„Es war eine trostlose Novembernacht, als ich mein Werk fertig vor mir liegen sah. Mit einer Erregung, die fast einer Todesangst glich, machte ich mich daran, dem leblosen Dinge den lebendigen Odem einzublasen.“
Aus „Frankenstein“ von Mary Shelley
Natürlich trieb vor 200 Jahren keine aus Leichenteilen zusammengebastelte Kreatur ihr Unwesen in den dunklen Gassen Ingolstadts. Rund um die Hohe Schule, das Gasthaus Daniel oder die Anatomie schlich kein blasses Monster, die Arme gerade vom Körper gestreckt, Schrauben in den Schläfen. Selbst in den Wäldern um Ingolstadt jagten höchstens wilde Tiere und kein zum Leben erweckter Toter den Menschen Angst ein. Und doch hat es seinen Reiz, den Spuren jenes Geschöpfes zu folgen, das der junge Gelehrte Viktor Frankenstein einst in Ingolstadt erschaffen haben soll. So hat es sich zumindest die britische Schriftstellerin Mary Wollstonecraft Shelley 1816 vorgestellt, als sie ihr Buch „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ schrieb. Das Buch, das am 1. Januar 1818 – also fast genau vor 200 Jahren – in den Handel kam, wurde nicht nur zu einem Klassiker der Weltliteratur, sondern hat Ingolstadt zu schaurigem Weltruhm verholfen.
Und das, obwohl Mary Shelley das historische Ingolstadt wohl niemals zu Gesicht bekommen hat. Anlässlich eines internationalen Frankenstein-Symposiums, das 1993 in Ingolstadt stattfand, schrieb der Historiker Dr. Theodor Straub: „Reale Alt-Ingolstädter Topographie sucht man vergeblich. Mary Shelleys Ingolstadt ist ein mythischer Ort, fast nur literarische Fiktion.“ Bis auf bruchstückhafte Beschreibungen der Turmspitzen der Stadt bleibt Ingolstadt nur ein Schema.
Weshalb sich die Autorin dann gerade Ingolstadt als Handlungsort ihres Romans ausgesucht hat? Das ist eine Frage, mit der sich Michael Klarner beschäftigt hat. Der 43-Jährige veranstaltet seit mehr als 20 Jahren die Erlebnisführung „Dr. Frankensteins Mystery Tour“ und schlüpft in die Haut des Viktor Frankenstein. Außerdem hat Klarner ein Buch über Frankenstein in Ingolstadt verfasst. Für Klarner gibt es zwei Gründe, warum Shelley ihren Protagonisten ausgerechnet nach Ingolstadt geschickt hat: Die Stadt bot sowohl als Sitz der ersten bayerischen Landesuniversität als auch als Entstehungsort der Illuminaten eine historische Grundlage für ihr literarisches Werk. Klarner schildert Shelleys Interesse an dem Geheimbund, der laut einer Verschwörungstheorie mit seinen Ideen die Französische Revolution ausgelöst hätte. Ein französischer Publizist bezeichnete die Revolution als „Monster“, das in Ingolstadt geschaffen wurde. „Ich bin überzeugt, dass Ingolstadt wegen des Bezugs zu den Illuminaten zum Handlungsort geworden ist“, sagt Klarner.
In Mary Shelleys Buch verschlägt es den 17-jährigen Viktor Frankenstein als Medizinstudenten an die Universität Ingolstadt. Dort forscht er besessen daran, künstliches Leben zu erschaffen. Als ihm die Schöpfung gelingt und seine Kreatur erwacht, ist Frankenstein von seiner Arbeit erschüttert und wendet sich entsetzt ab. Die Kreatur flieht in den Wald, sucht Zuneigung, doch erntet nur Hass. Die Ablehnung durch seinen Schöpfer macht die Kreatur zum einsamen Monster, das zunächst versehentlich und später gezielt Menschen mordet. Weil Frankenstein ihm eine Gefährtin verwehrt, tötet das Geschöpf Frankensteins besten Freund und seine Braut. Frankenstein will die Kreatur beseitigen, doch während des Rachezuges verlassen ihn seine Kräfte. Er stirbt. Als die Kreatur ihren leblosen Schöpfer findet, beschließt sie, ihrem eigenen Dasein ein Ende zu bereiten.
Der Mythos Frankenstein bewegt Ingolstadt noch heute. Im neuen Jahr begeht die Stadt das „Frankensteinjahr“. Auf dem Programm stehen Theaterstücke, Ausstellungen, Vorträge. Der Künstlerverband BBK zum Beispiel hat Künstler dazu aufgerufen, Ideen zum Thema „Frankenstein 4.0 – Schöpfung und Größenwahn“ einzureichen. Die Ausstellung wird im April und Mai in der Harderbastei zu sehen sein. Von Juni bis Oktober zeigt das Stadtmuseum die Ausstellung „Frankenstein und seine Kreatur – eine Schöpfung in Ingolstadt“. Ein ganzes Frankensteinprogramm hat das Deutsche Medizinhistorische Museum (DMM) aufgelegt: Die Einrichtung startet das Frankensteinjahr am 17. Januar mit der Vortragsreihe „Menschen machen. Mythen und Möglichkeiten in Antike und Gegenwart“. Am 7. und 8. Februar macht die Theatergruppe „salz+pfeffer“ mit dem Stück „Frankenstein...“ Halt im DMM. Von Mai bis Oktober widmet sich eine Ausstellung namens „Kleines Frankenstein Depot“ mit Objekten und Fotos der künstlichen Intelligenz. Eine Lesung am 30. August stellt die Schriftstellerin Mary Shelley in den Mittelpunkt.
DMM-Direktorin Marion Ruisinger schätzt den Roman auch 200 Jahre nach Erscheinen. „Ich kann nur jedem empfehlen, das Buch zu lesen“, sagt sie. „Frankenstein“ enthalte Motive, die noch heute eine wichtige Rolle in der Wissenschaft spielten. Zum Beispiel die Frage, wie weit die Wissenschaft gehen darf. „Frankenstein hat Grenzen überschritten“, sagt Ruisinger und zieht eine Parallele zu heutigen Entwicklungen: „Wir haben uns daran gewöhnt, dass Herzen verpflanzt werden. Aber wie ist es mit dem Verpflanzen eines Kopfes? Darf man das?“ Laut der Medizinhistorikerin werde der Tod durch technischen Fortschritt neudefiniert. Die Grenzüberschreitung wird zur Realität. „Ich wage es gar nicht, mir auszumalen, was in 20 Jahren möglich sein wird“, erklärt Ruisinger.
„Frankenstein“ bietet aktuellen wissenschaftlichen Debatten einen literarischen Impuls. Aber neben dem Motiv der Grenzüberschreitung sieht Ruisinger auch ein soziologisches Phänomen in dem Roman. „Die Kreatur wurde nicht als Monster geschaffen“, betont sie. Erst der Liebesentzug ihres Schöpfers habe sie dazu gemacht. „Die Suche nach Liebe, die sich in Hass verwandelt“– darin sieht die Museumsdirektorin eine Kernbotschaft des Romans. Ein Aufruf zu Toleranz und gegen Ausgrenzung. Im Medizinhistorischen Museum bekommt Frankenstein sogar ein Happy End: Die Gefährtin, die es nie gab, wird im Museumshop Realität – als Gummiente.