Das passt doch alles nicht zusammen. Das ist doch Sandy Hook und nicht Philadelphia. Sagt Jesse Pasacreta. „Wenn man bedenkt, dass meine Eltern hier hergezogen sind, weil die Schulen als sicher galten!“ Er ringt um Fassung. „Meine Mutter wollte nicht, dass ich in Philadelphia auf die öffentliche Schule gehe. Deshalb sind wir nach Sandy Hook gekommen.“ Nun steht der 17-Jährige in dem Dorf in Connecticut zwischen Feuerwehrhaus und jener Grundschule, in der am Freitag einer der schlimmsten Amokläufe der US-Geschichte stattgefunden hat. 26 Menschen hat der 20-jährige Adam Lanza an der Sandy Hook Elementary School getötet, 20 Kinder und sechs Erwachsene. Zuvor hatte er zu Hause seine Mutter umgebracht. Als die Polizei ihn in der Schule fand, war auch er tot. Er hatte sich selbst gerichtet.
"Auch die Eltern der überlebenden Kinder sind Wracks"
„Es war sehr hart, heute Morgen aufzuwachen und zu akzeptieren, dass das wirklich passiert ist“, sagt Jesse. „Wir haben entschieden, dass wir herkommen müssen, um Hilfe anzubieten.“ Jesses Mutter ist Psychologin. Statt die vermeintliche Sicherheit Neuenglands zu genießen, ist die 55-jährige Jeannie Pasacreta nun auf den Beinen, um die Menschen hier zu stützen. „Auch die Eltern der überlebenden Kinder sind Wracks“, sagt sie. „Manche haben mehr als sechs Stunden auf Nachricht gewartet.“
Chronologie: Amokläufe in Schulen
Dezember 2012 - 27 Tote: Ein Amokläufer erschießt an einer Grundschule in Newtown 20 Kinder, sechs Erwachsene und richtet sich anschließend selbst. Unter den Toten ist seine Mutter. Die meisten Opfer waren erst zwischen fünf und zehn Jahre alt.
April 2012 - 7 Tote: An einem christlichen Privatcollege in Oakland (US-Staat Kalifornien) erschießt ein ehemaliger Student sieben Menschen. Dann stellt er sich der Polizei. Grund für die Tat: Wut auf seine Mitschüler und eine Angestellte.
April 2011 - 13 Tote: In der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro ermordet ein offenbar geistig verwirrter 23-Jähriger zwölf Schüler und tötet sich dann selbst. Für seine Beerdigung hat er zuvor genaue Anweisungen verfasst.
März 2010 - 8 Tote: Ein ehemaliger Arzt ersticht acht Kinder an einer chinesischen Grundschule in der Provinz Fujian. Der psychisch gestörte Mann hatte zuvor seinen Arbeitsplatz verloren.
März 2009 - 16 Tote: In seiner früheren Realschule in Winnenden bei Stuttgart und auf der Flucht erschießt ein 17-Jähriger 15 Menschen und sich selbst. Die Waffe hat er seinem Vater entwendet, einem Sportschützen.
September 2008 - 11 Tote: Ein Amokläufer stürmt in der westfinnischen Kleinstadt Kauhajoki in eine Berufsschule. Er tötet neun Mitschüler sowie einen Lehrer. Danach legt der 22-jährige Waffennarr Feuer und erschießt sich. Er hatte die Tat im Internet angekündigt.
November 2007 - 9 Tote: Ein 18 Jahre alter Abiturient erschießt in einem Schulzentrum der finnischen Ortschaft Tuusula sechs Mitschüler, eine Krankenschwester und die Schulleiterin. Dann tötet er sich mit einem Kopfschuss.
21. März 2005 - 10 Tote: In einem Indianerreservat im US-Bundesstaat Minnesota tötet ein 16-Jähriger an seiner High School fünf Schüler, eine Lehrerin und einen Sicherheitsbeamten. Dann bringt er sich selbst um. Zuvor hatte er seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin erschossen. Der Täter hatte Kontakte zur Neonazi-Szene.
26. April 2002 - 17 Tote: Am Erfurter Gutenberg-Gymnasium richtet ein 19-Jähriger ein Blutbad an. Er erschießt zwölf Lehrer, zwei Schüler, die Sekretärin und einen Polizisten. Dann tötet sich der Amokläufer selbst. Er war der Schule verwiesen worden.
