Startseite
Icon Pfeil nach unten
Neuburg
Icon Pfeil nach unten
Ehekirchen
Icon Pfeil nach unten

Kinderspielstadt NeuSobPolis in Ehekirchen: Von kleinen Gaunern und großen Plänen

Ehekirchen

Spielstadt in Ehekirchen: Wenn Kinder eine Stadt regieren

  • |
  • |
  • |
  • |
    Bürgermeisterin Mila (mitte) posiert zusammen mit zwei guten Freundinnen vor dem NeuSobPoliser Rathaus.
    Bürgermeisterin Mila (mitte) posiert zusammen mit zwei guten Freundinnen vor dem NeuSobPoliser Rathaus. Foto: Tim Graser

    „Skandal in NeuSoPolis“, titelt der Spielstadt-Spiegel in seiner Morgenausgabe vom Dienstag. „Falschgeld im Umlauf!“, heißt es dort weiter. Auf der zweiten Seite steht, dass das Gefängnis, das eigentlich für die Sicherheit in NeuSobPolis sorgen sollte, eingestürzt ist. „Nägel waren Schrott“, lautet die Überschrift. Schon wieder schlechte Presse über die Polizei - erst vergangene Woche war über die zunehmende Korruption unter den Ordnungshütern berichtet worden.

    Am Dienstag steht jedoch erstmal das Problem mit dem Falschgeld auf der Agenda. Eine Stunde, bevor der Spielstadt-Spiegel den Skandal publik macht, erfährt die Bürgermeisterin davon. Mila wurden gerade zwei 20-NEUSOB-Noten in der Hand gedrückt, sie runzelt die Stirn. Auf den ersten Blick sehen beide Geldscheine gleich aus, aber wie man später im Spielstadt-Spiegel nachlesen wird, fühlt sich das Papier bei den Blüten anders an, etwas dünner. Außerdem sei das Blau heller als gewöhnlich.

    Kinderspielstadt NeuSobPolis vom Kreis-Jugend-Ring: Rollenspiel des Erwachsenenlebens

    Der Blick der Bürgermeisterin wandert von den Geldscheinen hinüber zu den Jungs, die das Casino betreiben. Sie habe bereits einen Verdacht, sagt Mila zähneknirschend. Dass die Leute vom Casino verschlagen und nur aufs schnelle Geld aus sind, sei schließlich bekannt. Man sieht der Bürgermeisterin an, wie sehr ihr missfällt, dass jemand in ihrer Stadt versucht, mit Falschgeld zu betrügen. Auch das Glücksspiel ist ihr eigentlich ein Dorn im Auge, allerdings duldet sie das Casino wegen der hohen Steuereinnahmen.

    Polizist John will der Geldfälscherbande auf die Spur kommen.
    Polizist John will der Geldfälscherbande auf die Spur kommen. Foto: Tim Graser
    Mit bloßem Auge fast nicht zu erkennen: Die obere Banknote ist eine Fälschung.
    Mit bloßem Auge fast nicht zu erkennen: Die obere Banknote ist eine Fälschung. Foto: Tim Graser

    Die 13-jährige Mila regiert NeuSobPolis inzwischen schon zum dritten Mal. Am Montag wurde sie wiedergewählt und kam anschließend zusammen mit ihrem Stellvertreter, dem elfjährigen Bernhard, „in einer feierlichen Zeremonie ins Amt“, wie der Presse zu entnehmen ist. Seitdem führt sie das NeuSobPoliser Rathaus mit fester Hand und hat als erste Amtshandlung gleich mal den Mindestlohn auf 4 NEUSOPS pro Stunde angehoben.

    Dass das Rathaus aus einem Pavillon und einer Biertischgarnitur besteht und mitten auf dem Pausenhof der Ehekirchener Grund- und Mittelschule steht, weist darauf hin, dass es sich nur um eine inszenierte Realität handelt. Seit 2018 veranstaltet der Kreisjugendring Neuburg-Schrobenhausen (KJR) die Spielstadt „NeuSobPolis“. 200 Kinder und eine Woche, in der es auf dem Pausenhof in Ehekirchen zugeht, wie in einer echten Stadt, inklusive Rathaus, Restaurant und Arbeitsamt, mit reichen und mit armen Bürgern, mit Gesetzestreuen und mit Kriminellen.

