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Bildung

12.06.2018

Ein Besuch bei einer Vorzeigeschule im Brennpunkt Neuköllns

Setzen auf Sprachbildung und Lehrkräfte mit Vorbildfunktion: Schulleiter Tilmann Kötterheinrich-Wedekind mit Lehrerin Safiye Celikyürek des Ernst-Abbe-Gymnasiums im Beriner Bezirk Neukölln.
Bild: Judith Roderfeld

Schüler mit Migrationshintergrund sind oft schlechter als deutsche. Ausgerechnet im verrufenen Neukölln ist alles ganz anders.

Amina ist 14 Jahre alt. Ihre Eltern kommen aus Palästina, Deutsch ist ihre Zweitsprache. Sie trägt ein Kopftuch und lebt im Norden von Berlin-Neukölln. Amina will Architektin werden. Dafür macht sie ihr Abitur am Ernst-Abbe-Gymnasium, einer Schule direkt gelegen an der Sonnenallee. Dort, im sozialen Brennpunkt Berlins, gelingt etwas, woran viele Schulen scheitern. Hier gelingt der soziale Aufstieg – durch Bildung.

97 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund

Eine Pisa-Auswertung hat ergeben, dass viele Kinder mit Migrationshintergrund sehr schwache Leistungen zeigen. Der Anteil schlechter Schüler ist damit fast zweieinhalb Mal so hoch wie unter Gleichaltrigen mit deutschen Eltern. Es fehle laut der Studie vor allem an besseren Konzepten zur Sprachförderung. Am Ernst-Abbe-Gymnasium ist das anders.

Die Sonnenallee ist für viele noch immer ein Symbol für Gewalt, Drogen und Kriminalität. Zahlreiche Kulturen prallen dort aufeinander. In der Öffentlichkeit ist die Rede von misslungener Integration. Das Bild der Deutschen von den Schulhöfen des Viertels ist ähnlich.

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Das Ernst-Abbe-Gymnasium ist allerdings zum Leuchtturm für Bildungs- und Integrationsarbeit geworden. Wie passen Problem-Bezirk und Vorzeigeschule zusammen?

565 Schüler aus 19 Nationen

Der Migrationsanteil des Gymnasiums liegt bei 97 Prozent, an keiner anderen Schule in Berlin ist er so hoch. Fast alle der 565 Schüler kommen aus Nord-Neukölln. 19 Nationen sind vertreten, am häufigsten Türken und Araber. Eltern mit akademischem Hintergrund gibt es selten. „Viele sind bildungsfern“, sagt Schulleiter Tilmann Kötterheinrich-Wedekind. Die Pisa-Autoren sagen, hier liege das Problem. Zuhause würden die Kinder kaum Deutsch sprechen, die Leistungen im Unterricht könne das beeinträchtigen. Für den Erfolg eines Schülers sei der Bildungshintergrund aber allein nicht entscheidend, betont Kötterheinrich-Wedekind. Die meisten Schüler des Ernst-Abbe-Gymnasiums gehen nach dem Abitur an eine Hochschule, die Mehrheit mit einem Latinum – eine Sprache, die nachweislich die Deutschkompetenz fördern soll.

Jeder, der das Ernst-Abbe-Gymnasium betritt, muss am Wachschutz vorbei. Einem Mann, der ungebetene Gäste fernhält. An vielen Schulen Neuköllns ist es normal, dass Sicherheitspersonal eingestellt wird. Nicht wegen gewaltbereiter Schüler, sondern um sie zu schützen.

An Neuköllner Schulen gibt es einen Wachschutz

Aus dem Gymnasium ist eine Leuchtturm-Schule geworden, weil Sprachbildung stets hochgehalten wurde. Aktuell nimmt es als eine von neun weiterführenden Schulen in Berlin am bundesweiten Projekt „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS) teil. Einrichtungen, die im Bereich Sprachbildung bereits fortgeschritten sind, werden dabei durch Personal und Material unterstützt, Lehrer extra geschult. Bis zur neunten Klasse gibt es außerdem zusätzliche Deutschstunden. Und jede Vertretungsstunde ist eine Sprachbildungsstunde.

In einem Schulplaner, der zur Einschulung verteilt wird, stehen Formulierungshilfen. Zum Beispiel, um einen chemischen Versuch zu beschreiben, Diagramme zu erklären oder Texte zu erörtern. „Damit geben wir ihnen Möglichkeiten an die Hand, um das, was sie wissen, ausdrücken zu können“, erklärt Lehrerin Safiye Celikyürek. Die Deutschtürkin ist für die Schüler ein positives Vorbild, Integration gelingt durch Lehrer wie Celikyürek leichter.

Wie gut die Leistungen eines Schülers sind, hängt von der Lehrkraft ab, davon, wie gut sie ausgebildet ist. Das ergab eine Pisa-Auswertung, die am Montag veröffentlicht wurde. Ein wichtiges Kriterium sei das Angebot an Weiterbildungen. Lehrer bräuchten mehr Unterstützung, um besser auf Multikulti-Klassen zu reagieren.

Pisa-Studie zeigt, Leistungen der Schüler hängen vom Lehrer ab

An der Neuköllner Schule werden die Standards trotz des Migrationsanteils nicht heruntergeschraubt. Der Leistungsdruck ist hoch, ein gutes Drittel scheitert. „Meine Schüler sind nicht weniger intelligent als woanders, sie haben vorher nur einfach weniger Chancen gehabt“, sagt Kötterheinrich-WedekindDer Schulleiter steht hinter seinem Gymnasium, hinter seinen Schülern. Spricht jemand von einer Brennpunktschule, ärgert ihn das. „Das hört sich an, als gäbe es hier brennende Müllcontainer.“

Die Unterstützung aus der Politik ist Teil des Erfolgskonzeptes. Franziska Giffey, ehemalige Neuköllner Bezirksbürgermeisterin und jetzige Bundesfamilienministerin, hatte sich stark dafür eingesetzt, Bildung in Neukölln zur obersten Priorität zu erklären. Viel Geld ist geflossen. Rund acht Millionen Euro wurden in die Sanierung der Schule investiert.

Für die Sanierung der Schule gab es acht Millionen Euro

Für den 14-jährigen Ahmad ist es ein Traum, mal als Informatiker zu arbeiten. Robotik ist sein Lieblingsfach. Dass seine Schule „Multikulti“ ist, gefällt ihm. Jeder integriert jeden. Amina sieht das genauso. „Aber ich finde, es gibt zu viele Vorurteile. Alle werden in einen Topf geworfen.“ Der Norden Neuköllns ist ihr Zuhause, sie spürt nichts von dem Ruf, der dem Viertel anhaftet.

Der soziale Aufstieg durch Bildung gelingt am Neuköllner Gymnasium auch deshalb, weil Religion keine Rolle spielt. Wer was und an wen glaubt, ist für den Schulalltag belanglos. „Religion ist was individuelles“, sagt Kötterheinrich-Wedekind. Religiöse Symbole jeglicher Art gehören seiner Ansicht nach nicht an eine Schule. Nie würde er auf den Gedanken kommen, Kreuze an die Wände zu schlagen.

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