20. April 1999 - 15 Tote: In der Columbine High School in Littleton (US-Staat Colorado) töten zwei mit Gewehren bewaffnete US-Schüler im Alter von 17 und 18 Jahren zwölf ihrer Mitschüler und einen Lehrer. Dann erschießen sie sich selbst. Nach dem Blutbad entdeckt die Polizei mehr als 30 Bomben, mit denen offenbar das Schulgebäude gesprengt werden sollte.
13. März 1996 - 18 Tote: Offenbar aus Rache für seine Ausgrenzung als Jugendbetreuer richtet ein 43 Jahre alter Arbeitsloser in einer Grundschule im schottischen Dunblane ein Massaker an. Er erschießt 16 Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren sowie ihre Lehrerin in der Turnhalle. Dann tötet er sich selbst.
Sandy Hook gehört zur Kleinstadt Newtown. 27 000 Einwohner, gepflegte Häuser, Parks, hohe Lebensqualität. An der Reed Intermediate School ein paar Ortsteile weiter ist ein psychologisches Beratungszentrum eingerichtet worden, Kirchen haben ihre Türen geöffnet. Der ländliche Flecken ächzt unter einer Blechlawine. Hunderte Journalisten warten am Sportplatz auf die raren Pressekonferenzen, der Ort wirkt wie betäubt unter dem Dauer-Blaulicht, dem unermüdlichen Knattern der Hubschrauber.
Gespenstische Stille
Im Geschäft von Felix Benitez dagegen herrscht gespenstische Stille. „Das sind alles Kleider von Sandy-Hook-Schülern“, sagt der 54-Jährige und deutet auf seine Auslage: rosa Gummistiefel, Strampelanzüge, kleine Vespertaschen. „Jeder hier ist in Sandy Hook zur Grundschule gegangen, und jeder bringt mir seine Sachen, wenn er sie nicht mehr braucht.“ Benitez’ Geschäft „Fun Kids“ nimmt Kinderartikel in Kommission. Eine Tür weiter, im Salon „Fun Kuts“, schneidet Ehefrau Marci dem Nachwuchs die Haare. Die 57-Jährige ist selbst zweifache Mutter. „Wenn man sich von einem Kind verabschiedet, das in die Schule geht, glaubt man doch nicht, dass das der letzte Abschied ist“, sagt sie.
Die beiden kennen fast jeden hier mit Vornamen. Und die anderen kennen sie. Noch am Freitag hat eine verstörte Mutter bei ihnen Zuflucht gesucht, die gerade ihren Sechsjährigen unversehrt aus den Händen der Polizei zurückbekommen hat. Der Junge erzählte unaufhörlich von den Leichen, die er gesehen hatte. „Heute Morgen hatten wir dann andere Kunden hier“, sagt Marci Benitez. „Sie haben uns gesagt, dass sie ein Kind verloren haben. Sie sind trotzdem zum Haareschneiden gekommen, für eines der Geschwister. Vermutlich muss man irgendwie weitermachen.“
Amokschütze - ein intelligenter Eigenbrötler
Newtown-Massaker: Reaktionen auf Twitter
Nach dem Amoklauf in einer Grundschule in Newtown (US-Staat Connecticut) mit Dutzenden Todesopfern drücken Menschen weltweit unter #newtown ihr Mitleid aus.
"Bedenke ich die Trauer und den Schmerz der Familien in Newton - so kurz vor Weihnachten - werden meine popeligen Probleme ganz klein."
"Das darf doch einfach nicht wahr sein... :((("
"Es macht mich so unglaublich wütend & traurig."
"Puh. Manche Dinge kriegt man nicht aus dem Kopf. Condolences."
"Was immer diesen Amoklauf ausgelöst haben mag - es ist unverzeihlich! Mir fehlen die Worte ..."
"Auch wenn jeden Tag Schlimmes passiert, immer und überall, es gibt dennoch Momente, da stockt einem einfach immer noch der Atem."
"Some things you can't explain, all you can do is just send positive energy and thoughts to those who need it. Today we pray for you." (Manche Dinge kann man nicht erklären, man kann einfach nur positive Energien und Gedanken denen senden, die sie brauchen. Wir beten für Euch.)
