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Prozess

19.07.2020

Der Attentäter von Halle verfehlte Ismet Tekin nur knapp

Ismet Tekin vor dem „Kiez-Döner“ in Halle. Am 9. Oktober 2019 stürmt Stephan Balliet mit einer Maschinenpistole und einer sogenannten Einzelladerwaffe den Laden.
Bild: Hannes Heine; Jan Woitas, dpa

Plus In Ismet Tekins „Kiez-Döner“ erschoss der rechtsextreme Stephan Balliet einen Mann. Zuvor tötete er vor der Synagoge eine Frau. Nun beginnt der Prozess.

Die Einschusslöcher in der Fassade sind deutlich zu sehen, zwei Zentimeter tiefe Krater. Die Striche, mit denen die Spurensicherung der Polizei die Stellen markierte, an denen die Kugeln einschlugen, sind noch da. Vor dem Gründerzeithaus im Paulusviertel von Halle steht Ismet Tekin und zeigt auf ein geparktes Auto. An dieser Stelle ging er am 9. Oktober 2019 vor den Geschossen in Deckung, die über ihm in die Wand einschlugen. So überlebte Tekin, 36, Gastronom, das Attentat von Halle.

„Manchmal träume ich davon“, sagt er. „Mal sehen, wann das aufhört.“ In den nächsten Monaten gewiss nicht: Trotz der Corona-Pandemie beginnt am Dienstag der Prozess zu jener Tat, die nicht nur in Halle, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit Erschütterung auslöste. Wegen zweifachen Mordes und 68-fachen Mordversuchs muss sich Stephan Balliet, 28, erwerbslos, vor dem Oberlandesgericht Naumburg verantworten. Aus Platzgründen wurde der Prozess in die Räumlichkeiten des Landgerichts Magdeburg verlegt. Bis in den Oktober sind Verhandlungstage angesetzt.

Ismet Tekin sagt: „Das ist doch alles so brutal, so verrückt.“

Der Generalbundesanwalt klagt Balliet in einer 121 Seiten umfassenden Schrift auch der räuberischen Erpressung, gefährlichen Körperverletzung und Volksverhetzung an. Balliets Taten hätten das Potenzial, teilte die Bundesanwaltschaft mit, das Ansehen der Bundesrepublik zu schädigen. „Den Prozess schaue ich mir an“, sagt Tekin. „Ich will wissen: Was geht in diesem Mann vor?“

Ja, was? Ende Mai versuchte Balliet, aus der Untersuchungshaft in Halle zu fliehen, er überwand einen 3,40 Meter hohen Zaun, bewegte sich minutenlang unbeobachtet in der Anstalt. Nach dem Fluchtversuch wurde er ins Gefängnis Burg bei Magdeburg gebracht. Am dortigen Landgericht hat man die Bibliothek zu Sachsen-Anhalts größtem Gerichtssaal umgebaut: 300 Quadratmeter. Die Plätze dürften am Dienstag gut besetzt sein.

Wenig los ist dagegen im „Kiez-Döner“, dem Lokal von Ismet Tekin. Das hat auch mit der Pandemie zu tun, doch Tekin berichtet, dass schon im Januar, also zwei Monate vor den Masseninfektionen, die üblichen Gäste fehlten. An einem Nachmittag spricht er über den Anschlag. Er bittet an ein Tischchen, das vor dem Lokal steht, und lässt Tee bringen. „Nach dem Angriff sagten viele Leute, sie würden vorbeikommen – die gaben uns Mut weiterzumachen“, sagt er. „Doch es wurde nicht mehr so voll wie vor den Schüssen. Liegt das daran, dass bei uns ein Mensch getötet wurde?“

Getötet von einem Mann, der als rechtsextremer Verschwörungstheoretiker im Internet aktiv war, bevor er zum Attentäter, zum Doppelmörder wurde. Das ergeben dessen Aussagen in den Verhören. Er habe, sagte Stephan Balliet den Ermittlern, möglichst viele Juden töten wollen. Der Attentäter habe sich, vermuten Beamte, an den Massakern von Christchurch, El Paso und Utøya orientiert. Balliet offenbarte sich nach der Tat nicht nur umfassend den Ermittlern, er hielt sein Verbrechen auch in einem Video fest und hinterließ im Netz ein auf Englisch verfasstes Pamphlet.

