Max Frischs „Andorra“ ist kein Theaterabend zum Zurücklehnen. Es ist einer zum Zusammenzucken und Mitfühlen. Die Burghofbühne Dinslaken bringt den Klassiker im Neuburger Stadttheater in einer konzentrierten, 90-minütigen Inszenierung auf die Bühne, die modern wirkt, ohne an Wucht zu verlieren. Regisseur David Schnaegelberger vertraut dabei ganz auf Sprache, Rhythmus und Wirkung.
Das Ensemble der Burghofbühne Dinslaken überzeugt mit Präzision und Konzentration
Genau das macht diesen Abend so stark. Sechs Menschen auf der Bühne. Weiß gekleidet. Fast unschuldig. Ein schneeweißes Andorra, das sich selbst gern als moralisch sauberes Idyll inszeniert. „Weißelt ihr Jungfrauen das Haus eurer Väter, auf dass wir ein friedliches frommes Land darstellen“, heißt es. Der Nachsatz trifft wie ein Hieb: „Falls nicht ein Platzregen kommt.“ Und dieser Regen kommt. Langsam. Unaufhaltsam. Arno Kempf, Anna Marzinzik, Roman Mucha, Markus Penne, Philipp Sebastian und Christiane Wilke spielen nicht einfach Rollen, sie sezieren eine Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich selbst für anständig hält und dabei einen Menschen Stück für Stück zerstört.
Das Ensemble agiert präzise, schnell, hoch konzentriert. Kein Leerlauf. Kein Pathos. Stattdessen entstehen Bilder, die hängen bleiben. Immer wieder werden Fragen und Sätze auf die Bühnenwand projiziert. Keine Gimmicks, sondern Treffer ins Publikum. „Sind wir auch verantwortlich für das, was wir nicht tun?“ steht da plötzlich. Der Satz sitzt. Überhaupt arbeitet diese Inszenierung klug mit Wiederholungen. „Lieber tot als Untertan – ich bin Soldat, das ist die Order“, hört man immer wieder. Ein Satz, der sich unangenehm festsetzt.
Andri (gespielt von Markus Penne) steht im Zentrum dieser Geschichte. Ein junger Mensch, dem lange genug eingeredet wurde, anders zu sein, bis er es selbst glaubt. „So ist Glück. Nie werde ich vergessen, wie ich jetzt hier stehe“, sagt er einmal. Ein kleiner, trauriger Satz. Denn man ahnt längst, dass dieses Glück keine Zukunft hat. Die Inszenierung zeigt eindringlich, wie Vorurteile funktionieren: nicht laut, nicht sofort brutal, sondern schleichend. Durch Wiederholung. Durch Zuschreibungen. Durch Wegsehen. „Kein Tag und keine Nacht ohne das Wort Jud“, sagt Andri. Man spürt die Müdigkeit eines Menschen, der ständig reduziert wird.
Besonders stark sind die Familienmomente. „Ich kenne dich mein ganzes Leben. Du bist mir immer ein Geheimnis geblieben“, wird projiziert. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Politik, sondern um Eltern, Kinder und Sprachlosigkeit. Überhaupt schafft es der Abend immer wieder, philosophisch zu werden, ohne prätentiös zu wirken. „Ist es nicht seltsam, dass wir über den Menschen, den wir lieben, am wenigstens sagen können, wer er ist? Wir lieben ihn einfach.“ Solche Sätze wirken nach. David Schnaegelberger inszeniert Frischs Parabel nicht museal, sondern zeitgemäß, direkt und schonungslos nah an unserer Gegenwart. Antisemitismus ist hier kein historisches Thema, sondern ein Beispiel dafür, wie Gesellschaften funktionieren, wenn Angst, Vorurteile und Feigheit die Oberhand gewinnen.
Dieser Abend im Stadttheater Neuburg hätte volle Reihen verdient gehabt
Am Ende bleibt Wahnsinn. Eine zerbrochene Barblin. Haare verloren oder abrasiert, man weiß es nicht genau. Vielleicht muss man es auch nicht wissen. Das Bild genügt. Und doch bleibt ein letzter, bitter-schöner Gedanke: Gras wächst nach. Haare auch. Vielleicht liegt darin die leise Hoffnung des Abends. Das Neuburger Publikum hätte zahlreicher sein dürfen. Dieser Theaterabend verdient volle Reihen. Nicht, weil er bequem ist, sondern weil er weh tut und wichtig ist.
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