"You can't go to the mall, you can't go to the movies and now you can't even go to elementary school. Horrible." (Du kannst nicht in das Einkaufscenter, du kannst in kein Kino mehr gehen, und jetzt kannst du nicht einmal mehr in die Grundschule gehen. Schrecklich.)
"My stomach is in a knot I still can't even believe this." (Ich habe einen Knoten in meinem Bauch und kann das ganze immer noch nicht glauben.)
"School is one of the few places in the world a kid should always feel safe. Can't imagine what these families are going through." (Die Schule ist einer der wenigen Orte auf der Welt, an denen ein Kind sich immer sicher fühlen sollte. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was die Familien gerade durchmachen müssen.)
"Why." (Warum)
"A sad day in America!" (Ein trauriger Tag für Amerika)
"Such a horrible act occurred in newtown today. My heart is breaking for those poor kids and their families. Senseless." (So eine furchtbare Tat erschütterte Newtown heute. Mein Herz bricht, wenn ich an die armen kleinen Kinder und ihre Familien denke. Sinnlos.)
Die öffentliche Bekanntgabe der Opfernamen verschiebt die Polizei mehrfach, zu viele Ungenauigkeiten und Fehler sind schon passiert. Obwohl der Pressesprecher der Polizei, Paul Vance, mit Informationen sehr zurückhaltend ist, haben Medien unter Berufung auf andere Beamte zunächst berichtet, der Täter heiße Ryan Lanza, nicht Adam. Ryan ist der ältere Bruder des Schützen; er steht nicht unter Verdacht.
Waffen und Waffenrecht in den USA
In den USA sind mehr Waffen in Privatbesitz als in jedem anderen Land der Welt - Statistiker gehen von rund 270 Millionen aus (Stand 2007).
Mehr als 40 Prozent aller US-Haushalte besaßen einer repräsentativen Umfrage des Gallup-Instituts zufolge im vorigen Jahr eine Schusswaffe.
Etwa 30.000 Menschen jährlich sterben in den USA wegen des Gebrauchs dieser Waffen - die Hälfte von ihnen begeht Selbstmord.
Die Zahl der mit Pistolen verübten Morde liegt bei 10.000 bis 12.000 pro Jahr.
Dennoch sprachen sich bei einer Befragung 2010 nur 44 Prozent der US-Bürger dafür aus, die Waffengesetze zu verschärfen. 54 Prozent waren dafür, sie unangetastet zu lassen oder sogar abzumildern.
Mehr als zwei Drittel sind gegen ein Gesetz, das den privaten Besitz von Feuerwaffen verbietet.
Auch beim Ex- und Import von Klein- und Leichtwaffen lagen die USA nach Angaben des unabhängigen Genfer Forschungsprojekts Small Arms Survey 2009 weltweit an der Spitze.
Das Recht auf Waffen wurde vor mehr als 220 Jahren im zweiten Zusatzartikel zur Verfassung verbrieft: «Da eine gut organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden», heißt es dort.
Das US-Waffenrecht ist von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden. Entwickelt hat sich ein Durcheinander von mehr als 20.000 nationalen, einzelstaatlichen und kommunalen Vorschriften.
Ebenfalls als unzutreffend entpuppen sich Angaben, wonach Adams Mutter Nancy Lehrerin an der Grundschule gewesen und dort von ihrem Sohn getötet worden sei. Am Sonntag scheint es, als sei die 52-Jährige gar keiner geregelten Erwerbstätigkeit nachgegangen. Seit der Trennung von ihrem Mann 2008 lebte sie gemeinsam mit Adam in einem großen Haus in Newtown; dort fand die Polizei auch ihre Leiche. Nachbarn zufolge hat sie sich vor allem ihrem Sohn gewidmet, der unter psychischen Störungen gelitten haben und ein Einzelgänger gewesen sein soll. Ehemalige Mitschüler erinnern sich an einen „intelligenten Eigenbrötler“.
Mutter Nancy war begeistert fürs Schießen und litt unter Ängsten
Bekannt ist Nancys Begeisterung fürs Schießen, zu dem sie ihren Sohn regelmäßig mitgenommen haben soll. Mit einer ihrer Waffen, einem halbautomatischen Sturmgewehr vom Typ Bushmaster, schoss der Sohn ihr am Freitag ins Gesicht. Warum er anschließend zur Grundschule fuhr und, wie es heißt, mit einer „besonders grausamen Munition“ um sich schoss, blieb zunächst unklar. Die Polizei sagt nur, sie habe gute Hinweise auf seine Motivlage. Die Mutter des Amokläufers, Nancy Lanza, litt offenbar unter Ängsten. Wie ihre Tante Marsha Lanza der Dailymail verriet, hatte die 52-Jährige Angst vor einem Weltuntergang, Angst vor Essensknappheit und Angst vor einem Zusammenbruch der Wirtschaft. Daneben hatte sie eine Leidenschaft für Waffen. Angeblich soll Nancy Lanza ihre Söhne oft zu Schießübungen mitgenommen haben.
