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Volkstrauertag

15.11.2019

Selbstbestimmtheit bis zum Schluss - Außergewöhnliche Formen der Beisetzung

In einem Ruhewald können Urnen beigesetzt werden. Für viele Angehörige ist diese Art der Bestattung eine Erleichterung, da sich die Natur um die Grabpflege kümmert. „Es ist verboten, die Urne zu Hause auf die Kommode zu stellen, so wie es in Filmen oft gezeigt wird“„Eine Waldbestattung bedeutet gleichzeitig weniger Druck für die Angehörigen“
Bild: Symbolbild: Fotolia

Plus Neben den klassischen Erd- und Feuerbestattungen gibt es außergewöhnliche Möglichkeiten einer Beisetzung. Menschen tendieren immer mehr zu Vorsorge und sogar Nachhaltigkeit ist ein Thema.

Eine stille Waldlichtung, das Rauschen der Blätter, frischer Wind und Zeit für ruhige Gedanken. Es gibt immer mehr Möglichkeiten, wie sich Angehörige von ihren Lieben verabschieden können – eben auch in der Natur.

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Alexander Wendel ist Inhaber des Bestattungsinstituts Stumpf in Nördlingen, Bestattermeister und Einbalsamierer. Er kennt sich mit den unterschiedlichen Begräbnisformen aus: „Grundsätzlich gibt es Erd- und Feuerbestattungen. Zu den Erdbestattungen gehören die Sargbestattungen auf dem Friedhof oder auch auf Waldfriedhöfen.“ Der Unterschied von Waldfriedhöfen und Baumbestattungen sei, dass letztere zu den Feuerbestattungen zählten. In sogenannten Ruhewäldern könnten Urnen beigesetzt werden. Auf der Homepage des Bestattungsinstituts bietet das Unternehmen zudem außergewöhnliche Bestattungsarten wie See-, Diamant-, Alpen- oder sogar Weltraumbestattung an. „Wir wollen als Dienstleister natürlich ein gewisses Spektrum an Möglichkeiten anbieten“, sagt Wendel. Allerdings sei das deutsche Bestattungsrecht relativ streng. „Man hat hier eine Beisetzungspflicht, also es ist verboten die Urne zu Hause auf eine Kommode zu stellen, so wie es in amerikanischen Filmen oft gezeigt wird.“

Für eine Weltraumbestattung müsse man ins Ausland

Viel Außergewöhnliches könne meist nur im Ausland durchgeführt werden. Dieses Jahr gab es laut Wendel den Wunsch nach einer Weltraumbestattung. Dafür müsse man die Urne sogar zur NASA schicken. Dort werde sie eingelagert, bis eine Rakete ins All fliege. „Man kann sich dann überlegen, wie hoch die Asche fliegen soll, also ob man verglühen will oder in der Atmosphäre herumschwirren will“, erklärt der Fachmann. Für die eher außergewöhnlichen Arten werden die Urnen oft in die Schweiz geschickt. Bei einer Luftbestattung beispielsweise könne die Asche des Verstorbenen von einem Heißluftballon aus über einem geeigneten Gebiet beigesetzt werden.

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In den Kommunen ändert sich ebenfalls etwas in der Friedhofskultur. In Oettingen werden deshalb im Zuge der Umgestaltung des Friedhofs Urnengräber errichtet. „Im Moment gibt es 32 Urneneisengräber, dort können bis zu zwei Urnen in ein Grab“, sagt Stadtbaumeister Klaus Obermayer. Des Weiteren werde ein Urnengemeinschaftsfeld errichtet, das von der Stadt gepflegt und gestaltet werden soll. „Es gibt auch noch ein anonymes Feld, das bereits fertig ist“, so Obermayer. Die Stadt baut auch Urnenreihen- und Urnenwahlgräber. Letztere seien halbbogenförmig angelegt, ein Grabstein habe ebenfalls Platz. „Wir pflanzen auch noch zwei Bäume für Baumbestattungen“, sagt der Stadtbaumeister.

