Das Haus der GWG in Ingolstadt kommt fast ohne Heizung aus
Mit dem Gebäudetyp E soll das Bauen billiger werden
Beim Bau der GWG wird auf altes Handwerkswissen zurückgegriffen
Wenn die ersten Mieter zum Jahreswechsel in ihre neuen Wohnungen einziehen, dann werden sie vermutlich kaum bemerken, dass das Haus, in dem sie wohnen werden, etwas ganz Besonderes ist. Breite Balkone ziehen sich entlang der Fassade, die Fenster sitzen in tiefen Laibungen. Die Außenwände sind nicht verputzt, sondern mit grünem Lärchenholz verkleidet, der Sockel besteht aus Klinkersteinen.
Vielleicht fällt den Bewohnern die Besonderheit ihres Hauses erst auf, wenn sie einen Schalter für eine klassische Heizung suchen. Denn den gibt es nicht. Das, was am Rande Ingolstadts von der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (GWG) gebaut wird, ist ein „Haus fast ohne Heizung“ und damit ein Beispiel für jene neue Philosophie des Bauens, die als „Gebäudetyp E“ gerade für Aufsehen sorgt. „E“ kann dabei für Vieles stehen. Für „Einfach“ etwa oder für „Experimentell“. Und irgendwie ist das Haus mit den 15 geförderten, barrierefreien Wohnungen in Friedrichshofen beides.
19 Gebäude werden aktuell in Bayern als Pilotprojekte zum Gebäudetyp E errichtet beziehungsweise geplant, zwei davon in Ingolstadt. David Grodon ist Architekt und Projektleiter beim Vorhaben der GWG. „Es gibt nicht ‚den einen‘ Gebäudetyp E“, sagt der Mitarbeiter im Büro Neuburger, Bohnert und Müller (nbundm*) mit Sitz in Ingolstadt und München. Vielmehr stecke dahinter der Gedanke, beim Bauen vieles zu hinterfragen, was längst zum Standard geworden sei.
Unzählige DIN-Normen begleiten jedes Bauverfahren. Es geht um Schallschutz, Brandschutz und jede Menge gebäudetechnischer Anlagen. Doch müssen all diese Auflagen wirklich sein? Geht es nicht auch einfacher? Und damit vielleicht auch billiger und schneller? Das haben sich nicht nur Bauherren gefragt, sondern auch Wissenschaftler, die die Projekte von Hochschulseite aus begleiten.
Viele der DIN-Normen haben ihre Berechtigung. „Wenn es um Leib und Leben geht, darf man nicht sparen“, sagt Grodon. Auch ein Mindestschallschutz zwischen zwei Wohnungen sollte eingehalten werden. Doch müssen Wände zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer tatsächlich so dick sein, wie es in der Norm steht? Vieles sei bislang allein aus Komfortgründen gemacht worden, sagt Grodon. Ein weiteres Beispiel: Selbst in kleinen Schlafräumen müssen mindestens vier Steckdosen eingebaut werden. Im Fall der Fälle könnte es wegen Haftungsfragen zu einem Gerichtsprozess kommen, wenn nicht alle etablierten Standards eingehalten werden.
Das neue Haus der GWG an der Steigerwaldstraße will aber sogar (fast) ohne Heizung auskommen - und dabei nicht an Komfort verlieren. Der Bau basiert auf dem 2226-Konzept, das besagt: Innerhalb der Wohnung soll es zwischen 22 und 26 Grad warm sein. Erreicht wird dies ohne konventionelle Warmwasserheizung, stattdessen sorgen Sonneneinfall und die Abwärme von Haushaltsgeräten, Beleuchtung und der Bewohner selbst für die gewünschte Temperatur. Die verbrauchte Luft wird über Fensterklappen durch Frischluft ersetzt.
Statt komplexer industrieller Materialien wird bei diesem Bau auf altes Handwerkerwissen zurückgegriffen und möglichst einfach gebaut. „Vieles ist Neuland für alle Beteiligten, auch für die ausführenden Firmen“, sagt Grodon auf der Baustelle.
Das Haus kommt zwar ohne konventionelle Heizung, Lüftung und Klimaanlage aus, dennoch gibt es „einen Plan B“, erklärt Grodon. Im Fußboden ist ein Heizpapier verlegt, das elektrisch Wärme erzeugt, sollte es doch einmal zu kalt werden. Der Strom wiederum kommt von einer Photovoltaikanlage auf dem Dach.
Doch nicht nur technisch kann beim Gebäudetyp E einiges hinterfragt werden, auch baulich. So kommt das Gebäude ohne Tiefgarage und Keller aus. Statt Kellerräumen entstehen kleine, bunte Gartenhäuser, die laut Architekt Christian Neuburger von nbundm* neben dem Einsparen von Geld und Beton einen weiteren Nebeneffekt haben: Sie dienen als Begegnungsflächen.
In Sichtweite zum „Haus (fast) ohne Heizung“ soll in den 2030er Jahren ein weiteres Gebäude entstehen, das ebenfalls zu den 19 Pilotprojekten zählt. Beim Bau der geplanten Mittelschule steht das Thema Lüftung im Fokus. Von einer Art „Low-Tech-Gebäude“ spricht Baureferent Gero Hoffmann, das dort entstehen könnte. Denn die komplexen und aufwendigen Anlagen in einer Schule sind nicht nur teuer in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Und es braucht Experten, die sie überhaupt bedienen können. So macht man sich auch hier Gedanken: Wäre es nicht möglich, allein über die Fenster zu lüften? „Erste Simulationen zeigen, dass eine natürliche Lüftung möglich ist“, heißt es vonseiten des bayerischen Bauministeriums.
Die Koalition in Berlin beabsichtigt, das Gesetz zum Gebäudetyp E weiter zu verfolgen. Damit soll der Bau dieser Gebäude zivilrechtlich erleichtert werden. Demnach könnten fachkundige Planer künftig Vereinbarungen treffen, ohne sämtliche Normen und anerkannte Regeln der Technik immer vollends umsetzen zu müssen. Verbunden ist damit die Hoffnung, dem Wohnungsmangel entgegenwirken zu können.
Allerdings gibt es auch Kritik, die kommt unter anderem vom Bundesgerichtshof. Acht Richter des zuständigen Senats schreiben in einer Fachzeitschrift unter anderem: „Der Gesetzentwurf sieht [...] in einem Schnellverfahren ohne hinreichende fachkundige Begleitung tiefgreifende Änderungen des Bauvertragsrechts vor, ohne deren Wirkungen durchdacht zu haben.“
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