Dieser Mord hatte eine Debatte über Parallelgesellschaften in Deutschland ausgelöst: Die 23-jährige Deutsch-Türkin Hatun Sürücü starb am 7. Februar 2005 in Berlin durch drei Kopfschüsse. Ihr Mörder war ausgerechnet ihr jüngerer Bruder. Doch er soll nicht völlig aus freien Stücken gehandelt haben. Zwei ältere Brüder sollen ihn mit dem Mord an ihrer eigenen Schwester beauftragt haben, um die Familienehre wieder herzustellen. Gegen die beiden Männer beginnt nur der Prozess in Istanbul.
Im Sommer 2014 war Hatun Sürücüs kleiner Bruder, ihr Mörder, nach neuneinhalb Jahren Haft in die Türkei abgeschoben worden. Die Brüder, die den Auftrag zum Mord an ihren Bruder weitergegeben haben sollen, waren in Berlin zunächst wegen Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Nach dem Mord an Hatun Sürücü hatte der jüngere Bruder ausgesagt, einer der Brüder habe ihm die Waffe für die Tat gegeben, der andere habe ihn bei dem Ehrenmord beobachtet.
Prozess in Istanbul: Warum erst nach elf Jahren?
Schon 2007 hatte der Bundesgerichtshof die Freisprüche aufgehoben. Weil sich die Männer in die Türkei abgesetzt hatten, kam kein neuer Prozess zustande. Allerdings wurde 2013 ein eigenes Strafverfahren von türkischer Seite eingeleitet. Jetzt stehen die heute 35 und 36 Jahre alten Brüder von Hatun Sürücü vor Gericht.
Ab 26. Januar 2016 müssen sich die Männer in Istanbul wegen der vorsätzlichen Tötung eines nahen Verwandten verantworten. Die Angeklagten wiesen laut Gerichtsakten bislang alle Vorwürfe zurück. Wegen ihres westlichen Lebensstils soll Hatun Sürücü von ihren Brüdern verachtet und getötet worden sein. Ihr jüngerer Bruder radikalisierte sich in der Haft. dpa/sh