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Interview
23.09.2021

Experte: "Prominente haben große Reichweite beim Thema Depression"

Die Schauspielerin Nora Tschirner gehört zu den prominentesten Deutschen, die offen mit ihrer Depression umgehen und regelmäßig von ihren Erfahrungen berichten.
Foto: Ingo Wagner, dpa

Immer mehr Prominente sprechen über ihre seelische Gesundheit. Werden Depressionen zum Trendthema oder gar zur Modediagnose? Das sagt ein Experte und gleichzeitig Betroffener.

Kürzlich hat sich die japanische Tennisspielerin Naomi Osaka sich zu ihrer Depression bekannt. Auch die deutsch-südafrikanische Leichtathletin Irmgard Bensusan beschrieb vor den Paralympics, wie sie ihrer „Depression davongelaufen ist“. Prominente wie Schauspielerin Nora Tschirner und Komiker Torsten Sträter gehen schon seit längerer Zeit sehr offen mit ihrer Krankheit um. Zuletzt ging Sängerin Sarah Connor an die Öffentlichkeit. Herr Rösl, Sie sind Sprecher einer Selbsthilfeorganisation für Depressive und ihre Angehörigen. Wie sehen Sie es, dass immer mehr Prominente ihre Depression öffentlich machen?

Armin Rösl: Ich sehe es sehr positiv, weil für den Normalbürger dadurch das Zeichen gesetzt wird, dass es auch Menschen erwischen kann, die Vorbilder sind. Es hilft uns, der Deutschen DepressionsLiga, bei der Aufklärungsarbeit. Prominente wie Nora Tschirner und Torsten Sträter, der Schirmherr der DepressionsLiga ist, haben eine große Reichweite, wenn sie sich zu dem Thema Depression und über ihre eigenen Erfahrungen mit dieser Erkrankung äußern.

Die Krankheit wird dadurch auch von Vorurteilen befreit.

Rösl: Ganz genau, so ist es.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Krankheit zu einer Art Modediagnose wird, wenn sich immer mehr Prominente zu ihrer Depression bekennen?

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Rösl: Wir müssen natürlich aufpassen. Es soll nicht jeder, der in der Früh schlecht drauf ist und nicht aus dem Bett will, gleich denken: „Hey, ich habe eine Depression. Nora Tschirner hatte auch Depression. Ich bin so wie sie.“ Momente und Tage, in denen einen der Antrieb fehlt, kennt jeder. Das muss nicht gleich eine Depression sein. Sie ist eine schwere Erkrankung mit bestimmten Symptomen, eine Erkrankung, die von einem Arzt diagnostiziert wird. Depression ist keine Modeerscheinung. Es ist ein schmaler Grat. Ich unterstelle im Übrigen keinem Prominenten, dass er einfach mal so behauptet, er hätte eine Depression, um in die Schlagzeilen zu kommen. Das wäre ja fatal.

Armin Rösl: "Es gibt auch schwarze Schafe, die die Krankheit für Marketingzwecke verwenden"

Was macht die zunehmende öffentliche Thematisierung mit den Betroffenen? Hat es nur positive Effekte?

Rösl: Ja, ich erlebe die positiven Effekte auf den sozialen Kanälen der Deutsche DepressionsLiga. Immer mehr Leute melden sich und fühlen sich bereit, zu ihrer eigenen Erkrankung zu stehen, wenn sie merken, dass sich Prominente dazu bekennen. Es gibt auf Instagram mittlerweile einige Blogger – wirklich ernstzunehmende Blogger – die mit ihrer Depression offen umgehen. Es gibt aber überall schwarze Schafe, auch hier, die die Krankheit manchmal für Marketingzwecke verwenden. Man muss genau hinsehen, wer was bloggt. Das gilt im Übrigen generell.