    Das Rathaus besteht aus einem Pavillon und einem Biertisch

    „Wenn ich Erwachsenen Fotos von NeuSopPolis zeige, sehen die nur einen Pausenhof und ein paar Pavillons“, erzählt Tommy Jacobsen vom KJR, Mitorganisator der Spielstadt. Für die Kinder aber entstünde eine immersive Realität, eine tatsächliche Wirklichkeit, in die sie sich voll und ganz in ihre Rollen hineinversetzen können. Spätestens, wenn man zwei Zehnjährige über die städtische Finanzpolitik schimpfen hört, und „dass sich die Bürgermeister hier mal wieder alles erlauben“, verschwimmen Realität und Wirklichkeit auch für Erwachsene.

    Etwas später erzählt Bürgermeisterin Mila bei einem Stadtspaziergang über den Pausenhof von ihrem Wahlkampf am Montag. Es wurden zwar Wahlplakate gemalt und auch sonst fleißig um Stimmen geworben, ernsthafte Konkurrenz habe es aber eigentlich nicht gegeben. Die Rathauschefin führt das auf ihre Regierungserfahrung zurück. Sie sei schließlich schon 13 und habe schon zwei Legislaturen als Bürgermeisterin hinter sich. Bei ihr wisse man, woran man ist. Auf ihrer Schule, der Maria-Ward-Realschule in Neuburg, war sie bereits Schul- und Klassensprecherin, kennt sich also aus mit Verantwortung.

    Im Casino ist man hingegen nicht so glücklich mit dem Führungspersonal im Rathaus. Vor allem der Erlass vom Morgen, dass alle Geschäfte nicht mehr als 100 NEUSOPs in der Kasse lagern dürfen und alles darüber hinaus auf die Bank eingezahlt werden muss, stößt bei den Glücksspielbetreibern auf Unmut. Der Geldfluss im Casino sei einfach zu groß, um jeden Betrag über 100 sofort zur Bank zu tragen. Auch wenn diese nur zehn Meter Luftlinie entfernt liegt.

    Auflagen für Casinobetrieb: NeuSobPolis erhebt Glücksspielsteuer

    Noch tiefer sitzt der Frust beim Casino-Kartell aber wegen den 2000 NEUSOPs, die die Polizei auf Anweisung der Stadtverwaltung konfisziert und damit die insolvente Bank gerettet hat, zusätzlich zur Sondersteuer für Glücksspiel. „Das grenzt an Diktatur!“, ruft einer der Jungs mit gespielter Empörung, senkt aber kurz darauf die Stimme, lächelt diebisch und sagt: „Aber unter uns, wir haben schon noch Geld.“ Nur dürfe das keiner mitbekommen, am allerwenigsten die Journalisten vom Spielstadt-Spiegel.

    Nicht weit vom Casino führt die Polizei eine Routinekontrolle durch. Jeder Bürger darf maximal 75 NEUSOPs dabei haben, alles darüber muss er auf die Bank einzahlen - eine Maßnahme der Stadtregierung, um die Deflation in den Griff zu bekommen. Der Junge im weißen T-Shirt, bei dem die Beamten 95 NEUSOPS gefunden haben, wird kurzerhand vor Richter Niko gezerrt, der mit einem Holzhammer vor einer Bierbank sitzt und sich anhört, was der Beschuldigte zu seiner Verteidigung zu sagen hat. Zwar beteuert er seine Unschuld, die Beweislast sei aber erdrückend, so der Richter und verurteilt den Jungen nach Absprache mit dem ermitteltend Polizisten zu einer Geldstrafe von 20 NEUSOPs. Fünf davon bekommt ein Polizist, den Rest teilt das Gericht unter sich auf.

    Die Werkzeuge der Justiz: Richterhammer und Strafgesetzbuch.
    Die Werkzeuge der Justiz: Richterhammer und Strafgesetzbuch. Foto: Tim Graser

    In gewisser Weise sei die Spielstadt ein Spiegel der richtigen Gesellschaft, meint Tommy Jacobsen, mit ehrlichen wie unehrlichen Bürgern, mit Verbrechen und Korruption. Dass letzteres in NeuSobPolis vielleicht öfter vorkommt, als in der Wirklichkeit, ist für Jacobsen kein Wunder. „Der moralische Kompass von Erwachsenen ist natürlich ausgeprägter“, so der Pädagoge. „Das hat ein Siebenjähriger halt nicht.“

    Und trotzdem: In NeuSobPolis lernen die Kinder spielerisch, wie Demokratie und wie Marktwirtschaft funktioniert, oder eben, wie sie nicht funktioniert. Und falls die Gewaltenteilung doch mal wieder ins Wanken gerät, hat der Spielstadt-Spiegel zumindest die nächste Story, auf die er sich stürzen kann.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren