Es sind die Fragen, die sich ein Politiker im Bundestag nicht stellen muss. Wie spreche ich eine Kirchengemeinde an? „Liebe Brüder und Schwester“? Sie oder Du? Überhaupt: Was unterscheidet die Predigt von einer Debatte? Reinhard Brandl (CSU) hat alle Stolperfallen in Kauf genommen, um am Sonntag seine erste Predigt in der Hofkirche zu halten. Er spricht über das brisante Thema, wie christlich Politik sein kann. Vor allem, wenn man für eine Partei in den Bundestag gewählt wurde, die das „C“ ganz vorne in ihrem Namen trägt.
Herr Brandl, wann haben Sie sich das letzte Mal Gedanken gemacht, ob Sie christlich handeln?
Den Punkt gibt es laufend. Wir treffen im Bundestag oft sehr schwierige Entscheidungen wie die Auslandeinsätze der Bundeswehr. Man überprüft sich auch immer, ob man richtig handelt. Der Glaube ist immer Leitlinie, an der man sich überprüft.
Ist die Bibel denn überhaupt ein geeigneter Ratgeber für die Bundespolitik?
Man kann keine Einzelentscheidungen daraus ableiten, aber die Bibel gibt einem Maßstäbe für das Handeln, an denen man sich orientieren und messen kann. Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind jeweils auf ihrem Gebiet autonom. Sie haben aber jeweils die gleichen Menschen im Blick und sollten deswegen zusammenwirken. Es darf aber nicht soweit gehen, dass sich die Kirche für eine Politik vereinnahmen lässt und auch nicht anders herum.
Nicht erst seit der Flüchtlingskrise geraten die Unionsparteien regelmäßig in die Kritik, wenn es um das „C“ in ihren Namen geht. Gelockerte Familienpolitik, Homo-Ehe, christliche Leitkultur sind solche Schlagwörter. Gerät man da nicht ständig in geistige Zwickmühlen?
Das Programm der CSU basiert auf dem christlichen Menschenbild. Dazu gehören zum Beispiel die unveräußerliche Würde des Menschen, die Eigenverantwortung, die Solidarität. Diese Werte können auch von Nichtchristen geteilt werden. Christen haben allerdings im Bewusstsein, dass sie eines Tages vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Das „C“ bedeutet nicht, dass wir in jeder Frage mit jedem Kirchenvertreter übereinstimmen müssen, aber wir diskutieren und nehmen die Hinweise aus dem kirchlichen Bereich sehr ernst.
Haben Sie sich gewünscht, dass Ihre Partei in manchen Fragen dann doch christlicher entschieden hätte?
Die Politik ist nicht das Durchsetzen der reinen Lehre, sondern Kompromissfindung. Ich wünsche mir bei manchem Kompromiss, dass unser Beitrag stärker ist. Wir sind aber auf unseren Koalitionspartner angewiesen.
Wie nah stehen Sie der Kirche?
Ich war als Kind Ministrant und die Kirche spielt seit jeher eine Rolle in meinem Leben. Ich bin auch Mitglied des Diözesanrats des Bistums Eichstätt.
Gefühlt ist die Parteipolitik wieder etwas weiter von der Position der Kirche abgerückt, die durch Papst Franziskus allumfassende Hilfsbereitschaft gefordert hat. Ist es denn komplizierter geworden, christliche Politik in Zeiten der Flüchtlingskrise zu betreiben?
Ich glaube nicht. Die Obergrenze verdeutlicht, dass die Aufnahmekapazitäten endlich sind. Das wird auch von Kirchenvertretern so gesehen. Das heißt aber nicht, dass unsere Werte für den ersten Flüchtling über der Obergrenze nicht mehr zählen. Auch für den muss man eine Lösung finden. Ich halte im Moment unser System für ethisch nicht tragfähig. Wir sagen, wir nehmen jeden auf. Aber in Wirklichkeit nehmen wir nur diejenigen auf, die vorher ihr Leben in einem Schlauchboot riskiert haben oder einen Schleuser bezahlen konnten. Wir müssen dahin kommen, dass wir uns bei begrenzten Aufnahmekapazitäten auf diejenigen konzentrieren, die unsere Hilfe am nötigsten haben.
Ist das nicht paradox? Kann man anhand christlicher Werte entscheiden, wem es schlechter geht?
Die Möglichkeit, Hilfe zu leisten, ist begrenzt. Wir müssen uns fragen: Wo kann dem Menschen am besten geholten werden? Dementsprechen sollten wir die Flüchtlinge verteilen. Wir sollten uns nicht nur auf diejenigen konzentrieren, die vor der Tür stehen. Wir müssen zu einem Systemwechsel kommen. Wir brauchen Kontingente, die auch einer humanitären Betrachtung standhalten.