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Der aussichtslose Kampf gegen die Feuer im Regenwald

Bild: Juan Karita, dpa

Am Amazonas wüten die schwersten Brände seit Jahren. Gelegt vor allem von Farmern, die Weideflächen brauchen. Wie nur soll man dagegen vorgehen?

Als der Notruf kommt, schlüpft Carmen Cristina da Silva in ihren orangefarbenen, feuerfesten Overall und springt in den Geländewagen. Die Chefin der Feuerwehr von Porto Velho ist mit ihrem Team zu einem Brand östlich der Stadt worden, tief im brasilianischen Amazonasgebiet. Feuer lodert im Unterholz und Rauch steigt auf, als die Truppe am Einsatzort eintrifft, der im Westen des Landes liegt, unweit der Grenze zu Bolivien.

Da Silva und die anderen Feuerwehrleute ziehen sich Masken über, setzen Schutzbrillen auf und schlüpfen in ihre Handschuhe. Mit großen Schaufeln schlagen sie die Flammen aus, versuchen, schwelende Glutnester mit Wasser zu löschen, das sie in Kanistern auf dem Rücken tragen. Am Rand steht ein Mann und beobachtet den mühsamen Kampf. Er gibt zu, dass er den Brand gelegt hat. Weil er seinen Acker von Unkraut und Pflanzenresten befreien wollte. Dann, sagt er, sei das Feuer außer Kontrolle geraten und er habe den Notruf gewählt.

Carmen Cristina da Silva kann viele solcher Geschichten erzählen. 500 Vorfälle hat die Feuerwehrchefin von Porto Velho seit April diesen Jahres registriert – doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Und so geht es vielen Feuerwehrleuten in Brasilien, wo derzeit die schwersten Waldbrände seit Jahren wüten.

Es sind gespenstische Bilder, die die Welt in diesen Tagen aufschrecken. Bilder von Feuerwänden, die sich durch riesige Waldflächen fressen, von dichten Rauchwolken, die das überlagern, was man die „Grüne Lunge“ der Erde nennt. Wo die Flammen gelöscht sind, bleiben nur schwarze Baumstümpfe und Asche.

Wer wissen will, wie schlimm das Ausmaß ist, muss nur auf die Karte der Nasa blicken, wo jeder rote Punkt für ein Feuer steht. Der Regenwald des Amazonas ist übersät davon – Brasilien, aber auch Peru, Bolivien, Paraguay und Argentinien. Die schlimmsten Brände weltweit aber wüten, was kaum jemand registriert, in Zentral- und Ostafrika.

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85.000 Brände allein in diesem Jahr

Bild: Victor R. Caivano, dpa

Nun ist es nicht so, als würde der Regenwald zum ersten Mal in Flammen stehen. Im Amazonasgebiet kommen Waldbrände während der Trockenzeit von Juli bis Oktober immer wieder vor. Doch in diesem Jahr ist das Ausmaß ein anderes: Allein in Brasilien gab es bislang 85000 Feuer – 75 Prozent mehr als im Vorjahr, wie die brasilianische Weltraumagentur INPE auflistet. Der Bundesstaat Rondônia, dessen Hauptstadt Porto Velho ist, gehört wiederum zu den Gebieten, die am schlimmsten betroffen sind.

Bis zu zehn Mal am Tag ist die Brigade von Carmen Cristina da Silva in den letzten Monaten ausgerückt, um Brände zu löschen. Aber es kommen ständig neue hinzu. Zuletzt hat es geregnet, zum Glück. Da sind es nur drei Einsätze pro Tag.

