Als junger Mann stand er am liebsten im Freien und sang Operettenlieder. So wie Richard Tauber wollte er klingen. „Dein ist mein ganzes Herz“, intonierte Axel Springer vor den Mädchen. Die Wahrheit war eine andere. Sein Herz ging vielfach auf erotische Wanderschaft. Auf etliche Romanzen und fünf Ehefrauen brachte es der Träumer, der aber ganz realistisch zum Eigentümer eines Zeitungsimperiums aufstieg.
Axel Springer: Ein guter Bildtext ist enorm wichtig
„Ich bin gelernter Setzer, Drucker, Redakteur in kleineren und mittleren Redaktionen und Nachrichtenbüros und ich habe den Buchhandel gelernt, stamme aus einem alten kleinen Zeitungshaus“, beschrieb sich Springer einmal selbst. In den Anfangszeiten habe sich der junge Verleger – so eine der zahlreichen Springer-Legenden – unter seine Angestellten gemischt und den Redakteuren erklärt, wie wichtig ein guter Bildtext sei. Keinesfalls dürfe man dessen Bedeutung unterschätzen. Eine Einstellung, die bei den Zeitungen im Jahr 2012 mehr denn je gilt.
Heute wäre der Verleger aus Hamburg-Altona, der als seine Lebensaufgabe die deutsche Wiedervereinigung ansah, 100 Jahre alt geworden. Die Erfüllung des Traums eines vereinten Deutschlands mit der Hauptstadt Berlin hat Springer nicht mehr erlebt. Für ihn war aber immer klar, dass die Zeit der deutschen Teilung nur „ein Stoßseufzer der Geschichte“ sein werde. Außerdem legte er sich mit Gruppierungen an, die nicht seinem Weltbild entsprachen: Studenten, Sozialdemokraten und linken Liberalen.
Sein zweiter Vorname war Cäsar, er selbst hielt sich für Jesus
Die Ostpolitik Willy Brandts und Walter Scheels bekämpfte er „hysterisch“, wie der Spiegel einmal schrieb. „Kein einzelner Mann in Deutschland hat vor Hitler und seit Hitler so viel Macht kumuliert, Bismarck und die beiden Kaiser ausgenommen“, meinte einer seiner schärfsten Konkurrenten, Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein. Heute sieht man das Bild des Axel Cäsar Springer etwas gelassener. Eben weil er die Wiedervereinigung immer im Auge hatte.
Allerdings war der englische Lebensart schätzende Medien-Mogul auch ein rätselhafter Mensch. In den 1950er Jahren hatte er, so der Buchautor Michael Jürgs, messianische Visionen, hielt sich zeitweilig für Jesus. Die Bild-Zeitung, gegründet nach dem Vorbild englischer Massenblätter – überraschend, nie langweilig –, brachte Springer großen Erfolg, aber auch Ärger und Anfeindungen. Er selber sah seinen Boulevard der Sensationen auch kritisch, beschwor die Chefredaktion immer wieder, „alles zu unterlassen, was gegen die Würde des Menschen verstößt“. Was nicht immer gelang.
Das Elternhaus war es, das bei ihm die Abscheu vor den NS-Verbrechen und seine Scham gegenüber den Juden und den Wunsch nach Versöhnung geweckt hatte.
Springer: ein Vorbild für erfolgreiches Unternehmertum
Trotz gesunkener Auflage – sie liegt heute durchschnittlich bei über 2,8 Millionen Exemplaren – stimmt die Rechnung auch knapp 60 Jahre nach der Gründung bei Bild noch immer. Lange war Springer ein Vorbild für erfolgreiches Unternehmertum und den wirtschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands nach dem Krieg. Bei den Studentenunruhen um 1968 wurde er rasch zum Feindbild. Der Protest konzentrierte sich auf den Verleger. Vietnam war weit, Springer war nah. Demonstranten sahen die Springer-Presse als Symbol einer repressiven Gesellschaft. Sie forderten seine Enteignung. „Haut dem Springer auf die Finger“ war noch einer der zahmeren Studentensprüche. Das Verlagsgebäude und Springers Privathäuser wurden Ziele von Brand- und Bombenanschlägen. Die Anfeindungen hinterließen Spuren bei dem Medienkönig.
Rückblick: 1946 erschien die erste Ausgabe der Hörzu, zunächst eine Verbindung von Radiozeitschrift und Familienillustrierte. Das Hamburger Abendblatt, das der große Zampano besonders schätzte, war seine erste Tageszeitung. Es folgten Die Welt und Welt am Sonntag, dann Bild am Sonntag.
Bild schreibt Rekordzahlen
Was Springer in seinen letzten Jahren am meisten beschäftigte, war die Absicherung seines Unternehmens, vor allem nach dem Freitod seines eigentlich als Nachfolger vorgesehenen Sohnes Axel im Januar 1980, der sich als Sven Simon auch einen Namen als Fotograf gemacht hatte. Den frühen Tod seines Sohnes hat der Vater nie verwunden.
Störgeräusche zum Jahrestag seines Großvaters steuerte kürzlich Enkel Axel Sven Springer bei. In dem Buch „Mein neues Testament“ erzählt er, wie er nach dem Tod des Verlegers, der am 22. September 1985 starb, überrumpelt worden sei, auf einen Teil des Erbes zu verzichten. Angeblich soll noch ein anderer, später verfasster Letzter Wille existiert haben. Familien-Kabale.
Das Imperium, das der Patriarch hinterlassen hat und das seine Nachfolger zu einem modernen crossmedialen Medienkomplex ausbauten, ist vor allem im Online-Bereich erfolgreich. 60 Jahre nach Gründung der Bild schreibt der Konzern Rekordzahlen. 2011 stieg der Umsatz um zehn Prozent auf knapp 3,2 Milliarden Euro.