Drei Männer sitzen auf einer Parkbank im Ingolstädter Süden. Plötzlich liegt einer von ihnen mit schweren Kopfverletzungen in einem angrenzenden Gebüsch. Gäbe es nicht einen unbeteiligten Zeugen, ließe sich am Ingolstädter Landgericht wohl nicht klären, wer von den beiden anderen auf den fast Getöteten eingetreten hat.
Der Zeuge erinnerte sich an einen „normalen Büroalltag“ im September vergangenen Jahres. Bis er gegen 18 Uhr einen „heftigen Schrei“ hört: Er schaut aus dem Fenster und sieht, wie ein Mann auf einen am Boden Liegenden eintritt. Die beiden Männer und ein dritter, der zu schlichten versucht habe, seien ihm bereits am Nachmittag aufgefallen, berichtete der 32-jährige Ingenieur. Von seinem Büro habe er „perfekte Sicht“ auf die etwa 40 Meter entfernte Parkbank, neben der der Geschlagene liegt. „Wie auf einen Fußball“ habe der Mann auf den Kopf seines wehrlosen Opfers eingetreten. Einmal sei er ein paar Schritte zurückgegangen und habe Anlauf genommen - „wie beim Elfmeter“. Nach rund einem dutzend Tritten habe sich der Schläger wieder auf die Parkbank gesetzt. Der offensichtlich Verletzte habe versucht aufzustehen - erfolglos. Ohne Brille habe er zwar keine Details erkennen können, so der Zeuge, sehr wohl aber das „rote Gesicht“ des Opfers. Seine Vermutung, dass das Gesicht „blutüberströmt“ war, wird durch später aufgenommene Polizeifotos bestätigt.
Versuchter Totschlag in Ingolstadt? Mann erleidet lebensgefährliche Hirnblutungen
„Dann ging‘s weiter“, berichtete der Zeuge. Der Täter sei wieder aufgestanden, habe den am Boden Liegenden an den Beinen ins Gebüsch gezogen und weiter auf dessen Kopf eingetreten - bis zum „kompletten Knockout“. Dafür, dass er annehmen musste, dass der Verletzte ohne schnelle Hilfe sterben würde, wirkt der Ingenieur bei seinem Notruf, der im Gerichtssaal abgespielt wird, erstaunlich ruhig. Obwohl es ihm gelingt, Tatort und Tatgeschehen in knappen Worten zu skizzieren, dauert es mehrere Minuten, bis der Mitarbeiter der Rettungsleitstelle einen Krankenwagen ruft. Der Verletzte überlebt zwar, erleidet aber Brüche des Jochbogens, des Nasen- und des Brustbeins und vor allem lebensbedrohliche Hirnblutungen.
Es habe ausgesehen, als wollte der Schläger „Dampf ablassen“, mutmaßte der Zeuge. Die drei Männer hätten zwar während der Tat gesprochen, aber „nicht auf Deutsch“. „Es war wie ein Rausch“, beschrieb der Ingenieur den Gewaltexzess - könnte damit aber auch den Zustand der Beteiligten gemeint haben. 3,23 Promille Alkohol hatte der Angeklagte drei Stunden nach der Tat im Blut, war nach Angaben des unbeteiligten Zeugen aber „noch der Nüchternste“ der drei. Ob der 36-Jährige tatsächlich der Täter war, konnte der kurzsichtige Ingenieur nicht sicher sagen. Sicher war er sich allerdings, dass der Schläger als einziger des Trios ein ärmelloses T-Shirt getragen hat. Der Angeklagte, der am Tattag tatsächlich ein solches Muskelshirt an hatte, gab an, sich „an nichts” erinnern zu können.
Die beiden Zechkumpanen des Angeklagten konnten am Donnerstag nicht vernommen werden: Der eine, der fast Getötete, weil er zwischenzeitlich nach Lettland zurückgekehrt ist, wo er nicht geladen werden konnte; und der andere, weil er trotz Ladung nicht erschienen ist. Offenbar kennen sich die drei aus einer Ingolstädter Obdachlosenunterkunft. Der Angeklagte ist sowohl in Deutschland als auch in Polen mehrfach vorbestraft: wegen Ladendiebstählen und anderer eher geringfügiger Taten, die er fast alle unter Alkoholeinfluss begangen hat. Nun ist er erstmals wegen eines versuchten Tötungsdelikts angeklagt. Im Urteil, das für Dienstag geplant ist, dürfte es auch um die Schuldfähigkeit des 36-Jährigen gehen und darum, ob er in eine Entzugsklinik eingewiesen wird.
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