Daniel Pietta, welche Zwischennote würden Sie denn dem ERC Ingolstadt nach den ersten elf Saisonpartien in der DEL geben?
Pietta: Puh, das ist immer schwierig. (Überlegt) Ergebnistechnisch sicherlich eine Vier minus oder sogar Fünf!
Und im Hinblick auf die bisherigen Leistungen?
Pietta: Nun, wir haben in nahezu allen Partien immer wieder gute Phasen, die wir uns jedoch oftmals wieder durch schlechte Phasen selbst zerstören. Wir treffen dann die falschen Entscheidungen, wodurch wir die Begegnungen letztlich verlieren. Das Ganze zieht sich irgendwie wie ein roter Faden durch die bisherige Spielzeit. Es ging ja letztlich schon am Auftaktwochenende in Berlin und Köln los, als wir jeweils zahlreiche Strafen im Schlussabschnitt gezogen haben – und hat sich dann, mit Ausnahme des Heimspiels gegen München – fortgesetzt. Im Moment müssen wir uns darauf besinnen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, um dem jeweiligen Gegner weniger Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten. In der vergangenen Saison haben wir es eigentlich immer geschafft, das Momentum bei uns zu behalten oder schnell zurückzugewinnen. Derzeit tun wir uns aber in erster Linie schwer, Tore zu schießen.
Was auch ein Blick auf die DEL-Tabelle unterstreicht. Mit 26 Treffern hat man die drittwenigsten Tore aller 14 Klubs erzielt. Was sind die Hauptgründe dafür?
Pietta: Wir haben bislang sehr viel außenrum gespielt, wodurch wir in einigen Partien nur wenige Schüsse auf das gegnerische Tor hatten. Gegen München haben wir das entsprechend verändert und waren damit auch prompt erfolgreich. Gegen Nürnberg sind wir dann aber wieder in unser altes Muster zurückgefallen – wobei es uns die Ice Tigers quasi vorgemacht haben. Sie haben von der blauen Linie immer wieder Scheiben auf den Kasten gebracht, die dann entscheidend abgefälscht wurden. Aber genau solche Aktionen und Tore brauchst du, um anschließend diese kreativen Momente zu bekommen. Im Eishockey ist es oft so, dass nicht gleich der erste Schuss, sondern erst die zweite, dritte oder vierte Aktion zum Tor führt. Und genau da müssen wir wieder hinkommen.
Also geht es letztlich darum, wieder die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt zu treffen...
Pietta: Exakt! Du musst einfach das Gefühl dafür haben, wann du beispielsweise einen Pass spielst oder welchen Schuss wann nimmst. Das Ganze ist natürlich auch immer eine Sache des Selbstvertrauens. Wenn es läuft, geht in der Regel alles automatisch. Wenn nicht, dann musst du halt dahin kommen, dass es wieder läuft! Das ist letztlich die Krux daran.
Wie geht die Mannschaft derzeit mit diesem unbefriedigenden Saisonauftakt um?
Pietta: Die Stimmung in der Kabine ist trotzdem ganz ok – auch wenn wir natürlich wissen, dass der Druck steigt! Man bekommt ja auch mit, was außenrum – beispielsweise auf Social Media – passiert. Das kannst du nicht alles komplett ausblenden. Letztlich haben wir es aber in der eigenen Hand, mit Siegen das Ganze entsprechend zu drehen.
Die Ingolstädter Mannschaft hat – im Vergleich zum Vizemeister-Kader der vergangenen Saison – sicherlich ein anderes Gesicht. Neben Verteidiger Ben Marshall haben mit Frederik Storm, Justin Feser, Ty Ronning und Stefan Matteau vier läuferisch starke Angreifer mit Torinstinkt die Panther verlassen. Erweisen sich diese Abgänge im Nachhinein als noch schmerzhafter wie erwartet?
Pietta: Ich glaube, dass die Jungs, die im Sommer verpflichtet wurden, läuferisch ebenfalls top sind. Ich weiß, dass es sich immer ziemlich bescheuert oder wie eine Ausrede anhört: Aber wir müssen einfach die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt treffen! Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In der vergangenen Saison haben wir davon gelebt, dass unsere Aufbaupässe immer direkt auf den Schläger gekommen sind. Aktuell kommen sie oftmals in die Schlittschuhe oder landen zu weit vorne beziehungsweise hinten. Dadurch hat man kaum die Möglichkeit, in einen „Rush“ zu kommen, aus dem du bereits aggressiv in Richtung gegnerisches Tor gehen, die zweiten Scheiben gewinnen und den Gegner in dessen Drittel festmachen kannst. Momentan ist noch viel Stückwerk dabei – und das müssen wir ändern!
Und wie soll das genau gelingen?
