Pierre Terreaux wäre wahrscheinlich glücklich gewesen. Dass ein seit Jahrzehnten offenes Kapitel seines Lebens nun endlich geschlossen werden kann. Dass seine Nachkommen nach Ehekirchen gekommen waren, um persönlich zu zeigen, dass aus ehemaligen Feinden längst Freunde geworden sind. Und dass nach 80 Jahren ein kleiner, unscheinbarer Koffer noch einmal seine Geschichte erzählt. Fünf entscheidende Jahre davon spielten im Ehekirchener Ortsteil Schönesberg, wo der französische Soldat als Kriegsgefangener auf dem Müllerbauernhof von Johann Reisner zur Zwangsarbeit eingeteilt war. „Er hat später nicht viel darüber gesprochen“, erinnert sich Sohn Michel Terreaux. „Nur dass er dort herzlich willkommen war, immer gut behandelt wurde und stets ausreichend zu Essen bekam.“
Als Pierre Terreaux nach Kriegsende wieder in seine Heimat nach Bussières-lès-Belmont in der Champagne zurückkehren konnte, ließ er den Koffer in Schönesberg zurück. Zwar versprach der Soldat beim Abschied, ihn später einmal abzuholen, vergaß die ganze Sache aber bald wieder, bis er schließlich im Jahr 2000 im Alter von 87 Jahren starb. Dass die Habseligkeiten jetzt tatsächlich wieder in die Hände der Familie des einstigen Kriegsgefangenen gelangten, ist vor allem dem ehemaligen Ehekirchener Bräu Georg Zett, dem früheren Schrobenhausener Stadtarchivar Max Direktor und dem Heimatverein Ehekirchen zu verdanken.
2019 wurde der Koffer im Speicher des Schönesberger Hofes gefunden
2019 hatte die aktuelle Besitzerfamilie Scheuermeyer den Koffer im Speicher des Schönesberger Hofes gefunden, Zett begann daraufhin zu recherchieren, ein darauf angebrachter Zettel diente als Anhaltspunkt für einen Erstkontakt zu den Terrauxes. Dass es bis zu einem realen Treffen letztlich doch bis 2025 dauern sollte, war vor allem der Corona-Pandemie geschuldet. Den Stein erneut ins Rollen brachte schließlich Max Direktor aus Neuburg im November vergangenen Jahres. Am Dienstagvormittag kam es nun schließlich im Ehekirchener Rathaus zur feierlichen Übergabe des Koffers.
„Es war für uns alle sehr emotional“, beschreibt Michel Terreaux den Augenblick, in dem er, sein Sohn Christophe, der in Cherbourg lebt, Enkel Arthur sowie die Zwillinge Julie und Louise die Truhe des Uropas endlich öffnen durften. Zwar gab es darin keine materiellen Kostbarkeiten zu entdecken, aber dafür Kleidungsstücke, lange Unterhosen, Feldpost, eine Schatulle mit Tüchern, Handschuhe und sogar eine noch funktionierende diatonische Mundharmonika, mit der die Kinder trotz aller Warnungen vor möglichen gesundheitlichen Unwägbarkeiten sofort zu spielen begannen.
Alles war so gut erhalten, als wäre es erst vor kurzem eingepackt worden. „Mein Vater hat gerne in Schönesberg gearbeitet, weil er selbst von einem Bauernhof stammt“, weiß Terreaux, denn immerhin habe es schlimmere Möglichkeiten gegeben, eine Kriegsgefangenschaft zu überstehen. Was nun mit dem Inhalt des Koffers geschehen soll, darüber hat er sich noch keine konkreten Gedanken gemacht. Er könne sich aber vorstellen, die Hinterlassenschaften an ein Museum oder ein Zentrum für Zeitgeschichtsforschung in Frankreich zu übergeben, inklusive der dazugehörigen Geschichte selbstverständlich.
Ehekirchens Bürgermeister Günter Gamisch ließ die französische Fahne hissen
Dass diese nun tatsächlich ein Happy End findet, war der Gemeinde Ehekirchen einen Festakt mit zweitägigem Nonstop-Programm wert, bei dem es unter anderem auf große Besichtigungstour durch die Gemeinde mit Besuchen in der Kita, der Schule, des Müllerbauernhofes sowie der Kläranlage ging. Am heutigen Mittwoch steht neben einem Spaziergang durch die Neuburger Altstadt noch ein Besuch des Latour-Denkmals bei Oberhausen auf der Agenda, dessen wenige Quadratmeter sich bekanntlich auf französischem Staatsgebiet befinden.
Bürgermeister Günter Gamisch (Freie Wähler) hatte außerdem vor dem Rathaus die deutsche, die französische sowie die Europa-Flagge hissen lassen und sich bei der Begrüßung sogar in die Untiefen der französischen Sprache vorgewagt. Freilich gab es für die komplizierten Übersetzungsparts noch profunde Unterstützung von Benedikt Hornberger. Dass ihn das Schicksal von Pierre Terreaux über alle Maßen berühre, liege nicht nur daran, weil er in Schönesberg lediglich 300 Meter Luftlinie vom Scheuermeyer-Hof entfernt wohne, gestand der Rathauschef. Gamisch: „Er war nicht freiwillig hier, sondern als Kriegsgefangener. Das ist eine sehr schlimme Sache. Er wurde um fünf Jahre seines Lebens beraubt.“ Den Besuch der Nachfahren wertet der Bürgermeister deshalb als sichtbares Zeichen der Völkerverständigung. „Derartiges darf sich nie mehr wiederholen! Wir alle wünschen uns Frieden!“ Für Roman Huber, den Vorsitzende des Heimatvereins lautet das Motto des Tages deshalb: „Was lange währt, wird endlich gut“. Der Koffer von Pierre Terreaux habe tatsächlich nicht umsonst 80 Jahre lang auf seine Abholung gewartet.
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