An der Schule hat die Direktorin Dawn Hochsprung erst im Oktober ein neues Sicherheitssystem eingeführt. Als Lanza am Freitag um 9.30 Uhr dort erschien, „hat er sich den Zutritt erzwungen“, berichtet Polizeisprecher Vance. Lanza, so heißt es, trat oder schlug eine Glasscheibe ein. Schulrätin Janet Robinson sagt, die 47-jährige Hochsprung habe gemeinsam mit Schulpsychologin Mary Sherlach, 56, versucht, den Schützen aufzuhalten. Beide bezahlten mit ihrem Leben. Vier weitere Lehrerinnen starben, mindestens eine von ihnen soll versucht haben, Kinder mit ihrem Körper zu schützen. Victoria Soto, 27, versteckte ihre Schüler in Schränken, bevor der Täter ins Klassenzimmer stürmte. Die Lehrerin hatte keine Chance. Die Kinder in den Schränken entdeckte Lanza nicht. Die Bibliothekarin Mary Ann Jacob berichtet, sie habe ihren Schülern gesagt, es handle sich um eine Übung. So hätten sie gewusst, was zu tun sei. Sie verschanzten sich im Abstellraum.
Zwölf Mädchen und acht Jungen sind tot
Dennoch sind am Ende zwölf Mädchen und acht Jungen tot, alle sechs und sieben Jahre alt. Zwei von ihnen wurden noch ins Krankenhaus gebracht, aber auch sie konnten nicht gerettet werden. Nach Angaben des Gerichtsmediziners wurden alle Opfer mehrfach getroffen. Der Schütze hatte mindestens zwei weitere Waffen seiner Mutter dabei, eine vom Typ Glock und eine Sig Sauer. Tatsächlich benutzte er aber wohl nur das Sturmgewehr. Die Polizei geht davon aus, dass alle Waffen legal erworben worden sind.
Sandy Hook liegt im liberalen Neuengland, aber das Schießen ist in der Gemeinde ein beliebter Sport. Noch will kaum jemand in den alten politischen Streit über schärfere Gesetze verfallen, aber manche fürchten, dass es gar nicht erst zu einer Debatte kommen wird – auch diesmal wieder. „Sorgt doch dafür, dass das für etwas gut war, dass es etwas bedeutet“, beschwört eine aufgelöste 49-Jährige Gemeinde und Journalisten in einer der Kirchen. „Es muss doch mal aufhören!“
Später, vor der Kirche, bricht Mary Fellows erneut in Tränen aus. „Ich bin hier zur Schule gegangen, meine Brüder, meine Tochter… Wenn wir die Kinder nicht zurückbringen können, dann können wir wenigstens etwas verändern. Wenn wir die Schusswaffen nicht loswerden können, sollten wir eben keine Munition verkaufen. Und wir müssen uns um unsere Kinder kümmern. Niemand sollte das Gefühl haben, dass er vergessen ist.“
Trost ist rar in diesen Tagen, und eine Antwort auf die Frage, wie es weitergehen soll, auch. Aber die Amerikaner halten zusammen, wie immer in Krisenzeiten. Aus dem ganzen Land gehen Spenden ein, Weihnachtsbäume, Geld, Spielzeug, Anrufe, Post. Menschen aus Colorado bieten Beistand an. Zuletzt hat dort im Sommer ein Amokläufer Besucher einer Kinopremiere erschossen. Für vergangene Nacht deutscher Zeit wurde Präsident Barack Obama in Newtown erwartet. Die Bewältigung solcher Massaker sei zum allzu bekannten Ritual geworden, kommentiert bitter die Washington Post. Der Präsident werde eine Rolle wiederholen, die er schon im texanischen Fort Hood, in Aurora, Colorado, und in Tucson, Arizona, übernommen habe: als oberster Trauernder.