Seit Anfang der Woche stehen die Löscharbeiten in Porto Velho unter der Aufsicht der brasilianischen Streitkräfte. Im ganzen Amazonasgebiet sind nach Angaben des Militärs rund 3000 Soldaten im Einsatz – nicht besonders viele angesichts der riesigen Fläche und Tausender Brandherde. Verteidigungsminister Fernando Azevedo ist trotzdem zuversichtlich: „Natürlich ist die Lage nicht einfach. Aber wir haben die Situation unter Kontrolle.“

Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro hat spät, vielleicht zu spät, auf die Feuersbrunst reagiert. Nachdem er zunächst ohne Beweise Nichtregierungsorganisationen beschuldigte, die Brände gelegt zu haben, schwenkt er nun um. Seit Donnerstag hat seine Regierung das Abbrennen von Flächen während der Trockenzeit verboten. Für einen Zeitraum von 60 Tagen sollen zunächst keine Feuer mehr gelegt werden dürfen, um Weide- oder Ackerflächen zu erschließen. In Bolivien ordnete Präsident Evo Morales eine „ökologische Pause“ an, nachdem er erst vor Wochen per Dekret Brandrodungen in zwei Amazonas-Provinzen ausdrücklich autorisierte.

Als Carmen Cristina da Silva an diesem Tag das letzte Feuer gelöscht hat, fährt sie noch einmal los, eine Patrouillenrunde. „Die Winde stehen gerade günstig, um weitere Brände zu legen“, sagt sie. Am Rand einer staubigen Piste, die in den Wald führt, steigt Rauch auf. Da Silva macht sich auf die Suche nach dem Verursacher. Auf dem Gelände des Unternehmens „Terra Ouro“ stellt sie einen Arbeiter zur Rede. Er sei nicht der Besitzer des Grundstücks und das Feuer sei von alleine ausgebrochen, behauptet er. „Das ist die typische Entschuldigung“, sagt Joelma Ferreira Bezerra vom Umweltschutzamt, das die Feuerwehr bei den Einsätzen begleitet.

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Die Farmer wollen neue Weideflächen

Bild: Leo Correa, AP/dpa

In Porto Velho, einer Stadt mit einer halben Million Einwohner und der Anmutung eines zu groß geratenen Urwalddorfes, leben viele Holzfäller und Großgrundbesitzer. Für sie sind die Brände ein Mittel, um neue Weideflächen für ihre Viehherden zu schaffen oder Ackerland für den Sojaanbau. Meist werden bereits abgeholzte Waldflächen angezündet, um Baumstümpfe und das Unterholz zu vernichten. „Das ist ein übliches Vorgehen in der Region“, sagt Thiago Castro de Oliveira von der örtlichen Landwirtschaftskammer. Aber weil es in diesem Jahr ungewöhnlich trocken ist, greifen die Brände auch auf noch intakte Waldflächen über.

Auf der Nasa-Karte leuchten die zehntausenden Brände in Südamerika rot.
Bild: earthobservatory.nasa.gov

Die Farmer argumentieren, dass Abholzung und Brandrodung notwendig seien, um kleine Höfe und große Farmen, die Fleisch und Soja in die Welt exportieren, in Schuss zu halten und wettbewerbsfähig zu bleiben. Auch Bolsonaro spielt eine entscheidende Rolle. Er sieht im Amazonas-Regenwald vor allem ungenutztes wirtschaftliches Potenzial und will mehr Flächen für Landwirtschaft, Bergbau und Energiegewinnung erschließen.

Tatsächlich aber ist der Streit um die Nutzung des Regenwaldes nicht nur ein Kampf um noch mehr Flächen für die Agrarindustrie, die ein Viertel des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Genauso, wie die verheerenden Brände weit mehr als ein südamerikanisches Thema sind. Das haben spätestens die hitzigen Diskussionen auf dem G7-Gipfel in Biarritz gezeigt. Weil der Regenwald immense Mengen CO2 binden kann, hat er auch für das Weltklima eine große Bedeutung.

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Mit dem Regenwald leiden auch die indigenen Völker

Bild: Gaston Brito, dpa

Häuptling Mario Cardoso Ferreira weiß, was es bedeutet, wenn das Feuer kommt. Für den klein gewachsenen Mann mit den grauen Stoppelhaaren ist der Kampf um den Amazonas-Regenwald gleichbedeutend mit dem Überleben seines Dorfes Amonia – einer Siedlung von 400 Menschen, die am Arapiuns-Fluss zu Hause sind.