Pietta: Das Eishockey-ABC besteht daraus, einen Pass auf den Schläger seines Mitspielers zu spielen – was wir als Profis auch unter Druck auf drei oder vier Metern schon hinbekommen sollten. Dafür werden wir schließlich auch bezahlt. Wenn uns das gelingt, dann kommen wir im Offensivspiel auch wieder in unseren „Flow“. Falls die Pässe jedoch nicht ankommt, wird es weiterhin schwer, immer gegen fünf Leute anzulaufen. Eishockey ist nun mal – ebenso wie Fußball – ein Umschaltspiel. Und genau in solche Situationen müssen wir vermehrt kommen.
Die Saison 2023/24 ist, wie bereits erwähnt, erst elf Spieltage alt. Neigen Sie bei der aktuellen sportlichen Bewertung eher dazu, die Ruhe zu bewahren und darauf zu verweisen, dass noch über 40 Partien zu absolvieren sind? Oder sehen Sie es eher trügerisch und warnen davor, dass sich das Ganze durchaus auch in eine ganz andere Richtung wie in der vorangegangenen Spielzeit bei den Eisbären Berlin entwickeln kann?
Pietta: Ich bin da schon bei Ihnen beziehungsweise dem zweiten Teil Ihrer Frage! Klar sind erst elf Spiele absolviert. Aber dennoch ist es für uns definitiv an der Zeit, jetzt Punkte zu sammeln, um nicht – was ich viele Jahre mit Krefeld mitgemacht habe – gleich von Anfang an der Konkurrenz hinterherzulaufen. Irgendwann bist du nämlich gezwungen, deine Partien gewinnen zu müssen – und dann steigt der Druck richtig! Ich bin momentan sicherlich weit davon entfernt, Panik zu schieben. Dennoch sollte man, wie bereits gesagt, die Situation schon richtig einschätzen und dabei zu der Erkenntnis kommen, dass es jetzt dann schon mal „Klick“ machen sollte. Allein mit Reden werden wir aber keine Spiele gewinnen. Das müssen wir schon auf dem Eis zeigen.
Die Panther waren in den beiden vergangenen Wochen jeweils am Dienstag auch in der Champions-Hockey-League im Einsatz. Lassen Sie das Argument der Zusatzbelastung gelten?
Pietta: Ich kann jetzt nur von mir sprechen: In der vorangegangenen Woche hatte ich frei, an diesem Dienstag habe ich gespielt – und merke keinen Unterschied! Natürlich ist es mental einfacher, wenn du gewinnst. Auch in der Champions-Hockey-League. Nachdem wir jedoch alles Profis sind und es noch früh in der Saison ist, sollte das keine Ausrede sein – und eine solche wollen wir auch gar nicht gelten lassen! Wenn wir schlecht spielen, dann liegt es ausschließlich an uns – und nicht etwa daran, dass das Eis schlecht oder das Wetter draußen zu kalt ist. In der Regel haben die Gegner die gleichen Voraussetzungen wie wir.
Am Freitag (19.30 Uhr) steht in Augsburg das schwäbisch-oberbayerische Derby an, das gerade für die Fans einen hohen Stellenwert besitzt. In solchen Partien kann man bekanntlich viel gewinnen, aber auch verlieren. Haben Sie das Gefühl, dass auf Ihrem Team aufgrund der aktuellen sportlichen Situation noch mehr Druck als üblich liegt?
Pietta: Grundsätzlich machen wir uns selbst schon auch einen großen Druck, dass wir dieses Spiel unbedingt gewinnen wollen. Unabhängig davon sind wir uns jedoch der besonderen Konstellation dieses Derbys absolut bewusst. Auch unsere neuen Spieler wissen – unter anderem aus den Partien gegen Straubing und Nürnberg –, dass die Atmosphäre dort nochmals eine andere ist. Aber auch in diesem Fall sind wir Profis, um den vorhandenen Druck entsprechend auszuhalten.
- Champions-Hockey-League: Der Achtelfinal-Gegner des ERC Ingolstadt in der Champions-Hockey-League (CHL) heißt Växjö Lakers. . Auf den schwedischen Meister waren die Panther erst kürzlich in der Gruppenphase getroffen, wo sie sich in der Saturn-Arena mit 2:5 geschlagen geben mussten. Ab dem Achtelfinale wird der Gewinner in einem Hin- und Rückspiel ermittelt. Die Spiele finden am 14./15. November sowie 21./22. November statt. Die genaue Terminierung der Partien durch die Champions-Hockey-League erfolgt in den kommenden Tagen.
- Personal: Bis auf die angeschlagenen Devin Williams und Marco Friedrich sowie den gesperrten Colton Jobke (drei Partien) kann Cheftrainer Mark French auf seinen kompletten Kader zurückgreifen.