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Wirtshausserie

27.04.2018

Die Gäste kamen sogar aus München ins Kartäusertal

Der Karlshof lockte stets auch Besucher von außerhalb des Ries’ ins Kartäusertal.

Die Geschichte des Karlshofs geht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Die wohlhabenden Nördlinger ließen sich mit der Kutsche zur Gaststätte bringen.

Der Karlshof im Kartäusertal galt in der Mitte des 20. Jahrhunderts als die Ausflugsgaststätte der Nördlinger Bürger. Die Gaststätte existierte über 160 Jahre und schloss 1966 für immer ihre Pforten. Die Geschichte der Einöde Karlshof ist jedoch viel länger und vielschichtiger!

Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei der späteren Domäne Karlshof früher um einen karolingischen Königshof handelte. Die erste Erwähnung erfolgt Anfang des 13. Jahrhunderts, als die Edelfreien von Hürnheim den Hof von der Nördlinger Familie Dollinger kauften. Zusammen mit dem Hochhaus gelangte das Hofgut 1347 an die Grafen von Oettingen. Im 16. und 17 Jahrhundert war der Name Hinterhof oder Schafhof gebräuchlich.

Der nachfolgende Albrechtshof wurde 1706 durch Freiherr Albrecht von Elster aus zwei Gütern, einem Bauhof und einem Schafhof mit Käserei, zusammengefügt. Nach dem Wiedererwerb 1764 durch das fürstliche Haus wurde der Name Karlshof gebräuchlich. In einer Gebäudebeschreibung von 1800 werden neben Förstern und einer Landwirtschaft auch Braumeister, Brauer und eine Brauerei mit Nebeneinrichtungen aufgeführt. Damit dürfte auch eine Gaststätte vorhanden gewesen sein. Die Brauerei war im Brau- und Branntweinhaus untergebracht. Der Dachaufbau des Brauhauses mit Erkern und einem hohen Kamin ist auf alten Postkarten gut zu erkennen. Die Bierkeller wurden 1864 erweitert, sodass sich heute noch ausgemauerte Gewölbekeller über sechs Hallen im Bergrücken erstrecken. Zeitweise wurden die ausgedehnten Kelleranlagen von der Brauerei in Wallerstein als Lagerkeller genutzt.

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Zur damaligen Gaststätte gehörten ein auf einem Hügel gelegener Sommergarten, ein Sommerhaus und eine 1829 errichtete Kegelbahn, wobei heute lediglich das „Saläddle“ noch besteht. Aufgrund der hohen Nachfrage wurden Zimmer in der Pächterwohnung und in einem abgelegenen alten Forsthaus an Sommergäste vermietet. Es wird von einem Lehrer aus Nördlingen berichtet, der mit der gesamten Familie jährlich in den Sommerferien vier Wochen in Vollpension auf dem Karlshof verbrachte. In den 1870er Jahren bewarb sich der Karlshof als Luftkurort; auch Gäste aus München kamen. Die Pächterwohnung wurde später zur Wirtsstube, wohin auch der Wirtsgarten verlegt wurde.

Die Blütezeit des Gastronomiebetriebes war unter dem Pächterehepaar Wilhelm und Luise Beck in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach Aufgabe der Brauerei im Jahr 1920 wurde diese abgerissen und stattdessen ein Festsaal gebaut. Aus den umliegenden Ortschaften lief die Landbevölkerung sonntagnachmittags zu Fuß zum Karlshof zur Einkehr. Man traf Verwandte und Bekannte, trank und machte Brotzeit. Manche leisteten sich nur ein Butterbrot, andere genossen die Hausschlachtung. Wandervögel und Naturliebhaber kamen bereits vormittags.

Die gehobenen Bürger aus Nördlingen ließen sich von einer Lohnkutscherei auf den Karlshof fahren. Dort angekommen, erfolgten Waldspaziergänge und ein Besuch der Ruinen Hoch- und Niederhaus. Gerda Schupp-Schied beschreibt, dass die bessere Gesellschaft Kaffee trank und dazu gedeckten Apfelkuchen oder Zwetschgendatschie mit frischer Schlagsahne aß. Viele Gäste kamen auch zum Mittagessen. Im Saal wurden Göckel und Schweinebraten aufgetischt. In der Regel wurden in der Woche 15 Laibe Brot gebacken.

Oft war der Andrang so groß, dass Brot in der Nachbarschaft besorgt werden musste und das Bierauto von Wallerstein nachliefern musste. Bei den Heranwachsenden waren die Tanzveranstaltungen besonders beliebt. Manche Burschen fuhren von Aufhausen bis zum Karlshof um hübsche Rieserinnen kennenzulernen. Auch beim Domänenpächter Ferdinand Schmidt fanden Faschingsbälle, Tanz, Hochzeiten und die Kirchweih großen Anklang. Der Karlshof war auch Ziel vieler Schulausflüge. Die Nördlinger Volksschulen hielten auf dem Karlshof und Umgebung ihr Sommerferien-Programm mit Wanderungen und Spielen ab. Ein damaliger Schüler berichtet, dass nach dem gemeinsamen Essen im Speisesaal ein Mittagsschlaf auf Feldbetten gehalten wurde. Bis in die 1960er Jahre existierte eine eigene Bushaltestelle „Karlshof“.

1966 schloss die Gaststätte. In den 1970er Jahren wurde das 620 Hektar umfassende Forstamt Karlshof nach Christgarten und 2001 nach Kösingen verlegt. Als letztes wurde die Landwirtschaft dieses prächtigen Ensembles stillgelegt. Einer der Höhepunkte auf dem Karlshof war das in den 1950er Jahren existierende Gestüt. Heute werden die Gebäude als Lager genutzt, die schönen Stunden gehören der Vergangenheit an.

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