Ein letztes Mal vor Beginn der Vorstellung auf den verschiedenen Ebenen des großzügigen Foyers flanieren, zum letzten Mal den markanten Gong hören (zehn vor …) und das Öffnen der Türen zum Zuschauerraum. Zum letzten Mal das vertraute Singen der Gardinenröllchen, wenn die Damen vom Einlass die Vorhänge schließen. Gleich geht’s los. Zum letzten Mal.
Im Hämer-Bau des Stadttheaters Ingolstadt fiel Ende Mai der letzte Vorhang
So war es am 31. Mai nicht nur das letzte Mal, dass Horvaths modernes Volksstück „Kasimir und Karoline“ in dieser Spielzeit über die Bühne des Großen Hauses ging. Es war überhaupt das letzte Mal, dass sich der Vorhang im Großen Haus hob und nach eineinhalb Stunden packenden Spiels für unabsehbar lange Zeit schloss. Nach langem stehendem Applaus für die Leistung des Ensembles, das weder Schmutz noch Schmerz der Inszenierung scheute, wurde es dann offiziell. Der städtische Kulturreferent Marc Grandmontagne ergriff vor dem Publikum und der komplett anwesenden Belegschaft auf und vor der Bühne das Wort.
Man nimmt ihm ab, wenn er von einem bitteren Moment spricht, der ihm nahe gehe, wenn er ohne Polemik die vergeigte Dauerdiskussion über die notwendige Sanierung des Hauses erwähnt und wenn er ehrlich und klar eingesteht: „Die Stadt ist pleite“. Er lässt auch keinen Zweifel daran, dass es derzeit völlig offen ist, wann der Hämer-Bau wieder als kulturelle Mitte der Stadt genutzt werden wird. Nur so viel ist klar: Die zu erwartenden Kosten sind bei der dramatischen Finanzlage nicht zu stemmen, die Sanierung muss warten. Grandmontagne ruft dennoch unverdrossen dazu auf, kreativ zu werden, um den Hämer-Bau wieder bespielbar zu machen: „Wir müssen das hinkriegen“.
Intendant Oliver Brunner lässt es sich in seinen Abschiedsworten nicht nehmen, kurz auf die Erfolgsgeschichte des Stadttheaters einzugehen, in dem in sechs Jahrzehnten mit Tausenden von Mitarbeitenden auf und hinter der Bühne unter fünf Intendanten 13.419 Vorstellungen realisiert wurden, vor mehr als 7.222.151 Millionen Zuschauenden. Brunner versagt kurz die Stimme, als er sich direkt an den Bau richtet: „Servus Hämer-Bau. Pass auf dich auf.“ Dann schließt sich quälend langsam und in vollkommener Stille der eiserne Vorhang.
Noch vor ein paar Monaten feierte man den Sechzigsten des Theaterbaus, der anfangs geschmähten „Öloper“, dem später lieb gewonnenen „Wohnzimmer der Stadt“ – wohlwissend, was nicht mehr abzuwenden war. Mit dem „Holztheater“ aus St. Gallen hatte man in vergleichsweise kurzer Zeit am Glacis eine Interimsspielstätte geschaffen, die die Belegschaft mit bewundernswertem Pragmatismus und demonstrativer Hoffnung angenommen hat. Jetzt ist das Publikum dran, Treue zu zeigen und sich zu bekennen.
Mitte 2027 werden auch der Festsaal und das Theaterrestaurant den Betrieb einstellen
Nach dem Theater werden Mitte 2027 der Festsaal und das Theaterrestaurant ihren Betrieb einstellen. Das leerstehende Gebäude an der Schloßlände wird nur noch ein unzugänglicher Ort der Erinnerung an große Zeiten sein. Die Lokalpresse und sogar das Theater-Fachorgan „Die deutsche Bühne“ befürchten, das einstige Musterbeispiel moderner Architektur könnte „zum populärsten ‚Lost place‘ des Freistaats“ werden. Welche Befürchtungen sich bewahrheiten und welche Hoffnungen sich erfüllen, wird die Zeit zeigen. Die Stadttheater-Mannschaft jedenfalls geht mit Elan in die nächste Spielzeit, die Abos sind da, der Spielplan steht und ist bekannt, die Arbeit an den Stücken hat in den Köpfen der Regieteams längst begonnen. „Pack ma’s!“ ist der passende Titel eines sechsseitigen Flyers, der die häufig gestellten Fragen in Zusammenhang mit der Schließung des Hämer-Baus und dem Umzug des Stadttheaters beantwortet.
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