Ihr Spezialgebiet ist Unternehmenskommunikation. Wo wollen Sie hier bei der Hochschule Neu-Ulm ansetzen?
PROFESSOR DR. JULIA KORMANN: Es ist erforderlich, an den virtuellen „Lagerfeuern“ zu sitzen, an denen über die Themen gesprochen wird, die uns hier beschäftigen. Das sind viele Communities in den sozialen Medien. Man muss in den Bereichen vertreten sein, in denen die Studierenden sind.
Und intern?
KORMANN: Das ist auch ein wichtiger Punkt. Eine gute, transparente interne Kommunikation über Themen, die die Beschäftigten betreffen, ist wichtig. Ich will die HNU partizipativ und motivierend leiten.
Auf was freuen Sie sich in Ihrem Job?
KORMANN: (lacht) Ich freue mich auf alles. Ich mag es turbulent. Das Schönste ist, dass hier einem jeder die Türe aufhält, wenn ich mit meinem Köfferchen komme. Es ist anders bei uns.
Kormann will es anders machen als Feser
Auch optisch. Die HNU ist allein schon architektonisch sehr bunt. Welche Rolle spielt die visuelle Kommunikation?
KORMANN: Das war eine Entscheidung des Architekten. Ich bin nun aber auch schon 15 Jahre da und kann sagen: Es wirkt positiv aufs Gemüt. Wir mögen es bunt.
Sie sind jetzt die neue Chefin. Wollen Sie etwas anders machen als Ihre Vorgängerin?
KORMANN: Klar, es wäre falsch zu sagen, ich will nichts anders machen. Natürlich baue ich aber auf einer 15-jährigen Zusammenarbeit mit Uta Maria Feser auf.
Was zum Beispiel?
KORMANN: Es gibt ein paar Dinge, die ich als Erstes forcieren möchte. Wir haben eine große Breite ausgebildet. Ich will diese Breite mit innovativen Formaten schärfen.
Was bedeutet das?
KORMANN: In unserem Innovation-Space ist bereits zu beobachten, wie ich mir das vorstelle. Das ist der Hammer. Da sehen Sie keinen Professor vor Studierenden stehen, die Zettel und Stift in der Hand haben, sondern da macht man gemeinsam etwas – auch mit Partnern aus der Wirtschaft. Diese Lehre hat nichts mit der Lehre vor zehn oder 15 Jahren zu tun. Das führt auch zu anderen Prüfungsformen.
Inwiefern?
KORMANN: Wir reden heute darüber, dass in der Hochschullandschaft Ängste bestehen, die Künstliche Intelligenz verfälsche die Leistung der Studierenden. In den Praxisprojekten sind das zweifellos die Leistungen der Studierenden, die gemeinsam erarbeitet werden.
Gibt es noch klassischen Frontalunterricht?
KORMANN: Ja, natürlich, das muss auch sein. Klassische Wissensvermittlung ist erforderlich. Es gibt auch klassische Prüfungsformen. Doch der Schwerpunkt in der Lehre verschiebt sich in Richtung innovative Praxisorientierung.
Und was wollen Sie jetzt anders machen?
KORMANN: Die meisten Hochschulen, die neue Forschungsbereiche oder neue Projekte entwickeln, gehen immer von dem aus, von dem sie meinen, dass sie es gut können. Das Interessante ist jetzt zu fragen: Was brennt unseren Stakeholdern – also Unternehmen, Kommunen, Landkreisen, der organisierten Zivilgesellschaft und anderen Hochschulen – auf den Nägeln? Es gibt eine Fülle von Themen, die momentan einer Lösung harren. Ich möchte einen Perspektivwechsel von einem angebotsorientierten Denken zu einem bedarfsorientierten Denken. Verkürzt: Was braucht die Region?
Gesundheit und Resilienz in der Gesellschaft - Themen an der HNU
Können Sie Beispiele nennen?
KORMANN: Viele Unternehmen beschäftigen sich mit dem Thema Gesundheit und wie man die Gesundheit der Mitarbeitenden fördern kann. Das ist ein großes Thema in Unternehmen, das hören wir ständig, denn Krankheiten nehmen zu. Das zweite Beispiel ist die Resilienz – die zivile Sicherheit: Wie sorgen wir im Falle einer wirklich großen Krise für uns? Da gibt es diesen Satz, der passt: Die Herausforderungen der Zukunft tun uns nicht den Gefallen, von einer einzigen akademischen Disziplin gelöst zu werden. Es braucht das Zusammenspiel aller Akteure – also Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Medien –, um Lösungen hervorzubringen.