Armin Rösl erlitt 2010 selber eine schwere depressive Episode. Er sagt: Man denkt, man sei der schlechteste, wertloseste und einsamste Mensch der Welt.
Foto: Privat

In den Sozialen Medien lässt sich der Alltag mit der Krankheit häufig geschönter und einfacher darstellen. Betroffene könnten sich denken: „Oh, ich komme aber nicht so gut klar wie einige Promis auf Instagram.“ Entsteht nicht dadurch Druck?

Rösl: Ich kann eine Lanze für die prominenten Betroffenen brechen, die ich kenne und die sich öffentlich geäußert haben. Sie betonen immer wieder, dass es ihnen nicht immer nur gut geht. Ihnen ist bewusst, dass die Krankheit immer da sein kann – bei jedem. Das macht das Ganze menschlich für den Normalbetroffenen. Es ist nicht so, dass Prominente durch die Welt laufen und sagen: „Hey, ich hatte Depressionen, aber jetzt ist alles wieder Gummibärchen.“ Das Thema ist zu ernst.

5,3 Millionen Deutsche erleben im Jahr eine depressive Phase

Würden Sie Betroffenen empfehlen, sich Prominente als Vorbild im Umgang mit ihrer Krankheit zu nehmen?

Rösl: Vorbild ist in diesem Fall das falsche Wort, sondern eher Mutmacher. Prominente sind Mutmacher. Mutmacher dafür, dass man sich selber die Krankheit eingesteht. Es geht nicht darum, die Krankheit beim Arbeitgeber oder der Familie öffentlich zu machen. Das muss jeder für sich selber entscheiden. Der wichtigste Schritt ist, sich selbst einzugestehen, dass etwas nicht stimmt. Dazu können Prominente Mut machen.

Woher nehmen Sie den Mut und die Motivation, öffentlich über Ihre Erkrankung zu sprechen?

Rösl: Die Motivation liegt in meinem Krankenhausaufenthalt begründet. Wenn man in einer Depression steckt, denkt man, man sei der schlechteste, wertloseste und einsamste Mensch der Welt. Als ich in die Klinik gekommen bin, habe ich zum ersten Mal andere Menschen kennengelernt, die die gleichen Gedanken und Gefühle hatten wie ich. Allein dieses Erlebnis, dieses Wissen tut gut und macht Hoffnung. Ich möchte anderen Betroffenen zeigen, dass sie nicht allein sind. Und dass man aus diesem unfassbar dunklen und tiefen Loch wieder zurück ins Leben kommen kann. Laut Statistiken erleben circa 5,3 Millionen Menschen im Jahr in Deutschland eine depressive Phase.

Was empfehlen Sie Betroffenen, denen es schwerfällt, die Krankheit im engsten Familien- oder Freundeskreis offenzulegen?

Rösl: Sie sollen sich keinen Druck auferlegen, unbedingt offen damit umgehen zu müssen. Sie sollten aber in sich gehen und sich vor Augen führen, dass man allein aus einer Depression nicht herauskommt. Man braucht Hilfe von außen. Es ist wichtig, sich einer Vertrauensperson, am besten einem Arzt, zu öffnen. Und zwar ohne Scham. Gott sei Dank ist diese Scham mittlerweile unbegründet. Es hat sich in den vergangenen Jahren in der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit viel getan.

Zur Person: Armin Rösl, 48, ist Journalist und stellvertretender Vorsitzender sowie Sprecher der Deutschen DepressionsLiga.

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24.09.2021

Von Vorbilder sprechen und vergleichen ist schon ein Hohn, denn diese Sogenannten Vorbilder Sind zu leicht in ihrem Vorleben ohne Depressionen leichter durch das leben gegangen und gefallen. Der Normalos hat seine Depressionen durch Andere und seiner Umwelt eingefangen, die ihn in seinem Leben Menschen erniedrigten und ihn seinem Verhalten auch als minderwertig erachtet haben. Und dieser Kreislauf kann sich in seinem Leben immer weiter drehen, wenn er keine ärztliche Hilfe in Anspruch nimmt und endet dann in der Psychiatrie oder sogar sogar auf dem Friedhof, weil er weder ein noch aus weiß.

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