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Waldbaden fördert Gesundheit und Wohlbefinden durch Achtsamkeit im Wald

Ingolstadt

Waldbaden gegen Alltagsstress: Warum es guttut, einen Baum zu umarmen

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    Jürgen Müller aus Ingolstadt ist zertifizierter Kursleiter für Waldbaden. Der 59-Jährige weiß um die heilsame Wirkung des Waldes und will diese in verschiedenen Kursen den Menschen näher bringen.
    Jürgen Müller aus Ingolstadt ist zertifizierter Kursleiter für Waldbaden. Der 59-Jährige weiß um die heilsame Wirkung des Waldes und will diese in verschiedenen Kursen den Menschen näher bringen. Foto: Katrin Kretzmann

    Waldbaden – für manche klingt das nach esoterischem Trend, für andere längst nach einer echten Kraftquelle. Jürgen Müller aus Ingolstadt weiß aus eigener Erfahrung, wie viel hinter dieser Praxis steckt. Als zertifizierter Kursleiter für Waldbaden führt er Menschen dorthin, wo Stille und Natur plötzlich wieder spürbar werden. Warum ein Bad im Wald ein heilsamer Ausgleich ist zum zunehmenden Alltagsstress, welche Vorteile es für Gesundheit und Immunsystem mit sich bringt und warum das Umarmen eines Baums wahre Glücksgefühle auslöst.

    Er sei schon immer ein Naturmensch gewesen, sagt Jürgen Müller, „auf das Waldbaden bin ich aber durch reinen Zufall gestoßen“. So lauschte der 59-Jährige, der als Textilingenieur arbeitet, während eines Reha-Besuchs einem Vortrag mit anschließendem Kurs zum Thema Waldbaden - und Müller war so begeistert davon, „dass ich kurze Zeit später eine Ausbildung zum Kursleiter für Waldbaden gemacht habe“. Seither führt er Menschen in den Wald - aber nicht einfach nur zum Spazierengehen.

    Der Begriff Waldbaden stammt aus Japan und heißt dort „Shinrin-yoku“, was ins Deutsche übersetzt so viel bedeutet wie „in die Atmosphäre des Waldes eintauchen“. Entwickelt wurde diese Praxis in den 1980er-Jahren als Methode zur Stressreduktion und Gesundheitsförderung. „Waldbaden bedeutet, bewusst und achtsam Zeit im Wald zu verbringen, ohne sportliche Aktivität oder Ziel, sondern, um die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu entspannen - ein geführter Waldspaziergang mit gesundheitsbezogenen Übungen“, erklärt Müller, der auch als Yoga-Lehrer unterrichtet.

    Waldbaden senkt Stress, hebt die Stimmung und verbessert den Schlaf

    Mittlerweile ist es wissenschaftlich belegt, „dass sich Waldbaden positiv auf die Stimmung auswirkt, Stress reduziert und den Schlaf fördert“, sagt der 59-Jährige. Selbst der Blutdruck kann reguliert werden. Besonders eindrucksvoll sei jedoch der Effekt auf das Immunsystem: „Nach etwa vier Stunden im Wald können die sogenannten natürlichen Killerzellen um bis zu 40 Prozent ansteigen – und dieser Effekt ist noch Tage später messbar.“ Ursächlich für all diese Effekte ist das sogenannte heilsame Trio des Waldes, angefangen mit den Mikroben. „Würde man einen Esslöffel guter Walderde analysieren, dann sind da mehr Lebewesen drin, wie Menschen auf der Erde leben.“ Diese Mikroben können über Haut und Atemluft aufgenommen werden und „wirken sich positiv auf Darmgesundheit und Psyche aus“.

    Hinzu kommen Anionen, negativ geladene Teilchen in der Luft, die etwa beim Aufprall von Regentropfen auf Blätter durch Reibung entstehen. „Im Wald gibt es davon bis zu 50-mal mehr als in der Stadt, und wenn wir diese einatmen, verbessert sich die Atmung“, erklärt Müller. Schließlich gibt es noch die pflanzlichen Botenstoffe, sogenannte Terpene: „Bäume kommunizieren darüber und sie stimulieren unser Immunsystem.“ Ferner hätten auch Farben und Formen eine positive Wirkung. „Grün bringt uns in die Beruhigung, ebenso wie raschelnde Blätter oder Vogelgezwitscher.“

    Waldbaden entfaltet erst dann seine volle Wirkung, „wenn wir achtsam sind“. Joggen oder Spazierengehen reichten nicht aus. Stattdessen gehe es ums Entschleunigen: langsames Gehen, bewusstes Atmen, intensives Wahrnehmen. „Wir versuchen, den Wald so zu erleben, als wären wir zum ersten Mal dort.“ Dazu gehören einfache, aber wirkungsvolle Übungen: mit geschlossenen Augen den Geräuschen lauschen, im Moos liegen und in die Baumkronen anschauen, Blätter berühren, einen Baum umarmen. „Ein Baum ist ein Lebewesen. Und so wie uns die Umarmung eines Menschen guttut, kann auch das Umarmen eines Baums etwas auslösen und sogar Glückshormone ausschütten“, sagt Müller.

    Online-Waldbaden sorgt für mentale Auszeit vom Alltag

    Selbst digital funktioniert das Konzept, wie Müller erklärt. So gehen die Teilnehmer beim Online-Waldbaden zunächst allein in die Natur, sammeln Eindrücke und Gegenstände – später tauschen sie sich per Videokonferenz aus. „Unser Gehirn macht keinen großen Unterschied zwischen realen und vorgestellten Erlebnissen“, erklärt Müller. Sogar im Wohnzimmer lasse sich ein Walderlebnis schaffen: mit Moos, Steinen, Naturgeräuschen. „Menschen können sich den Wald nach Hause holen.“

    Müller wundert es nicht, dass Waldbaden immer beliebter wird: „Unser Stresslevel ist durch die vielen digitalen Reize stark gestiegen.“ Der Wald sei ein natürlicher Gegenpol. Mit Gruppen bietet er unterschiedliche Kurse an, darunter auch „Waldbaden Online - Holen Sie sich die Kraft des Waldes nach Hause“ am 27. September im Haus im Moos. Und unabhängig vom Format ist Jürgen Müllers Ziel am Ende klar: möglichst viele Menschen für diese doch simple Form der Erholung zu begeistern. „Waldbaden ist eine Quelle für körperliches und geistiges Wohlbefinden – und sie steht jedem offen“, sagt er.

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