„Was braucht die Region?“ – Ist das der Kern Ihres Ansatzes?
KORMANN: Das ist nicht nur mein Ansatz; ich führe damit fort, worin wir bereits stark sind. Die High-Tech-Agenda Bayern fordert das auch von uns. Das meiste, was zu finden ist, sind eher Projekte, die getrennt von Forschung und Lehre gedacht werden. Ich möchte Forschung, Lehre und den Transfer in die Gesellschaft verstärkt als Kernprozess der HNU sehen. Das wird spannend.
Was bedeutet das für die Studierenden?
KORMANN: Es reicht längst nicht mehr, Wissen in einem Bereich in einer großen Tiefe zu haben. Wir brauchen ein breites Wissen mit einer Problemlösungskompetenz.
Vereinfacht gesagt: Über den Tellerrand schauen und disziplinübergreifend denken?
KORMANN: Genau. Nicht nur das Wissen ist bei uns wichtig, sondern auch die Fähigkeit, Probleme zu entdecken, Lösungen hervorzubringen und zu testen. Das ist wichtig in all unseren Studiengängen.
Das ist der Lieblingsort in der Region der Präsidentin der Hochschule Neu-Ulm
Was ist die Rolle der HNU hier an der Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg?
KORMANN: Neu-Ulm ist weit von München entfernt. Das hat aber auch einen Vorteil: Wir stehen mit einem Fuß auf der bayerischen Seite und halten die Hand in Richtung Augsburg, Kempten und München, und wir stehen mit dem anderen Fuß in Ulm. Wir stehen in einem zweifachen Wertenetz, also mit Ulm und Bayerisch-Schwaben.
Wo liegt im regionalen Vergleich die Stärke der HNU?
KORMANN: Die Universitäten erklären uns, was die Welt zusammenhält – es geht um Grundlagen. Die Hochschulen suchen vermehrt nach Lösungen für die Praxis. Die Hochschule Ulm ist eher technisch ausgerichtet, wir betriebswirtschaftlich. Die Bereiche sind komplementär.
Kann die HNU noch wachsen?
KORMANN: Wir werden auf jeden Fall weiterwachsen. Wir merken, dass wir mit neuen Studiengängen wie der Wirtschaftskriminalistik einzigartig sind; da gibt es bundesweit Interesse.
Was lernt man da?
KORMANN: Das Aufspüren von Delikten wie Datenhinterziehung, Korruption, Geldwäsche, Untreue oder Bilanzbetrug.
Was ist noch neu?
KORMANN: Der Studiengang Cybersecurity etwa. Der startet im Herbst.
Wie kommt es zu einem neuen Studiengang?
KORMANN: Natürlich muss das Thema relevant sein. Aber die Kernfrage einer Neukonzeption ist: Was kann der Studierende danach? Wird diese Kompetenz benötigt? Es ist entscheidend, dass die Jugendlichen danach in Unternehmen gehen, anpacken können und etwas bewirken.
Die HNU lanciert immer wieder neue Studiengänge. Werden auch welche eingestellt?
KORMANN: Meist wird grundlegend verändert. Aus „Information Management Automotive“ wird gerade „Smart Mobility“.
Warum?
KORMANN: Weil sich in der Autobranche viel verändert. Alle unsere Studiengänge werden ständig weiterentwickelt.
Was machen Sie gerne, wenn Sie nicht gerade an der HNU sind?
KORMANN: Ich spaziere gerne mit meinem Hund – einem Japan-Spitz.
Haben Sie in der Region einen Lieblingsort?
KORMANN: Ja, die Mammutbäume am Roten Berg in Ulm.
Zur Person: 2009 wurde Julia Kormann als Professorin für Unternehmenskommunikation an die Hochschule Neu-Ulm berufen, von 2010 bis 2025 war sie Vizepräsidentin für Studium und Lehre. Zum 1. März 2026 übernimmt sie die Leitung der HNU. Sie ist ausgebildete Verlagskauffrau. Promotion an der Universität GH Duisburg.
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