Nördlingen Gleicher Autor: Marc Camoletti. Gleiches Thema: Potenzierte Seitensprünge. Gleicher Ort: das Nördlinger Klösterle. Während sich aber „Boeing Boeing“ Ende März eher lustlos auf die Matratzen schleppte, servierte nun die Berliner Komödie am Kurfürstendamm ihre „Perle Anna“ als delikates Betthupferle. In einem sichtlich und spürbar gut aufgelegten Schauspielerensemble agierte eine quicklebendige Anita Kupsch zur hellen Freude des nahezu ausverkauften Hauses.
Fünf Stunden beim Sjoppen
Der Stoff gilt als bekannt. „Sie“ angelt sich einen Lover, weil sie glaubt, „Er“ betrügt sie. „Er“ hat das wirklich vor, aber nur, weil er ungläubig feststellt, dass „Sie“ fünf Stunden beim Shoppen (für Anita Kupsch „Einkoofen“) war, ohne etwas gefunden zu haben. Also: Haus leer, Haus voll, Tür auf, Tür zu, Licht an, Licht aus. Und die Haushälterin steht mitten im Geschehen. Nun, das allein reißt noch längst nicht vom Hocker, wie man weiß. Da braucht man schon so eine Paradeberlinerin wie Anita Kupsch. Selbstverständlich in der Rolle als Haushälterin. „Ich muss Quatsch machen, sonst macht alles keinen Spaß“, sagt sie über sich. Nach diesem Prinzip lebt und arbeitet sie – einem Regisseur fällt diese Einstellung quasi in den Schoß. Mit ihrer angeborenen Berliner „Schnauze“ fegt und wirbelt sie über die Bühne. Ihre knappen Kommentare sind verbunden mit ihrer umwerfenden Mimik verbale Kracher. Ein erstauntes „Jaaa?“ reicht zum Szenenapplaus, sie grinst und feixt, schnappt sich den Staubsauger als Tanzpartner, gönnt sich Wodka im Glas und Cognac aus der Flasche, säuselt und lallt, gibt dem ehelichen Chaos wieder Struktur, recycelt die erfolglosen Seitenspringer und verkuppelt Sekunden später die beiden anderen, nicht ohne eine „Gefahrenzulage“ zu kassieren.
Ein „Hänger“ wird zum Ereignis
Da wird selbst ein „Hänger“ zum Ereignis. Als ihr ein benebelt-gelalltes „ri-go-ros“ absolut nicht über die Lippen quellen will, fängt sie einfach an zu lachen. Und steckt Marcus Ganser gleich mit an. „Also noch mal“, kichert Anita Kupsch. Helle Freude im Publikum. Eben dieser Marcus Ganser, Wiener, hat diese Komödie auf Berlin adaptiert, führt Regie und übernahm gleich auch noch die Rolle des wild entschlossenen Seitenspringers. Alles wohl gelungen. Witzig-spritzig sein Text, erotisch teils prickelnd, teils umwerfend umständlich die Handlungsführung, gut ausgelotet die flatterhaften Gemütszustände seines sprungbereiten Bernhards. Und ein spontaner Lacher im Parkett, wenn er sein ohnehin schütteres Haupthaar zum Anatevka-reifen Rabbibart herunterzieht. Adisat Semenitsch gibt der Ehefrau Claudia eine sehr ordentliche Figur, überdreht mitunter und schafft es zur Verblüffung im Saal, ein zweites Kleid überzuziehen und das darunterliegende schwuppsdiwupps auszuziehen. Aykut Kayacik muss sich nicht groß verstellen: Sein „Ringer-Orkan“ Erkan ist eine eigene Marke.
Frappierende Ahnungslosigkeit
Mit einer frappierenden Ahnungslosigkeit quält er sich eher zum Seitensprung, erntet mit seinem Bauchtanz im knallengen Schlafanzug schallendes Gelächter und gibt sich auf der strapazierfähigen Couch erst mit einem – natürlich harmlosen – Schultersieg zufrieden. Als Jasminka bringt Nina Juraga oben drauf „russische Säälä“ ein, sie macht ja das alles nur „wägän Visum und Karriärä“.Nach 52 Tournee-Vorstellungen war in Nördlingen Schluss mit der „Perle Anna“, erzählte Anita Kupsch nach dem letzten rauschenden Beifall. Und deshalb wollte sie gleich noch von der Bühne herunter einen Witz loswerden: „Annonce: Suche Mann mit Pferdeschwanz. Frisur egal.“ Na, na, in diesem Alter! Am heutigen Freitag wird „die Kupsch“ 72. Das darf man bei ihr sagen. Sie kann nicht anders. Zum Glück. Chapeau!