Mehr als 30 Jahre kämpfte der Audi Betriebsrat für einen Bahnhalt am Werksgelände in Ingolstadt. 2019 wurde das Projekt Realität. Die Kosten von rund 15 Millionen Euro teilten sich die Deutsche Bahn, der Freistaat Bayern, die Stadt Ingolstadt und der Automobilhersteller selbst. Eine gute Investition, sollte man meinen, bei einem Bahnhalt, den theoretisch 40.000 Audianerinnen und Audianer sowie weitere Fahrgäste nutzen können. Doch die Züge kommen immer öfter zu spät oder fallen gleich ganz aus - vor allem für Schichtarbeitende ein großes Problem.
„Es ist jeden Tag ein Lotteriespiel. Man weiß nie, wann man ankommt oder ob man überhaupt ankommt“, klagt Jürgen Pfaller, der in Reichertshausen lebt und seit ungefähr drei Jahren mit dem Zug ab Baar-Ebenhausen in die Arbeit fährt. Er arbeitet bei Audi im Schichtbetrieb genauso wie sein Kollege Tobias Schmalzl, dem „die ständige Unpünktlichkeit“, wie er sagt, irgendwann zu viel wurde und der sich dann an den Betriebsrat wandte. Schmalzl kommt zum Pressetermin am Audi Bahnhalt, zu dem der Betriebsrat wegen der Schwierigkeiten geladen hatte, mit dem Zug - natürlich verspätet, um 25 Minuten. Der Audianer fährt inzwischen normalerweise extra eine Stunde früher los, um pünktlich zu Schichtbeginn an seinem Arbeitsplatz zu sein, doch selbst dann schafft er es nicht immer, erzählt er. In der Produktion stehen die Bänder allerdings nicht still, nur weil einer fehlt, und so muss ein anderer aushelfen. Es geht also auf Kosten der Kollegen. Und die Frühschicht müsse sich ohnehin auf die Pünktlichkeit des ersten Zuges um 5.17 Uhr verlassen, ergänzt Pfaller. Diese Kollegen könnten gar keinen früheren Zug nehmen.
Ingolstadt: Laut einer Umfrage möchten 5300 Audianer die Bahn nutzen
Wie der Audi-Betriebsratsvorsitzende Jörg Schlagbauer berichtet, hätten die Verspätungen in den letzten sechs bis neun Monaten noch einmal erheblich zugenommen. Selbst der Schienenersatzverkehr würde manchmal ausfallen. Und auch die App der Deutschen Bahn zeige Verspätungen nicht zuverlässig an. Hinzukäme, dass eine essentiellen Verbindung für die Spätschicht seit Mitte Januar entfällt. Das verärgere die Kollegen, die mit dem Zug fahren wollen. Ungefähr 1700 Audianer nutzten zum Pendeln aktuell die Bahn, sagt Schlagbauer. Laut einer Umfrage vom Mai 2025 würden aber 5300 Mitarbeitende den Zug nutzen, wenn er verlässlich und im Halbstundentakt käme.
Den Halbstundentakt wünscht sich der Betriebsrat für die Mitarbeitenden schon länger. Eine Schicht ist zum Beispiel um 14.30 Uhr zu Ende, die nächste Bahn fährt aber erst um 15.20 Uhr. „So lange wartet keiner“, sagt Schlagbauer. Derzeit fahren die Züge im Stundentakt, Richtung Norden gibt es zu den Schichtzeiten bereits einen Halbstundentakt. Das Problem bei der halbstündigen Taktung seien die „infrastrukturellen Rahmenbedingungen“, erklärt der Betriebsratsvorsitzende. Stellwerke müssten umgestellt werden, in Gaimersheim müsste ein Wendegleis her. Dennoch soll die halbstündliche Anbindung Ende 2027 realisiert werden.
Audi Betriebsrat fordert Verlässlichkeit und Halbstundentakt der Bahn in Ingolstadt
„Es geht hier nicht um Bahnschelte, sondern um Verlässlichkeit“, betont Schlagbauer. Audi habe sogar einen internen Bus-Shuttle-Service, der zu den Bahnzeiten passt, eingerichtet, damit auch Mitarbeitende von entfernteren Arbeitsplätzen mit dem Zug fahren können. Außerdem gibt es vor Ort einen ÖPNV-Busbahnhof, Park- und Taxi-Plätze sowie Fahrradständer, damit der Bahnhalt bestmöglich genutzt werden kann. Ein verlässlich funktionierender Audi Bahnhalt würde den Verkehr im Stadtgebiet Ingolstadt, vor allem zu den Schichtwechselzeiten, entlasten, ist Schlagbauer sich sicher. Er hat nun einen Brief an die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn Evelyn Palla geschrieben, in dem er Verbesserungen fordert. Eine Antwort bleibt abzuwarten.
Die Deutsche Bahn kämpft derzeit überall um Pünktlichkeit. Auf der Homepage gibt der Konzern für Januar 2026 die Pünktlichkeit im Fernverkehr mit circa 55 Prozent an, im Regionalverkehr mit rund 87 Prozent. Grund seien der Schneefall und die Kälte gewesen, grundsätzlich aber auch das marode Schienennetz und die zahlreichen Baustellen.
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