Frau Heyne, Sie haben 1976 die Frauen-Union mit gegründet, sind 1978 Stadträtin geworden und 1996 Neuburgs erste weibliche Bürgermeisterin. Politik und das Recht zu wählen haben in ihrem Leben eine zentrale Rolle gespielt. Was glauben Sie, wie es für die Frauen vor 100 Jahren war, als sie dieses Grundrecht überhaupt erst erhalten haben?
Elke Heyne: Ich denke, diese Entwicklung hat ganz wesentlich zum Selbstbewusstsein der Frauen beigetragen. Frauen waren früher ja völlig abhängig vom Ehemann. Doch von da an konnten sie mitbestimmen. Es ging ja schließlich auch um ihr Leben. Dieses Recht sollte die Frauen aber nicht nur ermutigen, zu wählen, sondern auch dazu, sich selbst zur Wahl zu stellen.
Sie haben sich zur Wahl gestellt. Wie ist es Ihnen denn 18 Jahre lang als Frau im Neuburger Stadtrat ergangen?
Heyne: Von der Fraktion habe ich bei Anträgen immer Unterstützung bekommen und auch meine anderen Stadtratskollegen haben mich stets für voll genommen. Ich hatte schon das Gefühl, dass man mir Respekt entgegenbringt. Aber es gab auch Leute, die mich belächelt haben. Und die ein oder andere Frau, die gesagt hat: „Die soll doch lieber bei Mann und Kind zuhause bleiben.“ Aber naja, die gibt es immer...
Mussten Sie sich auch gegen Anfeindungen von Bürgern zur Wehr setzen?
Heyne: Natürlich gab es mal Briefe. Doch die hatten nichts mit meinem Geschlecht zu tun. Im Stadtrat muss man eben manchmal unpopuläre Entscheidungen treffen, weil man das Allgemeinwohl über das Wohl des Einzelnen zu stellen hat. Deshalb ist es wichtig, dass man zu seinen Entscheidungen stehen kann. Dann kann man mit Beschwerden auch gut umgehen.
Wurden Sie als Frau von den männlichen Kollegen anders behandelt?
Heyne: Nein. Man darf als Frau nicht erwarten, dass man hofiert wird oder dass die Männer einem in den Mantel helfen. Zu den Stadtratssitzungen habe ich am Anfang immer einen Rock getragen, um mich zu unterscheiden (lacht)... Man ist einfach ein gewähltes Mitglied wie alle anderen, hat aber auch die gleichen Rechte. Der damalige Fraktionsvorsitzende Bernhard Gmehling hat mich als zweite Bürgermeisterin vorgeschlagen. Und Günter Huniar als amtierender Bürgermeister hat mich akzeptiert und unterstützt.
Neben Ihnen wurde 1978 nur noch eine weitere Frau in den Stadtrat gewählt. Und auch davor war das eher eine Seltenheit. Was glauben Sie, woran das lag?
Heyne: Ich weiß von Frauen, die durchaus Interesse gehabt hätten, denen es der Mann allerdings nicht erlaubt hat. Andere wiederum haben sich davor gefürchtet, sich in eine Männerdomäne hinein zu bewerben. Oder waren zu unsicher und dachten, sie könnten das nicht. Manche wussten gar nicht, wie man überhaupt Stadträtin werden kann.
Sie hatten das nötige Selbstbewusstsein für eine Kandidatur...
Heyne: Ich bin sehr selbstständig aufgewachsen. Meine zwei Schwestern und ich sind früh Halbwaisen geworden, weil mein Vater im Krieg gefallen ist. Als ich mit 25 Jahren in Neuburg eine eigene Praxis für Krankengymnastik aufgemacht habe, war das für die damalige Zeit auch sehr ungewöhnlich.
Meinen Sie, dass Frauen es schwerer haben als Männer, wenn sie als Stadträtin oder Bürgermeisterin tätig sein wollen?
Heyne: Ja. Frauen müssen nach wie vor Familie, Haushalt, Beruf und Amt unter einen Hut bringen. Männer müssen sich nicht darum kümmern: Was ist mit den Kindern? Ist eingekauft, aufgeräumt? Eine Frau mit Familie hingegen kann nur kandidieren, wenn sie Unterstützung bekommt, wenn der Mann oder Oma und Opa auf die Kinder aufpassen.
Von 30 Stadträten in Neuburg sind derzeit sechs Frauen, darunter Ihre Tochter Christiane. Eigentlich ist das immer noch zu wenig, wenn man bedenkt, dass Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Finden Sie, dass die Parteien Frauen stärker fördern sollten?
Heyne: Die Parteien sollten auf jeden Fall bereit sein, Frauen aufzunehmen und ihnen Chancen geben. Wenn Frauen sich einbringen wollen, sollten die Parteiorganisationen ihnen auch einen guten Platz anbieten. Aber der Wunsch muss von den Frauen selbst kommen, die Frauen müssen es wollen. Sie müssen sich interessieren, informieren und auf verschiedenen Ebenen engagieren. Nicht nur politisch, sondern zum Beispiel auch im Elternbeirat und beim Roten Kreuz, um die Bedürfnisse aller Bürger kennenzulernen.
Heißt das, Sie sind gegen eine Quote oder quotierte Listen, wie sie derzeit in der Politik diskutiert werden? Und auch gegen ein gemischtes Führungs-Duo, wie es die Grünen vormachen?
Heyne: Ich kann jedenfalls nicht absolut für eine Quote oder ein solches Duo sein. Denn wo sollen die Frauen dafür plötzlich herkommen? Bürgermeister oder Stadtrat soll der werden, der die besten Fähigkeiten und die nötige Liebe dazu mitbringt. Es ist nämlich auch eine Belastung. Eine Aufgabe, für die man seine ganze Kraft braucht. Ein bisschen Politik machen, ist wie ein bisschen schwanger sein – das geht nicht. Bei gleichen Fähigkeiten und gleichem Engagement, sollte man aber durchaus mal eine Frau machen lassen. Wir müssen davon wegkommen zu glauben, dass Männer immer alles besser könnten. Frauen bringen viele wichtige Erfahrungen mit, die Männer nicht haben, etwa alleinerziehende Frauen. Für die ist es allerdings noch schwerer, in die Politik zu kommen.
Wie könnte man Frauen denn dann in die Politik holen?
Heyne: Ich finde schon, dass Parteien vermehrt junge Frauen ansprechen sollten, um ihr Interesse zu wecken. Gleichzeitig sollten aber auch die Frauen auf die Parteien zugehen. Anstatt eine Quote gesetzlich vorzuschreiben, sollte der Staat lieber Frauen, die sich wirklich engagieren wollen, so unterstützen, dass die Rahmenbedingungen für sie passen. Zum Beispiel mit Kitas, die auch am Abend noch geöffnet sind, wenn Stadtratssitzungen stattfinden.
Glauben Sie, dass Neuburg bald wieder eine weibliche Bürgermeisterin bekommen wird?
Heyne: Bis zur nächsten Kommunalwahl ist noch ein bisschen Zeit. Die Parteien sollten sich auf jeden Fall überlegen: Hätten wir nicht auch eine Frau für dieses Amt? Ich bin mir sicher, dass es eine gibt, die das kann.