Die Frau, die dem Terror von links wieder ein Gesicht gegeben hat, ist guter Laune – oder tut zumindest so. Lächelnd betritt Daniela Klette den Gerichtssaal im niedersächsischen Verden, winkt ihren Freunden im Publikum zu und umarmt dann ihre Anwälte. Das Urteil, 13 Jahre Haft, nimmt sie eher beiläufig zur Kenntnis. Immer wieder blickt sie in Richtung der Zuschauerplätze, wo junge Aktivisten mit Palästinensertuch und geballter Faust ihr genauso zujubeln wie ein paar alt und grau gewordene Sympathisanten aus der linken Szene. Wäre der Gerichtssaal ein Fußballfeld – die 67-Jährige aus der dritten Generation der terroristischen Roten Armee Fraktion (RAF) hätte hier ein Heimspiel.
„Freiheit für Daniela“ skandieren ihre Unterstützer, von denen einige besonders laute Störer von Justizbeamten abgeführt werden müssen. Lars Engelke dagegen, der Vorsitzende Richter, fährt ungerührt in seiner Urteilsbegründung fort. „Arbeitsteilig und äußerst konspirativ“ sei die Angeklagte mit zwei Komplizen bei einer Serie von Raubüberfällen auf Geldtransporter und Supermärkte in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen vorgegangen, sagt er. Mit ihrem Urteil wegen schweren Raubes, versuchten schweren Raubes, erpresserischen Menschenraubes, schwerer räuberischer Erpressung und mehreren Verstößen gegen Waffengesetze bleibt seine Kammer allerdings zwei Jahre unter der Forderung der Staatsanwaltschaft.
Weil der eigentliche Gerichtssaal für den Klette-Prozess zu klein war, hat die Landesregierung eine ehemalige Reithalle angemietet
Für das Landgericht in Verden an der Aller, 27.000 Einwohner, eine halbe Autostunde südöstlich von Bremen gelegen und bisher vor allem als Hochburg der Pferdezucht bekannt, ist dieser Prozess ein Großereignis, deutlich größer als das Verfahren gegen den früheren SPD-Abgeordneten Sebastian Edathy, der sich hier 2015 wegen des Besitzes von Kinderpornografie verantworten musste. Sicherheitszäune, Stacheldraht, Überwachungskameras und das Publikum durch eine drei Meter hohe Wand aus Sicherheitsglas vom Gericht getrennt: Das beschauliche Verden mit den vielen Pferdekoppeln und den kleinen, verklinkerten Häusern, die sich in die Landschaft ducken, ist für ein Jahr zu einem Stammheim des Nordens geworden. Mehr als einen Block, einen Stift und eine Flasche Wasser darf kein Journalist und kein Besucher mit ins Gericht nehmen. Mobiltelefone, Geldbeutel, ja selbst digitale Fitnessuhren werden in eigens dafür aufgebaute Schließfächer weggesperrt.
Weil der eigentliche Gerichtssaal für den Klette-Prozess zu klein war, hat die Landesregierung für 3,6 Millionen Euro eine ehemalige Reithalle angemietet und in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt. Eigentlich läuft der Mietvertrag noch ein weiteres Jahr, mit dem Urteil vom Mittwoch allerdings geht das Verfahren nun deutlich früher zu Ende als zunächst geplant – ein Verfahren, in dem nicht über die letzten Attentate der RAF verhandelt wurde, sondern „nur“ über die Raubüberfälle, die Daniela Klette mit ihren noch flüchtigen RAF-Genossen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub begangen haben soll, um ihr Leben im Untergrund zu finanzieren. Ihre Beute: weit über zwei Millionen Euro.
Wegen der drei Terroranschläge, an denen sie beteiligt gewesen sein soll, muss sie sich noch vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt verantworten. Dort wird dann auch ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte verhandelt, die im Mai 1970 mit der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader begann, dem Gründungsmythos der RAF, und die 1998 mit der Selbstauflösung der Organisation endete.
