Weit mehr als die Hälfte aller 27 katholischen Bistümer in Deutschland leistet sich ein Diözesanmuseum mit oder ohne Domschatzkammer. Eichstätt, unter den sieben bayerischen Bistümern das zahlenmäßig kleinste, gründete im Jahr 1901 auf der Basis einer geschenkten Sammlung christlicher Kunst sein Museum. Seit 1982 ist es an seinem heutigen Standort direkt beim Dom und trägt seit 2001 den Titel „Domschatz- und Diözesanmuseum“.
Mit der Ausstellung riskiert das Domschatz- und Diözesanmuseum einen Imagewechsel
Das klingt höchst seriös und lässt kaum Spekulationen darüber zu, was dort präsentiert wird. Die aktuelle Eichstätter Sonderausstellung „Eine Augenweide – Vom stillen Dasein der Dinge“ riskiert einen zumindest temporären Imagewechsel – und das genau genommen nicht zum ersten Mal. Kaum einer der Künstler, der in den zurückliegenden Jahren hier eine Ausstellung seiner Arbeiten ausrichten konnte, hat es versäumt, das Haus wegen seiner herausfordernden architektonischen Besonderheit und das Team für seine Experimentierfreude zu loben. Immer wieder war zu erleben, wie die Museumsräume, die Präsentation der Dauerausstellung und einzelne herausragende Exponate auf bemerkenswerte Weise mit den hinzukommenden Arbeiten der ausstellenden Gäste in Dialog treten. Dieser Effekt dürfte noch nie deutlicher zutage getreten sein, als in der mit viel Wissen und Witz zusammengestellten aktuellen Schau, deren Mittelpunkt die Arbeiten der Berliner „Sammlungsfotografen“ Sebastian Köpcke und Volker Weinhold sind. In 51 im doppelten Sinn brillanten Fotografien wenden und wandeln die beiden gekonnt Themen und Technik der Gattung Stillleben.
Dabei bringen sie Statisches in Bewegung, erwecken Totes quasi zum Leben. Ihre Modelle haben die Fotografen in der naturhistorischen Sammlung des österreichischen Benediktinerstifts Admont gefunden. Mit deren Tierpräparaten arrangieren sie skurrile Szenen, die man so noch nie gesehen hat. Dass sie beim Betrachter trotzdem das diffuse Gefühl des Wiedererkennens auslösen, ist der infame Trick dieser Inszenierungen, hinter den man einfach nicht kommt. Die Fotoarbeiten korrespondieren in ihrer Kleinteiligkeit und Vieldeutigkeit mit all dem, was das Museum in Vitrinen und an Wänden dazu tun kann. Weltliche und christlich-kirchliche Erzählungen kollidieren, gehen ineinander über. Alltägliches wird mit ungeahnter Bedeutung aufgeladen. Der Raum, den der Architekt Karljosef Schattner Anfang der 1980er-Jahre im Bestand modern gestaltet hat, tut das Seine dazu.
Da sind zunächst einmal die Sicht- und Blickachsen, über die Exponate miteinander in Kommunikation kommen. Etwa ein Porzellan-Kakadu, der aus einer Glasvitrine quer durch den Raum auf seine fotografierten Admonter Artgenossen zu blicken scheint. Überhaupt gibt es jede Menge Gefiedertes zu sehen, immer wieder Blühendes: ein Foto erschöpfter Tulpen neben den Astern eines Blumenstilllebens aus dem Besitz des Eichstätter Priesterseminars. Neue Nachbarschaften sind entstanden, wie beim drachentötenden Georg zu Pferde aus der Dauerausstellung, neben den man ein Foto der Reliquienbüste des Heiligen gehängt hat, aus dessen Brustöffnung rote Blüten hervorzuquellen scheinen.
Die Ausstellung ist eine gelungene Rückbesinnung auf die Ursprünge des Museums
Neben den museumseigenen schlafenden Jüngern am Ölberg entdeckt man ein eigentümliches Gruppenfoto, von dem einen hellwach in die Kamera blickende Tiere anschauen – ausgestopfte wohlgemerkt. Es gibt auch gewagte „Matches“: das Lamm Gottes zwischen Eisvogel und Flamingo, eine Johannesschüssel neben einer Osterlammbackform. Und immer wieder Schmetterlinge, beispielhaft symbolisch: provokanter Liebreiz mit morbidem Unterton, Schönheit und Vergänglichkeit. In fast jedem Raum kann man künstlerische Solitäre neben Devotionalien entdecken, kleine Schätze, erbauliche Kuriositäten und einfach nur ästhetische Objekte aus dem Alltag.
Die aktuelle Eichstätter Sonderausstellung ist eine gewagte und gelungene Rückbesinnung des Museums auf seine Ursprünge, die in den Wunderkammern und Kuriositätenkabinetten ferner Jahrhunderte liegen. Das ist mutig und ehrlich. Es ist lehrreich und höchst unterhaltsam. Es ist schräg und manchmal schrecklich – schrecklich schön. Ein Fest für Augenmenschen mit Stilempfinden und Humor.
Info: Die Ausstellung „Eine Augenweide. Vom stillen Dasein der Dinge“ im Eichstätter Domschatz- und Diözesanmuseum ist bis 31. Oktober, von Mittwoch bis Sonntag sowie feiertags von 10.30 bis 17 Uhr zu besichtigen. Nähere Informationen unter www.dioezesanmuseum-eichstaett.de.
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