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30.07.2018

Über das Gestein, das vom Ries bis an die Moldau flog

Der Direktor des Rieskratermuseums, Professor Stefan Hölzl (links) und der Referent Michael Hurtig: Der Mineralologe informierte bei einem Vortrag der „Freunde des Rieskratermuseums“ über die Lausitzer Moldavite und ihre Fundschichten.
Bild: Friedrich Woerlen

Ein Mineraloge beantwortet in Nördlingen Fragen rund um den Moldavit, der durch den Riesimpakt entstanden ist.

Wer die geologisch-astronomische Vorgeschichte des Rieses kennt, der kennt auch die grünlichen Glasstücke, die als Fernejekta („Auswürflinge“) des Riesimpakts an der oberen Moldau gefunden werden und weiß, dass sie deswegen „Moldavit“ heißen. Aber: wie kommen Moldavite eigentlich in die Lausitz?

Der Verein „Freunde des Rieskratermuseums“ stellte die Frage und Referent Michael Hurtig gab mit seinem Vortrag „Lausitzer Moldavite und ihre Fundschichten“ die Antwort. Einleitend gab der an der Universität Tübingen ausgebildete Mineraloge und Buchautor aus Ostsachsen den zahlreichen Zuhörern eine Definition des Phänomens. Moldavite gehören zu den Tektiten, das heißt, zu den natürlichen Gläsern, die entstehen, wenn ein Asteroid (großer Meteorit) auf der Erdoberfläche aufschlägt. Sie sind keine Minerale, auch keine „Glasmeteoriten“ oder Absprengsel des „Impaktors“ (des einschlagenden Himmelskörpers), sondern sie heißen Tektite, weil sie aus aufgeschmolzenem Material der Erdoberfläche bestehen, auf die der Impaktor einschlägt (80 Prozent aus Siliciumdioxid (SiO2), aber auch aus einer Vielzahl weiterer Verbindungen). Wasser enthalten sie nur zu etwa 0,02 Prozent. Wenn sich ein größerer Impaktor mit mindestens 15 Kilometer pro Sekunde und mit einem Einschlagswinkel von 30 bis 45 Grad einer Oberfläche nähert, die ausreichend Siliciumdioxid und Wasser enthält, kommt es infolge des unvorstellbar hohen Druckes in der Frühphase des Einschlags zum sogenannten „Jetting“, also zum „Wegspritzen“ überhitzten, auch verdampften Materials. Die Hochtemperierte Schmelze fliegt dann in einer ballistischen Kurve– schneller als der Impaktor herangekommen war – mehrere hundert bis mehrere tausend Kilometer weit, im Fall der Moldavite eben vom Ries bis zur oberen Moldau.

In dieser Phase erstarrt die Schmelze schließlich zu Glas, das in Streufeldern niedergeht außer in Böhmen und Mähren gab es solche Fälle auch in Nord- und Mittelamerika, an der Elfenbeinküste, in einem großen südostasiatischen und australischen Gebiet und an vielen anderen Stellen. Jedes Streufeld enthält eigene Arten von Tektiten, und daher wurden die Gläser nach den jeweiligen Regionen benannt. Ähnliche Gesteinsgläser entstehen bei Vulkanausbrüchen. Sie sind in der Regel eisenhaltiger, daher nicht grün, sondern schwarz („Obsidian“).

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Durch Rotation und andere Einflüsse in der Flugphase nehmen die Glutkugeln verschiedene Formen an (Ellipsoiden, Stangen, Hanteln, Tropfen oder Scheiben). Wenn sie sich beim Absturz noch einmal so stark erhitzen, dass die Ränder oder Kanten erneut schmelzen, kann sich beim Erkalten eine Art Flansch ergeben. Experten sprechen dann von einem „flanged button“ beziehungsweise Australit.

Auswürflinge, die schon in der Nähe des Impaktkraters zu Boden gehen, werden zum Beispiel unter der Bezeichnung „Libysches Wüstenglas“ oder „Atacamait“ (aus Chile) gesammelt und gehandelt. Tektite jeder Art werden seit der mittleren Altsteinzeit, also seit 40000 bis 130000 Jahren, als Werkzeuge (Bruchkanten ergeben scharfe Klingen) oder Schmuckgegenstände verwendet.

Die ursprüngliche Gesamtmasse der Ries-Moldavite wird auf bis zu zehn Millionen Tonnen geschätzt. Sie ging in einem sogenannten Ejektra-Ring nieder, einem elliptischen Segment, das sich, grob gesprochen, von Dresden über Tschechien und Teile Österreichs bis Graz erstreckt. Erhalten sind schätzungsweise 10000 Tonnen. Allerdings sind sie nicht mehr im gesamten Streufeld aufzufinden, sondern durch Wasserläufe und Gletscherbewegungen mehrfach umgelagert und in bestimmten Fundgebieten konzentriert, eben an der oberen Moldau und im südlichen Mähren, sowie in einzelnen kleineren Vorkommen ( Cheb/Eger).

Lösen wir also das Rätsel um die Moldavite in der Lausitz. Auch hier sind die Fundstellen durch Umlagerungen bestimmt, und zwar im Wesentlichen durch die alten Flussläufe der Elbe (Senftenberger und Bautzener Elbelauf) und durch die Vergletscherung der Elster-Kaltzeit, die vor etwa 40000 Jahren von Norden bis ans Erzgebirge heranreichte. Dadurch findet man die Glasstücke heutzutage am leichtesten in einer der rund 40 Lausitzer Kiesgruben, und dort je nach der Bewirtschaftungsweise gleich nach Korngröße sortiert.

Hatte man früher das bloße Vorhandensein der Moldavitstücke, deren Alter man aus der Riesforschung kannte, als Kriterium für die geologische Einordnung der Fundhorizonte herangezogen, so weist Referent Michael Hurtig auf die Umlagervorgänge und die eiszeitlichen Verschiebungen hin und warnt vor solchen Schlüssen. Ein kleines Frage- und Antwortgeplänkel ergab sich dann noch aus der Frage, ob das Ellipsensegment (Ejekta-Ring) Rückschlüsse auf die Einschlagsrichtung (konkret wäre das dann der Westen) des Impakts zulässt. Wie viele andere Fragen, so harrt auch diese noch einer alle überzeugenden Antwort.

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