Wer war Joseph Benedikt Graßegger wirklich? Eine überschaubare Zahl von Neuburgern könnte den Namen vielleicht schon einmal in Zusammenhang mit dreien seiner Häuser an der Amalienstraße gehört haben. Die meisten jedoch wissen bis heute kaum etwas über den Kaufmann, Mitbegründer des Historischen Vereins und einen der wichtigsten Geschichtsforscher der Stadt. Dabei verdankt Neuburg seiner Sammelleidenschaft eine beträchtliche Zahl bedeutender Exponate und vor allem die kostbaren Ottheinrich-Bildnisse im Schloss.
Viele Neuburger wissen nur wenig über den Geschichtsforscher Joseph Benedikt Graßegger
Um die Wissenslücken nach und nach zu schließen, läuft noch bis zum 18. Oktober im Stadtmuseum eine Ausstellung anlässlich des 250. Graßegger-Geburtstages. Am Internationalen Museumstag hatten seine Erben im Historischen Verein zudem die Idee, auch unbekannte Facetten des „Säulenheiligen“ (der ehemalige Stadtheimatpfleger und Ehrenvorsitzende Roland Thiele) in einer von Eva Muster, der stellvertretenden Vorsitzenden des Historischen Vereins, geleiteten Podiumsdiskussion im Museum aufzudecken – mit teilweise spannenden Erkenntnissen.
So erzählte Thiele, dass Joseph Benedikt Graßegger (1776 bis 1849) zu Lebzeiten ein arger Zyniker gewesen sein muss. Niemand sei vor seinem Spott sicher gewesen. Auch dass der geschichtsbewusste Sammler zu Lebzeiten alle verfügbaren Unterlagen über Hexenverbrennungen in und um Neuburg zusammentrug, war allenfalls einem kleinen Personenkreis bekannt. Beinahe hätte Graßeggers Forschungsdrang der Stadt jedoch zu unangenehmer Popularität verholfen. Während der NS-Zeit ließ Heinrich Himmler im gesamten Deutschen Reich heimlich nach Beweisen über Verfehlungen der katholischen Kirche suchen, um diese im Falle des Endsieges gegen sie verwenden zu können. Dafür schickte er seine Handlanger wegen der „Hexen-Akten“ ausgerechnet zuerst nach Neuburg, wie Historiker Tobias Hirschmüller, im Historischen Verein für das Kollektaneenblatt verantwortlich, herausgefunden hatte.
„Graßegger wollte das, was von Menschenhand geschaffen wurde, unbedingt erhalten“, brachte Hirschmüllers das Motiv des Heimatforschers auf den Punkt. Exemplarisch führte er dabei den Fund eines versteinerten Flugsauriers namens Pterodactylus aus der Jurazeit vor etwa 150 Millionen Jahren an, den Graßegger zunächst als „typisch deutschen Frosch“ identifiziert hatte. Alle führenden Archäologen hätten ob der bedeutenden Entdeckung damals seinen Namen erwähnt. Vereinschef Marcus Prell berichtete von Graßeggers Grabungskampagnen zwischen Biding, St. Wolfgang und Attenfeld, bei denen unter anderem Römerstraßen erforscht worden seien. „Die sind da sehr professionell rangegangen und haben alle katalogisiert“, so Prell.
Trotz fehlender Quellennachweise hat der Forscher viele wichtige Ereignisse beschrieben
Freilich gibt es von wichtigen Ereignissen, wie etwa der Schenkung der Alten Burg 1818 an die Stadt Neuburg, keine Quellennachweise, wie Alexander Strauß vom Arbeitskreis Burgen zu berichten wusste. Dennoch habe der Forscher „haargenau“ beschreiben können, wie das Gemäuer an der Donau ausgesehen haben könnte, und sogar Zeichnungen davon gefertigt. Unter anderem zweifelte Graßegger die mystischen Ausschmückungen des bekannten bayerischen Historikers Aventinus – bürgerlich Johann Turmair – kritisch an, der die Alte Burg „Attilia“ nannte. Die Dringlichkeit ihrer grundlegenden Sanierung steht für Strauß jedoch klar im Vordergrund: „Die Alte Burg hat jetzt 1000 Jahre geschafft. Schauen wir mal, ob sie die nächsten zehn Jahre noch übersteht.“
Dass der Nachlass von Joseph Benedikt Graßegger erst über Umwege, teils durch Schenkungen, teils aber auch in Form von Dauerleihgaben an den Historischen Verein gelangte, vergaß Roland Thiele nicht zu erwähnen. Deshalb seien die Besitzverhältnisse lange Zeit unklar gewesen.
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