Klettes Verteidiger, die einen Freispruch gefordert haben, legen gegen das Urteil Revision ein
Trotzdem ist die RAF in Verden allgegenwärtig. Daniela Klettes Mitgliedschaft dort habe für die Bewertung der hier verhandelten Taten keine Rolle gespielt, betont Richter Engelke zwar. Gleichzeitig aber zeichnet er auch das Bild einer verschworenen Gemeinschaft ehemaliger Terroristen, die über das Ende der RAF hinaus Bestand hatte, Geschwister im Geiste, wenn man so will, Freunde in jedem Fall. Gemeinsame Spaziergänge mit ihren Hunden, DNA-Spuren von Staub und Garweg in Klettes Wohnung, unter anderem an einer elektrischen Zahnbürste – offenbar verbindet das Trio weit mehr als die Notwendigkeit, im Untergrund irgendwie überleben zu müssen.
Die Überfälle, die es dazu plante, mit konspirativ angeschafften Fluchtfahrzeugen, angeklebten Bärten, Perücken und einem ganzen Arsenal an Waffen, nennen sie in den Chats, die die Ermittler sichergestellt haben, ihre „Arbeit“. Richter Engelke nennt sie rücksichtslos, voller krimineller Energie und bis heute belastend für die Opfer.
Klettes Verteidiger, die einen Freispruch gefordert haben, legen gegen das Urteil zwar Revision ein, das politisch brisantere Verfahren allerdings ist das, das nun folgen wird. Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft war Daniela Marie-Luise Klette 1990 an einem fehlgeschlagenen Sprengstoffattentat auf ein Verwaltungsgebäude der Deutschen Bank, an einer Feuersalve mit mindestens 250 Schüssen auf die US-Botschaft in Bonn 1991 und dem letzten Attentat der Roten Armee Fraktion überhaupt beteiligt. Dabei zerstörte ein nach einer verstorbenen RAF-Frau benanntes „Kommando Katharina Hammerschmidt“ 1993 mit 200 Kilo Sprengstoff das neue, aber noch nicht bezogene Gefängnis im hessischen Weiterstadt. Schaden: umgerechnet 63 Millionen Euro. Auch hier sollen Staub und Garweg mit von der Partie gewesen sein.
Selbst ehemalige Mitglieder der RAF, die dem Terrorismus längst abgeschworen haben, halten sich an ein Schweigegelübde
Drei Monate später endete die aktive Geschichte der RAF dann an einem Bahnhof im mecklenburgischen Bad Kleinen, als bei einem Schusswechsel ein junger Polizist und der Terrorist Wolfgang Grams ums Leben kamen. Seine Komplizin Birgit Hogefeld wurde festgenommen. Angeblich wollten sich die beiden dort mit anderen RAF-Mitgliedern treffen, die aber in einem Opel Kadett entkommen konnten. Unter ihnen soll auch Daniela Klette gewesen sein. Bewiesen allerdings ist das bisher nicht. Die dritte und letzte Generation der Terroristen hat ihre Anschläge noch akribischer geplant und noch weniger Spuren hinterlassen als die Generationen vor ihr.
Viel Licht ins Dunkel der RAF wird allerdings auch der zweite Klette-Prozess kaum bringen. Wie fast alle früheren Mitglieder belastet die Tochter eines Handelsvertreters und einer Zahnärztin aus Karlsruhe keine Komplizen. Dass der Staat bis heute fast nichts über die letzte Generation der RAF wisse, hat sie in ihrem Schlusswort in Verden gesagt, „das soll auch so bleiben“. Normalerweise lassen Angeklagte nur ihre Anwälte für sich sprechen, die Angeklagte Klette aber hat in ihrer Zelle eine einstündige Rede verfasst, in der sie vor zwei Wochen mit dem Kapitalismus im Allgemeinen ebenso abrechnet wie mit dem israelischen Militäreinsatz in Gaza oder dem amerikanischen Vorgehen in Venezuela im Besonderen. Ein politisches Manifest, wenn man so will. Zu ihrer Rolle in der RAF aber: kein Wort.
