Mal prasselt der Regen dahin, mal schüttet es wie aus Eimern aus den dunklen Wolken über Nördlingen, dann bricht hin und wieder ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke: Das 14. Historische Stadtmauerfest in Nördlingen ist geprägt von Wetter-Willkür. Doch egal, in den alten Gassen der Stadt, in den vielen Lagern oder vor den zahlreichen Bühnen, der Stimmung unter den Besucherinnen und Besuchern vermag die Prüfung Petrus' keinen Abbruch zu tun. Nicht einmal, wenn mitunter ein Programm-Höhepunkt den Niederschlägen zum Opfer fällt.
Das Stadtmauerfest verbreitet schon einen ganz eigenen Flair. Man mag zwar auf der Tribüne am Marktplatz sitzen und dem dortigen Spektakel beiwohnen – egal ob Flugschau der Falknerei Kühnle oder Renaissance-Tänze und -Musik mit "Saltarello" und "I Pavoni" –, man bekommt zwangsläufig auch Geschmacksproben von anderen Gauklern und Unterhaltern. Beim Kriegerbrunnen sieht man die Menschenmasse auseinanderstreben, um Platz für einen Fanfarenzug zu machen, für einen kurzen Moment verlieren die Klänge aus den Lautsprechern die Oberhand gegenüber jenen aus den Trompeten, die Trommeln tun ihr Übriges. Handgeklapper brandet auch auf, wenn die beliebten Stelzenläufer durch die Gassen ziehen und die menschlichen Marionetten sich von ihnen führen lassen, als seien sie ganz und gar leblos. Man sieht auch einen Buben aus dem Publikum mutig auf die Ritter-"Marionette" eines Stelzenläufers zuschreiten und zum Schwertgefecht auffordern – das der Bub nach kurzem Hin und Her für sich entscheidet.
Gebannte Zuschauer bei Theaterstücken und Feuer-Spektakeln
Gerade für die Kleinen ist das Stadtmauerfest ein Erlebnis, das sie so schnell wohl nicht vergessen werden: Die Kinder werden mit zahlreichen Einlagen und Gelegenheiten wie in der erstmals aufgebauten Spielstraße in der Salvatorgasse bespaßt. Auch das Ensemble "Entr'Act" versetzt so manche Betrachter in Staunen, wenn die Akrobaten als fürchterlicher Teufel oder als bunter Narr geschminkt in schwindelerregender Höhe über deren Köpfe hinwegstelzen. Oder die Feuer-Spektakel von Dragana Drachentochter oder "Feuriosum", bei deren brandgefählichen Einlagen sich die Nackenhaare sträuben und die mit brennenden Gegenständen oder glühendem Kohlenstaub fesselnde Feuershows in den Nachthimmel zaubern.
Den größten Applaus erhalten sogar die Kinder selbst: Beim Stück "Die Stadt, der Graf, die Sau!" darf der Nachwuchs des Dramatischen Ensembles sein Können zeigen, und das tut er mit Bravour. Auch wenn gegen den Geräuschpegel drumherum so manches Stimmchen nicht mehr anzukommen vermag, verpasst keiner der zahlreichen Zuschauer den Einsatz beim abschließenden "So, G'sell, so!" – der tosende Beifall verwandelt so auch den letzten nervös zuckenden Mundwinkel auf der kleinen Bühne zu einem breiten Grinsen.
Da fällt es nur wenig ins Gewicht, wenn wetterbedingt einige der Programmpunkte ins Wasser fallen, denn die finden ohnehin öfter statt. Das passiert den Kämpfern und Kriegern in den Frickhinger Anlagen etwa am Samstagvormittag, die eigentlich einen Kampf an der Stadtmauer mimen wollen. Ein Platzregen sorgt auch dafür, dass das Dramatische Ensemble eine Abendvorstellung von "Schelmuffskys wahrhaftiger, kuröser und sehr gefährlicher Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande" abbrechen muss, nachdem das Stück gerade an Fahrt aufgenommen hat. Schirmherr Thorsten Glauber sagt mit Blick auf die herabfallenden Tropfen: "Für einen Franken nicht das Schlechteste."
Lagerleben auf dem Stadtmauerfest "wie Urlaub im Mittelalter"
Ob Klein mit einer Bauerntorte in der Hand in einem Bollerwagen liegend oder Groß mit einem Humpen Bier an den Lippen, gebannt sind die Besucher auch am Handwerkshof. Hier präsentiert ein Spengler, wie er geschickt aus einem Stück Messing eine Blechrose formt; ein Schmied holt ein glühendes Stück Eisen aus dem Feuer und schlägt es laut und rhythmisch mit seinem Hammer langsam, aber sicher zu einem Hufeisen; dort erklärt ein Krippenbauer, wie er filigran genug arbeiten kann, um einer gerade einmal fingergroßen Figur ein Gesicht verpassen zu können, auf dem man sogar kleine Fältchen erkennen kann.
Und folgt man dem angenehmen Geruch von verbrennender Birke oder dem Rauch eines Buchen-Feuers, das hinter vielen Ecken und Winkeln wartet, so gelangt man in das Herzstück des Festes der Nördlinger: die Lager. Hinter einer riesigen rot-weißen Fahne schiebt sich ein erstes Zelt hervor, es folgt direkt ein zweites, und dem entgegenschallenden Stimmengewirr lassen sich sobald auch Gesichter zuordnen, die man an Tischen oder um Lagerfeuer erblickt. Manch einer hat sich extra Urlaub genommen, um dabei zu sein. Für das Oberwindener Aufgebot bedeutet das Stadtmauerfest: "Gemütlichkeit und Abstand vom Alltag", es sei fast wie ein Urlaub im Mittelalter. Daneben hat die Reservistenkameradschaft Holheim Quartier bezogen, für einen Knappen ist es bei der Reise in das dunkle Zeitalter, "schön, einfach mal ohne Handy in den Tag hineinzuleben, nicht erreichbar zu sein. Es ist eine ganz andere Erfahrung, auch mal auf Dinge verzichten zu müssen".
Das Mittelalter kehrt auch in privaten Lagern nach Nördlingen zurück
Am Hofe der Edlen Frau Winpurc von Nordilinga 898 versucht ein Ritter das Besondere am Stadtmauerfest zusammenzufassen, während vor ihm ein Hase über dem Lagerfeuer grillt: "Es ist die Gemeinschaft, zusammen zu essen und zu trinken, Spaß miteinander zu haben." Ihm sei es nicht so wichtig, alles zu sehen, sondern sich wieder zu treffen und Anlaufstelle für Besucher zu sein. Ganz ähnlich geht es den "Rieser Trunkenbolden" an der Reimlinger Mauer, ein privates Lager: "Es ist ein Aufwand, aber es kommen einfach immer Leute vorbei. Egal, wann man hier ist, man trifft immer jemanden."
Der Gemeinschaft, dem Zusammenkommen, setzt am Samstagabend dann der Tanz auf dem Marktplatz die Krone auf. Hunderte Menschen versammeln sich dort zum Mittanzen oder zum Zuschauen aus sicherer Distanz. Unter Anleitung der Historischen Tanzhausgesellschaft Nördlingen, der "Danserey Landshut", "Saltarello" und "I Pavoni" greifen sich die Nördlinger gegenseitig bei den Händen, wirbeln rechts- und linksherum, gehen gemeinsam vier Schritte vor, vier Schritte zurück, und beklatschen sich gegenseitig und begeistert, wenn sie sich die teils komplizierten Schrittfolgen merken können. Nichts kann der Freude etwas anhaben – auch nicht der wieder einmal einsetzende Nieselregen.