Das Protokoll einer Tat, die weltweit Erschütterung auslöste

Seine Tat, das gilt unter Juristen als ausgemacht, ist weitgehend aufgeklärt. Wer das Protokoll jenes Tages liest, wird nachvollziehen können, was Ismet Tekin so schlecht schlafen lässt:

Am 9. Oktober 2019 zieht Stephan Balliet eine Tarnuniform an, packt Schusswaffen und Sprengsätze in einen gemieteten VW. Der Mordzug, den er durch die Kamera eines an seinen Helm montierten Smartphones live ins Internet überträgt, beginnt um 12.01 Uhr vor Halles Synagoge. Balliet wirft Sprengsätze über die Mauer, will dann in das Gotteshaus eindringen. Dort feiern 51 Kinder, Frauen und Männer gerade Jom Kippur, es ist der höchste jüdische Feiertag. Die Tür in der Mauer aber lässt sich nicht öffnen. Balliet tritt dagegen, beschießt sie mit einem Gewehr – die Tür hält.

„Der Mann schoss auf unsere Tür, trat dagegen“, sagt der Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Halle. „Die Tür aber – Gott sei Dank! – blieb zu.“
Bild: Jan Woitas, dpa

Er bricht den Versuch ab und tötet Jana L., 40, die zufällig an der Synagoge vorbeiläuft.

In der Ferne sieht er eine weitere Passantin, Mandy R., und legt seine Maschinenpistole auf sie an – die selbst gebaute Waffe hat eine Ladehemmung.

Um 12.03 Uhr ruft aus der Synagoge der Gemeindevorsteher Max Privorozki, 57, Mathematiker, über 112 den Notruf an. Zugleich biegt Kurierfahrer Stanislaw G. in die Straße ein, sieht Jana L. auf dem Boden liegen, steigt aus seinem Auto. Auch auf ihn zielt Balliet, drückt den Abzug – erneut klemmt die Maschinenpistole. Balliet will zur Schrotflinte greifen, G. rennt zum Auto, rast weg.

Nun fährt Balliet los, biegt ab, sieht Ismet Tekins Arbeitsplatz – einen in dem Viertel bekannten Imbiss – und raunt unter seiner Helmkamera: „Döner? Nehm’ wir!“

Während Tekin von jenem Oktobertag spricht, grüßen ihn Passanten, auffällig oft. Ein Vater mit Kind bleibt für ein paar Sätze stehen, zwei Frauen nicken freundlich, ein Radfahrer winkt. Ein Bekannter aus Aserbaidschan ruft über die Straße: „Alles gut?“ Nach der Tat blieb der „Kiez-Döner“ 40 Tage geschlossen. So wollte es der Betreiber, islamische Trauerzeit. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Innenminister Horst Seehofer kamen vorbei.

Damals, am 9. Oktober, stürmt Balliet mit der Maschinenpistole und einer sogenannten Einzelladerwaffe, die also zunächst nur eine Kugel verschießt, den Laden. Neben Ismets Bruder Rifat, der am Tresen steht, befinden sich Wolfgang B., Bernd H., Conrad R. und Kevin S. dort. Balliet zielt auf die Gäste, doch abermals klemmt die Maschinenpistole. B., H., R. und Rifat Tekin können fliehen, Letzterer ruft seinen Bruder Ismet an, der sofort zum Imbiss rennt.

Kevin S., 20, hockt noch zwischen den Kühlschränken, dann kommt Balliet zurück

Kevin S., 20, Maler, hockt dort noch zwischen den Kühlschränken. Balliet verwundet ihn mit der Einzelladerwaffe, geht zu seinem Auto, holt die Schrotflinte. Dabei sieht er Malek B. auf der anderen Straßenseite, der Tunesier rennt weg. Balliet geht in den „Kiez-Döner“ zurück, läuft zu Kevin S. und erschießt ihn. Er habe ihn, sagte Balliet später, für einen Muslim gehalten.

Wieder draußen sieht der Attentäter nun Abdülkadir B., der sofort flieht und dabei Ismet Tekin auf der Straße entgegenrennt. Beide ducken sich hinter Autos, die Geschosse schlagen in die Hauswände ein. „Das ist doch Wahnsinn, das ist doch alles so brutal, so verrückt“, sagt Ismet Tekin heute. „Wie kann das alles sein?“

Am 9. Oktober 2019 trifft vor dem „Kiez-Döner“ um 12.16 Uhr der erste Polizeiwagen ein. Die Beamten stellen sich quer vor Balliets Miet-VW. Ein Feuergefecht beginnt, ein Streifschuss verletzt Balliet, der zudem versehentlich einen Reifen seines Wagens zerschießt. Trotzdem entkommt Balliet mit dem Auto. „Alle Waffen haben versagt“, sagt er in seinem Internetclip, „billiges Equipment hält nicht.“ In Landsberg östlich von Halle will Balliet das Auto wechseln, schießt zwei weitere Menschen nieder, sie überleben. Er stiehlt in einer Autowerkstatt ein Taxi. An einer Baustelle auf der B91 prallt er damit in einen Lastwagen.

