Es ist Frühling, Anfang der 90er-Jahre, genauer gesagt das Jahr 1992. Und in diesem Jahr macht in Neuburg nicht der Mai alles neu, sondern schon der April. Denn in der Innenstadt wurde zu einem großen Spektakel geladen. Die ersten Stadtbusse drehen ihre Runden. Es ist ein Bekenntnis für den öffentlichen Nahverkehr. Mit großer Hoffnung blickt man auf die neuen Stadtbuslinien, sie sollen den Autoverkehr in der Innenstadt reduzieren. Und zunächst scheint es auch so, also würde sich alles nach Plan entwickeln. Doch dann sollte es anders kommen. Wie also ist passiert, dass sich das ehemalige Erfolgskonzept zum Sorgenkind entwickelt hat? Ein Blick in die Chronik.
Sieben Uhr morgens, es regnet – in Strömen sogar. Und dennoch, der Schrannenplatz ist an diesem 4. April 1992 voll mit Leuten. Denn an diesem Tag werden die ersten beiden Stadtbuslinien der Neuburger Stadtwerke vorgestellt. Der damalige Oberbürgermeister Hans Günter Hunjar zeigt sich begeistert. „Jetzt geht es erst richtig los“, meint das Stadtoberhaupt damals und ermuntert alle Bürger, die neuen Linien eifrig zu nutzen.
440.000 Mark mussten investiert werden, um das Projekt zu realisieren. Die Busse, die angeschafft wurden, hatten 30 Steh- und Sitzplätze. Die Linien führten nach Heinrichsheim und Herrenwörth, im Stundentakt transportierten sie ihre Gäste. Wer mitfahren wollte, musste für eine Einzelfahrt eine Mark zahlen, Hin- und Rückfahrt kosteten 1,50 Mark, der Zehnerblock sieben und eine Monatskarte 20 Mark.
Neuburger Stadtbusse gibt es seit April 1992 in der Innenstadt
Und zunächst scheint es auch so, als würden sich alle Hoffnungen bestätigen. Nicht einmal ein Jahr später, Mitte Februar 1993, haben bereits 111.111 Fahrgäste den Stadtbus genutzt. Ein Grund, zu feiern! Am 10. Februar knallen deswegen also die Korken. 110.000 Kilometer wurden unfallfrei zurückgelegt, die Auslastungen bei den jeweiligen Fahrten befinden sich zwischen 40 und 70 Prozent. Der damalige Stadtwerke-Chef Hans-Jürgen Hill ist rundum zufrieden, „die Busse sind inzwischen aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken“, schwärmt er. Warum also nicht einen weiteren Ausbau wagen? Gesagt, getan. Der Neuburger Stadtrat beschließt kurzerhand die Bestellung eines dritten Busses. Und auch aus der Bevölkerung gibt es einen großen Wunsch: die Einführung weiterer Linien.
Die Zahlen sollen sprunghaft nach oben gehen. Anfang September 1997 wird ein Fahrgast ordentlich überrascht. Eine regelmäßige Passagierin aus Laisacker steigt nichtsahnend in den Bus ein – und bekommt einen Blumenstrauß. Warum? Weil sie die einmillionste Stadtbus-Passagierin ist. Die Stadtspitze freut‘s und wieder heißt es, man geht von immer weiter steigenden Passagierzahlen für den Nahverkehr aus. Weil es so gut läuft, führt man im Dezember des gleichen Jahres den 30-Minuten-Takt bei den Stadtbussen ein.
Drei Jahre später hat sich die Zahl bereits verdoppelt. Am 20. Juli 2000 feiert die Stadt den zweimillionsten Fahrgast der Neuburger Stadtbusse. Huniar freut sich, der Stadtbus befinde sich immer weiter im Aufwind. Man spricht von einer „Erfolgsstory“ des Stadtbusses. Mittlerweile gibt es in Neuburg fünf Linien. Man wagt sich daher an weitere Versuchslinien, eine zur Wilhelm-Frankl-Kaserne, eine ins Industriegebiet in der Grünauer Straße. Ein Stadtbus fährt im Sommer sogar zum Neuburger Freibad. Außerdem sollen zwei neue Busse gekauft werden.
Ein Sprung zehn Jahre weiter: Noch will man investieren, noch sind die Hoffnungen groß. Doch zu dieser Zeit werden auch die ersten Sorgen geäußert. Die Stadtbuslinien schlagen bei der Jahresbilanz der Stadtwerke negativ zu Buche. Im Jahr 2022 geht man davon aus, dass der Nahverkehr ein Loch von etwa 600.000 Euro in die Bilanz reißen wird. Tariferhöhungen sind die Folge. Auch eine Erweiterung des Fahrplans wird nicht weiter angesteuert. Zum 20. Geburtstag im Jahr 2012 hofft Oberbürgermeister Bernhard Gmehling, dass die steigenden Spritpreise die Fahrgastzahlen in den Stadtbussen ansteigen lassen werden. 2011 werden knapp 500.000 Menschen jährlich durch die Neuburger Stadtbusse befördert.
Neuburg: Stadtbusse kämpfen mit rückläufigen Passagierzahlen seit 2011
Doch so soll es nicht kommen. Was damals noch keiner ahnt: Es folgt ein stetiger Rückgang der Passagierzahlen. Der Spitzenwert von 2011 soll nicht mehr erreicht werden. In den Jahren 2012 bis 2019 bewegen sich die Zahlen in kleinen Schritten nach unten, 2019 werden 447.000 Fahrgäste gezählt. Und auch das Fahrplannetz, das ja eigentlich ausgeweitet werden sollte, muss immer wieder überprüft werden - weil manche Linien einfach zu wenig ausgelastet sind.
Den Tiefpunkt erreichen die Zahlen 2020 und 2021, diesmal ist allerdings ein Faktor von außen schuld: die Coronapandemie. 2023 läuft es besser, doch die Ticketzahlen sinken dennoch. 2024 werden – exklusive Deutschlandticket und VGI-Ticket – gerade einmal 273.000 Passagiere gezählt, ein Jahr zuvor waren es noch 369.000.
Mittlerweile spricht man vom Sorgenkind, stellt sich die Frage, ob die Stadtbusse überhaupt noch weiterhin von der Stadt finanziert werden können, immerhin hat sich das Modell zum Defizitgeschäft gerechnet. Befragungen zeigen, dass sich die Wahrnehmung des Nahverkehrs durch die Bürger gewandelt hat. Die Umfrage einer THI-Studentin ergibt, dass rund 60 Prozent der Neuburger den Bus gar nicht nutzen, ja nicht einmal bedenken, wenn sie im Alltag unterwegs sind. Die Stadtbusse erreichen laut Umfrage gerade einmal die Note 4.
Kritikpunkte sind die mangelnde Digitalisierung, ein ungenügendes Netz, die teuren Preise. Eine Gratwanderung für Stadtwerke und auch die Stadt selbst. Denn wenn die Linien zu wenig genutzt werden, müssen sie eingestellt werden, so wie es bei der Altstadt-Linie passierte. Der Bus kostet zunehmend mehr, Personalkosten und Spritpreise steigen, während die Fahrgastzahlen sinken. Dieses Konzept neu zu gestalten, den Trend umzukehren und aus dem Sorgenkind wieder eine Erfolgsstory zu machen, das wird eine der größten Herausforderungen der Stadtwerke in den kommenden Jahren sein. Sonst droht das Sorgenkind irgendwann nur noch zu einer vagen Erinnerung an die Vergangenheit zu werden.
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