Ziel: Menschen ins Gespräch bringen, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Erstmalig wurde dieses bundesweite Format nun auch in Neu-Ulm unter dem Titel „Was ist mein Neu-Ulm?“ angeboten.
Das Dialogformat bietet einen klar strukturierten und geschützten Rahmen. Unterschiedliche Perspektiven sollen dabei nebeneinanderstehen dürfen – ohne Bewertung, Diskussion und Entscheidungsdruck.
„Was ist mein Neu-Ulm?“: Rund 30 Teilnehmer kamen in die Petruskirche
Rund 30 Teilnehmer waren in die Petruskirche gekommen. Zunächst hatten sich die Anwesenden noch recht distanziert auf den Holzstühlen verteilt, was sich im Laufe des Abends ändern sollte. Nach einer Einführung von Sozialdezernent Ralph Seiffert startete der Abend mit einer lebendigen Skala vor dem Altarraum. Nach dem Prinzip „Eins bis Zehn“ reihten sich die Teilnehmer ein, um optisch darzustellen, in welchem Maße sie sich in Neu-Ulm wohl und beheimatet fühlen.
In dieser überwundenen Distanz war erkennbar, wie groß das Interesse der Teilnehmer am Gegenüber war. Rasch entstand eine unverkrampfte Nähe zueinander. Schließlich hatte man mit den anderen etwas Wesentliches gemeinsam: Die Heimat oder immerhin das aktuelle Zuhause in derselben Stadt.
„Das Neu-Ulm, wie ich es als Kind kannte, gibt es nicht mehr“
Der Neu-Ulmer Roland Prießnitz, für die FWG im Stadtrat, stand am linken Rand: „Ich bin hier geboren, aber das Neu-Ulm, wie ich es als Kind kannte, gibt es nicht mehr“, klagt er. Es sprudelt aus ihm heraus, als er die Dinge aufzählt, die er vermisst: Etwa den Spazierweg am Illerkanal, das Kinderschwimmbecken an der Donau oder die Wiese, auf der er als Kind auf Bäume klettern konnte – dort, wo heute das DLRG-Gebäude steht.
Die Neu-Ulmerin Eva Wölfle hatte sich in der Skala ganz rechts eingereiht. Sie lebt seit 60 Jahren in der Stadt und fühlt sich hier vor allem verbunden, weil ihre ganze Familie hier lebt: „Außerdem finde ich es sehr angenehm, dass hier alles überschaubar und gut erreichbar ist.“
Christa Graubner aus Burlafingen wählte die Mitte: „Ich kann mich an die Trennung von Neu-Ulm und Ulm nicht gewöhnen. Für mich gehören beide Städte zusammen.“ Als sie zur Schule ging, sei die Trennung besonders spürbar gewesen.
Über sein persönliches Leben in Neu-Ulm sprechen
Im zweiten Teil des Abends ging es in eine streng getaktete Gesprächsrunde. In Vierergruppen hatte jeder genau vier Minuten Zeit, um über sein persönliches Leben in Neu-Ulm zu sprechen. Die wichtigste Regel dabei: Man durfte nur von sich selbst erzählen. Zudem wird in den mehrfachen Runden die immer gleiche Ausgangsfrage strikt vorgegeben. Diese Art der Gespräche mag für die meisten Anwesenden sehr neu und ungewöhnlich wirken: Raum für Individualität und Spontanität ist hier nicht gegeben.
Methodisch orientiert sich das Format an Prinzipien der Kreisarbeit und der gewaltfreien Kommunikation, bei denen feste Redezeiten ohne Unterbrechung garantiert sind. Jeder darf vier Minuten sprechen, um dann Runde für Runde zwölf Minuten lang anderen zuzuhören.
Das Format entwickelte sich maßgeblich während der Corona-Pandemie, als Spannungen unter den Menschen zugenommen hatten. Der Verein suchte nach einer Methode, um Spaltung und Streit entgegenzuwirken. Es soll nicht um einen erbitterten Austausch von Argumenten und das Rechthaben-Wollen gehen. Stattdessen steht bei dem Format das persönliche Erleben und Empfinden zu gesellschaftlichen Themen im Vordergrund.
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