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Kirche

02.12.2017

Missbrauch: Es gibt weitere Opfer

Im Missbrauchsfall, der sich um den früheren Stadtpfarrer Nördlingens dreht, gibt es neue Erkenntnisse. Er hat viele Jahre in der Kirche St. Salvator gewirkt.
Bild: Philipp Wehrmann

Nach seinem Geständnis und weiteren Vorwürfen gegen den früheren Nördlinger Pfarrer Paul Erber, will das Bistum mit Gläubigen den Fall aufarbeiten. Wie ein Gesprächsabend helfen soll.

Ein Kind, das von einem Erwachsenen sexuell missbraucht wurde, schreibe sich in vielen Fällen die Tat selbst zu. Wie die Psychologin Helga Kramer-Niederhauser nach dem nichtöffentlichen Gesprächsabend des Bistums mit Nördlinger Kirchenvertretern weiter sagt, würden Kinder gerade bei Übergriffen von eigentlich vertrauten Personen lange schweigen. Die Opfer gingen davon aus, dass ihnen niemand Glauben schenken wird. Die mutmaßlichen Opfer des Geistlichen Paul Erber schwiegen teils mehr als 30 Jahre.

Das Bistum Augsburg hat am Donnerstagabend im Pfarrzentrum St. Salvator einen Gesprächsabend einberufen, um mit den Gläubigen die Geschehnisse der vergangenen Tage aufzuarbeiten. Erber hatte eingeräumt, sich in den achziger Jahren über einen längeren Zeitraum an einem Jugendlichen am Maristenkolleg in Mindelheim vergangen zu haben. Inzwischen ist die Rede von mutmaßlich fünf Opfern; zwei aus seiner Zeit als Kaplan in Nördlingen, Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. Drei Buben sollen wenig später im Maristenkolleg in Mindelheim unsittlich berührt worden sein. Die Opfer aus Nördlingen hätten sich bei der Missbrauchsbeauftragten des Bistums gemeldet. Die Staatsanwaltschaft Augsburg prüft das. Die zwei weiteren mutmaßlichen Opfer aus dem Unterallgäu soll Erber dem Bistum zufolge im Gespräch mit der Missbrauchsbeauftragten erwähnt haben. Hierzu ermittelt die Staatsanwaltschaft Memmingen.

Zum Gesprächsabend im Pfarrzentrum lud das Bistum Mitglieder der Nördlinger Pfarrgemeinderäte, des Pastoralrats, der Kirchenverwaltungen und weitere Hauptamtliche der Pfarreiengemeinschaft ein. Zwei Mitarbeiter der Gemeindeberatung der Diözese moderierten den Abend. Generalvikar Monsignore Harald Heinrich, die Missbrauchsbeauftragte und Rechtsanwältin Brigitte Ketterle-Faber sowie die Diplom-Psychologin Helga Kramer-Niederhauser beantworteten die Fragen der Anwesenden. Die Veranstaltung war nichtöffentlich, Medienvertreter wurden im Anschluss informiert.

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Die Psychologin versuchte nach eigenen Angaben, die Kirchenmitglieder für die Opfer zu sensibilisieren. Viele Gläubige würden gegenüber Erber Loyalität zeigen, sagte sie. Und sie fügte hinzu, dass Täter eben zwei Gesichter hätten: „Sie sind keine Monster.“ Doch durch die Loyalität würde es Opfern immer noch schwerer fallen, sich nach einem Missbrauchsfall zu öffnen.

Außerdem werde der Fall Erber immer wieder verharmlost, weil die Taten schon Jahrzehnte zurückliegen und der Geistliche wohl strafrechtlich nicht mehr belangt werden könne. Die Missbrauchsbeauftragte, Brigitte Ketterle-Faber, wies deutlich darauf hin, dass die Straftat weiterhin vorläge, auch wenn sie bereits verjährt sei. „Die Schuld bleibt“, sagte sie. Dahingehend wurde auch der Generalvikar sehr deutlich. „Kein Kind, kein Jugendlicher will es, dass ein Erwachsener, egal wer das ist, ihn im Intimbereich berührt.“ Im Gespräch mit den rund 80 Kirchenmitgliedern sei klar geworden, dass Nördlingen nach wie vor unter Schock stehe. Der Fall habe viele Bürger regelrecht erschlagen. Sexueller Missbrauch „klingt nie nett“, sagte der Generalvikar, aber dafür gebe es keine anderen Begriffe. Er wies Kritik zurück, dass das Bistum mit der Versetzung Erbers in den Ruhestand und mit der Information der Öffentlichkeit falsch gehandelt habe. Was jetzt zähle, sei die Wahrheit. Das Bistum sieht die Anwesenden als Multiplikatoren. Sie sollen an die Bürger weitertragen, was diskutiert wurde. Weitere Opfer, sollte es sie geben, können sich laut Bistum an die Missbrauchsbeauftragte, die Staatsanwaltschaft und die Polizei wenden.

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02.12.2017

Wann und wie können Missbrauchsopfer sprechen?

https://www.missbrauchsopfer-josephinum-redemptoristen.de/was-wir-als-missbrauchsopfer-mitzuteilen-haben/

Zur Frage der Definition: Sexueller Missbrauch kann sexuelle Ausbeutung, sexuelle Gewalt oder sexualisierte Misshandlung bedeuten. Wer sexuell übergriffig agiert, transportiert damit eine besonders destruktive Energie, die er mit Sexualhandlungen verknüpft. So etwas wirkt nicht nur auf Kinder und Jugendliche zutiefst bedrohlich und verstörend, trifft sie aber in einer Phase, in der ihre Persönlichkeit besonders vulnerabel ist. Abgesehen davon, dass die Gefahr besteht, dass sie Sexualität fortan negativ bewerten.

Die "zwei Gesichter" der Täterinnen und Täter können einen Hinweis darauf bieten, dass sie in Folge eigener nicht verarbeiter Traumatisierungen in ihrer Identität dissoziieren. Man sollte dabei immer berücksichtigen, dass auch Mütter ihre Söhne sexuell missbrauchen.

http://www.traumanord.de/Elke_Kuegler/Publikationen_files/Hinweischarakter%20von%20Traumafolgestoerungen%20.pdf

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen erwachsenen Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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