Der Trend geht weg von klassischen Bestattungen

Dass der Trend weg von den klassischen Friedhofsbestattungen geht, zeigt das Interesse für Ruhewälder der fürstlichen Familie zu Oettingen-Wallerstein. Carl Eugen Erbprinz zu Oettingen-Wallerstein und seine Kollegen sind derzeit in den Planungen für den dritten Ruhewald in der Nähe von Fremdingen. Der erste wurde vor einem Jahr in dem Bereich des Harburger Bocks erschlossen, kurz darauf folgte der zweite in einem Buchenwald auf der Ostalb. „Wir haben sehr viele Vorsorgekunden, die sich gerne lange im Voraus einen Baum aussuchen“, sagt Oettingen-Wallerstein. Zweimal im Monat bietet die fürstliche Familie öffentliche Führungen in den Ruhewäldern an. „Die Termine sind kostenlos und ganz unverbindlich“, sagt er.

Er sieht für die Lebenden einen großen Vorteil in der Vorsorgeberatung: „Nach dem Tod ist erst einmal viel Chaos, wenn im Vorfeld schon viel geregelt wurde, ist das eine Erleichterung für die Angehörigen.“ Die Ruhewälder werden deutlich besser angenommen als er zuvor gedacht habe. Gerade für die Deutschen habe der Wald eine große Bedeutung und sei mit dem Tod eines der natürlichsten Dinge der Welt.

In einem Ruhewald herrsche eine andere Atmosphäre

Zu Oettingen-Wallerstein ist der Meinung, dass die Atmosphäre in einem Ruhewald eine ganz andere sei: „Man geht mit Kindern eher mal im Wald spazieren als auf dem Friedhof. Bei einem Waldbesuch kann man die Verstorbenen ohne das beklemmende Friedhofsgefühl besuchen.“ In den Ruhewäldern gebe es die Möglichkeit, einen Familienbaum zu kaufen. Sollten die Enkel dann einmal nicht mehr in der Heimat wohnen und woanders beigesetzt werden, ist der Gedanke eines gemeinsamen Familienortes trotzdem schön, meint der Unternehmer. „Es gab sogar einmal Nachbarn, die haben sich gemeinsam einen Baum gekauft, die trennen sich sozusagen nie“, erzählt er. Um die Grabpflege im Wald kümmere sich die Natur. Er habe die Erfahrung gemacht, dass damit der Druck von vielen Angehörigen falle. Vor allem ältere Menschen würden sich Gedanken darüber machen, wie das Grab, das sie pflegten, aussehe.

Eine neue Art des Bestattens ist die sogenannte „Grüne Linie“. Das Bestattungsinstitut Stumpf ist einer von 50 Partnern in Deutschland, die seit Kurzem das nachhaltige Bestatten anbieten. „Nachhaltigkeit ist aktuell in allen Lebensbereichen gefordert – auch beim Bestatten“, sagt Wendel. Denn wieso sollte man den Tod aus diesem Kreislauf herausnehmen?

Auch ein Sarg kann nachhaltig sein

Bei der Grünen Linie ist der Prozess von der Sargproduktion bis hin zur Bestattung nachhaltig: „Das Holz für den Sarg kommt aus der Region, die Bestattungswäsche besteht aus Schafwolle und Hanf“, erklärt Wendel. Zudem würde sein Bestatterteam die Angehörigen dahingehend beraten, jahreszeitliche Blumen und Sträucher für den Grabschmuck zu verwenden. Trotzdem sei die Entscheidung jedem freigestellt. Auch bei der Sargauswahl könne man mehr zu regionalen Produkten greifen. „Es gibt nur drei Sarghersteller in Deutschland“, sagt er. Sein Familienunternehmen sei einer davon.

Für ihn müsse ein Umdenken stattfinden. „Der Friedhof an sich sollte einen parkähnlichen Charakter haben.“ Er erzählt von einem getrennten Pärchen, das durch den täglichen Besuch auf dem Friedhof wieder zueinander gefunden habe. Seiner Meinung nach müsse ein Friedhof mehr für den zwischenmenschlichen Austausch sorgen und auch ein Ort der Erholung sein. Beispielsweise durch klassische Konzerte oder einen Kinderspielplatz. „Die Angst vor dem Sterben schüren wir selber“, sagt der Bestatter.

Als Seelsorgebegleiter hat er die Erfahrung gemacht, dass viele Eltern mit dem Thema Sterben falsch umgehen. „Wenn man dem Kind sagt, dass die Oma nur schläft, steht jedem Elternteil erstmal eine Horrornacht bevor, da jedes Kind Angst bekommt, nicht mehr aufzuwachen.“

Ein Kind verstehe ab drei Jahren, was der Tod bedeute. Deswegen solle der Umgang damit so normal wie möglich sein.

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