In Halle (Saale) sind laut Polizei zwei Menschen erschossen worden. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot in der Stadt im Einsatz.
6 Bilder
Zwei Menschen in Halle erschossen: Bilder des Einsatzes
Bild: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

13.38 Uhr: Festnahme, nun ohne Widerstand.

Nach der Tat bauten Freunde des getöteten Malers, Angehörige und Nachbarn vor dem „Kiez-Döner“ eine Gedenktafel auf. Kevin S. war Fan des Halleschen FC, Dutzende Anhänger des Drittliga-Vereins waren da. Blumen, Kerzen, Plakate. Im Lokal wurde danach renoviert. Zur Wiedereröffnung schenkte der Betreiber den Laden Ismet Tekin und seinem Bruder. In der Urkunde steht: „Ich wünsche meinen Nachfolgern viel Kraft, um das schreckliche Ereignis vom 09.10.2019 zu verarbeiten, und viele Kunden unterschiedlicher Kulturen und Religionen.“ Zur Wiedereröffnung kam auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff, dazu wieder Anwohner, Studenten, Fußballfans. Noch einmal war der Laden richtig voll. Drinnen wurde eine kleine Tafel für „Jana & Kevin“ angebracht.

Zu jener Zeit wurde Stephan Balliet in der Untersuchungshaft von Ermittlern des Bundeskriminalamtes verhört. Er war ein vergleichsweise guter Schüler, bei der Bundeswehr unauffällig. Nach einer schweren Operation brach Balliet sein Chemiestudium ab, lebte bei seiner Mutter, einer Lehrerin, in Benndorf bei Halle. Die viele Zeit, die er hatte, verbrachte er vor dem Computer, in von Verschwörungsideologen besuchten Foren, in denen es oft um Juden geht. Diese seien schuld, an allem – an den Frauen, die sich nicht für Balliet interessierten, an der Flüchtlingskrise, am Chaos in der Welt. Stück für Stück besorgte sich Balliet die Teile, die er im 3-D-Drucker zu Mordwerkzeugen zusammensetzte. Sie und die Chemikalien für die Sprengsätze kosteten einiges, Balliet verkaufte gesammelte Spielfiguren für 4000 Euro über Ebay. Das Klebeband, mit dem er die Handgranaten abdichtete, fand er im Keller der Mutter.

Im „Kiez-Döner“ räumt Tekin jetzt ein paar Kisten aus, setzt sich wieder ans Tischchen vor dem Lokal, erzählt. Er wuchs in einem Dorf in Kurdistan auf, lebte einige Jahre in Istanbul, kam 2008 nach Deutschland. Hier arbeitete er in Läden und auf dem Bau, in Bremen, Köln, Berlin – in Halle wohnte er. Einige Wochen nach dem Attentat zog seine Freundin aus der Türkei zu ihm. „Ich mag die Stadt, es ist ruhig, aber nicht zu ruhig“, sagt er.

Die Tür der Synagoge hält - wie durch ein Wunder

Die Synagoge, das erste Angriffsziel Balliets, befindet sich fünf Fußminuten vom „Kiez-Döner“ entfernt. Max Privorozki, der Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Halle, hat Balliet am 9. Oktober 2019 über die Bilder der Sicherheitskamera gesehen. „Der Mann schoss auf unsere Tür, trat dagegen“, sagt er. „Die Tür aber – Gott sei Dank! – blieb zu.“ Vor der Synagoge steht mittlerweile ein Wachhäuschen der Polizei.

In Justizkreisen wird auf das Geständnis, die Kooperation des Angeklagten verwiesen – mildernde Umstände seien das aber nicht. Denn da ist der Umfang der Tat, der Vernichtungswille: Balliet hatte ein Schwert, zwei Messer, acht Schusswaffen sowie mehr als 40 selbst gebaute Splittergranaten, Brand- und Nagelbomben in seinem Wagen.

Im Prozess wird es darum gehen, ob eine besondere Schwere der Schuld vorliegt.

„Wichtiger als das Strafmaß, und es sollte hoch sein, ist volle Transparenz“, sagt Rechtsanwalt Onur Özata. „Wie hat sich der Täter radikalisiert, zu wem hatte er Kontakt?“ Özata vertritt Ismet Tekins Bruder Rifat als Nebenkläger. Der Berliner Anwalt Özata, 36, gilt als Spezialist für die juristische Aufarbeitung rechtsextremer Terrorakte: Er war Nebenklageanwalt im NSU-Prozess und im Verfahren um den Waffenhändler des Amokläufers am Münchner Olympia-Einkaufszentrum. Nun also Halle. Um Schadenersatz geht es Özata nicht, der Angeklagte sei ohnehin mittellos. Aber restlos aufklären sollten die Behörden die Tat, da werde man vor Gericht, wenn nötig, Druck machen, sagt er. „Für die Opfer ist wichtig, dass anerkannt wird, warum sie angegriffen wurden – nämlich weil ein Rechtsextremist ihnen kein Leben in Deutschland zugestehen wollte.“

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