Der Häuptling ist auf eine Öko-Farm gekommen, rund drei Bootsstunden von seinem Reservat entfernt, wie rund 100 andere Aktivisten. Vertreter indigener Territorien, Kleinbauern, Umweltschützer. Sie alle wollen über die aktuelle Situation im Regenwald reden.

Projektleiter ist Caetano Scannavino, ein Brasilianer italienischer Abstammung, der ein schwarzes T-Shirt trägt. „Chico Mendes lebt“ ist darauf zu lesen. Mendes war zu Lebzeiten Gewerkschafter der Kautschukzapfer und Mitbegründer der linksgerichteten Arbeiterpartei, aus der die späteren Präsidenten Lula da Silva (2003 bis 2011) und Dilma Rousseff (2011 bis 2016) hervorgingen. Dennoch ging da Silva später als der Präsident in die Geschichte ein, in dessen Amtszeit bislang die größte Fläche des Amazonas-Regenwaldes vernichtet wurde. Und dann war da noch die Genehmigung des gigantischen Amazonas-Staudamm, der nicht nur das ökologische Gleichgewicht der Region aus dem Takt zu bringen droht, sondern auch die Vertreibung indigener Völker zur Folge hatte.

Feuerwehrchefin Carmen Cristina da Silva rückt bis zu zehn Mal am Tag aus.
Bild: Martina Farmbauer, dpa

Häuptling Mario Cardoso berichtet über das, was in seinem Dorf passiert. „Unsere Kinder sterben an Durchfall, die Eltern sind verzweifelt“, sagt er mit leiser aber bestimmter Stimme. „Manchmal färbt sich der Fluss blutrot von den Umweltgiften, die die Holzfäller hinterlassen.“ Deren Methoden sind brutal. „Zuerst kommen sie in die Dörfer, um die Anführer zum Schweigen zu bringen. Sie versprechen Arbeit und Entwicklung für die Familien. Aber stattdessen kommen am nächsten Tagen die Maschinen oder das Feuer und zerstören alles.“ Dann wird gerodet.

Die Holzfäller sind erst die Vorhut. Brasiliens profitable Agrarindustrie will expandieren. Die dafür notwendigen Flächen gibt es im Amazonas-Regenwald, wo die Indigenen leben. Die Holzfäller sorgen auf legale oder auf illegale Weise dafür, dass die Agrar-Industrie Zugang zu den Flächen bekommt. Satellitenbilder des INPE belegen, dass allein im Juni mehr als 900 Quadratkilometer Regenwald im Amazonasgebiet abgeholzt wurden – ein Anstieg von fast 90 Prozent.

„Vor ein paar Wochen waren wir Häuptlinge in Brasilia und haben versucht mit Bolsonaro zu reden“, sagt Mario Cardoso. Es sei niederschmetternd gewesen zu erleben wie der Präsident der Agrarindustrie Zusagen mache, aber die indigenen Völker ihrem Schicksal überlasse. „Uns bringt die Agrarindustrie gar nichts, außer Giften und der Zerstörung unserer Kultur und unseres Lebensraums“, sagt er. Trotzdem sagt er, dass in der Abholzung und den verheerenden Bränden auch eine Chance steckt. „Bolsonaro lenkt das Interesse der Welt auf dieses Thema. Das müssen wir nutzen“, sagt Häuptling Cardoso.

Ein Lkw wird mit Baumstämmen beladen, die gestapelt vor einem Waldstück liegen.
Bild: Victor R. Caivano, dpa

In Porto Velho wird Feuerwehrchefin Carmen Cristina da Silva über einen weiteren Brand tief im Wald informiert. Also fährt sie los. Rechts und links der Straße tauchen immer weniger Häuser auf, die Straße wird matschiger und holpriger, bis sie vor einem Holztor endet. Der Rauch steigt auf der anderen Seite des Rio das Garças auf. Um das Feuer zu löschen, müssten die Feuerwehrleute den Fluss überqueren. Doch das geht nur mit dem Boot. Das Team dreht um. Es kann nur die schlimmsten Brände löschen – und die, die es überhaupt erreicht.

Von Martina Farmbauer und Tobias Käufer