Selbst ehemalige Mitglieder, die dem Terrorismus längst abgeschworen haben, halten sich an dieses Schweigegelübde, eine Art Terror-Omerta. Unklar ist damit nach wie vor, wer etwa den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, und Treuhand-Chef Detlev Rohwedder ermordet hat. Insgesamt hat die RAF deutschlandweit über zwei Jahrzehnte mit ihrem Kampf gegen alles Etablierte und ihrem Staatshass in Angst gehalten. 34 Menschen fielen ihren Anschlägen zum Opfer – darunter Spitzenmanager wie Hanns-Martin Schleyer, Jürgen Ponto oder Herrhausen, aber auch Menschen, die nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren wie der Polizist Michael Newrzella in Bad Kleinen.
Wirklich verstecken, so scheint es, musste sich Daniela Klette in mehr als 30 Jahren im Untergrund nicht
Daniela Klette kommen die Fahnder des Landeskriminalamtes Niedersachsen Anfang 2024 über einen Informanten auf die Spur, dessen Identität geheim bleiben soll und der für seinen Tipp 25.000 Euro Belohnung erhält. Am Abend des 26. Februar 2024 klingeln die Beamten dann an einer Tür im 5. Stock eines tristen Mietshauses in der Sebastianstraße im Berliner Bezirk Kreuzberg. Nach einem kurzen Wortwechsel fordern sie die Mieterin auf, sie aufs Revier zu begleiten – noch ist nicht klar, ob es sich bei ihr tatsächlich um die gesuchte Terroristin handelt. Allerdings gelingt es Daniela Klette noch, Garweg per SMS zu warnen, der nicht weit entfernt in einem alten Bauwagen haust: „Sie haben mich.“ Widerstandslos lässt sie sich festnehmen, was das Gericht in Verden zu ihren Gunsten wertet.
In ihrer Wohnung finden die Ermittler 240.000 Euro in bar, Goldbarren, Pistolen, ein Sturmgewehr, Munition, eine täuschend echt aussehende Panzerfaust, aber auch Perücken, Klebebärte sowie Ausweise und Führerscheine mit den verschiedensten Namen. Die Wohnung sei „wie eine Asservatenkammer gewesen“, sagt Staatsanwältin Annette Marquardt in Verden. Unter einem Alias-Namen, Claudia Ivone, hat die frühere RAF-Frau sogar ein Facebook-Profil angelegt. Die Fotos dort zeigen Plakate eines brasilianischen Kulturvereins, in dem sie sich engagiert hat, und eine Frau von hinten, im Halbdunkel versonnen an einem Fluss sitzend. Wirklich verstecken, so scheint es, musste sie sich in mehr als 30 Jahren im Untergrund nicht.
Reue zeigt Klette vor Gericht nicht
Längere Abwesenheiten erklärt Daniela Klette alias Claudia Ivone ihren Freunden in Berlin damit, dass sie in der Pflege arbeite und häufig nach Süddeutschland müsse. Tatsächlich späht sie in dieser Zeit Supermärkte und die Routen von Geldtransportern aus. Reue zeigt sie vor Gericht nicht, ihr tue es leid, beteuert sie lediglich, wie schwer einige der Geschädigten noch Jahre nach den Überfällen unter den Geschehnissen litten. Doch auch daran ist für die radikale Linke, wie sie sich selbst nennt, der Kapitalismus schuld. Sie habe nicht gewusst, sagt Daniela Klette, dass Geldboten und Kassenpersonal keine ausreichende psychologische Unterstützung von ihren Arbeitgebern bekämen.
Der Rest ist demonstratives Desinteresse. Kaum hat sie sich an diesem Mittwoch gesetzt, um das Urteil zu hören, zieht die Angeklagte sich die Schuhe aus, als wolle sie sich zu Hause aufs Sofa fläzen. Ihre Socken: regenbogenfarben. Dann endet der Tag für sie, wie er begonnen hat: Daniela Klette winkt noch einmal ins Publikum. Die Reihen ihrer Unterstützer aber haben sich dort schon deutlich gelichtet.
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