Startseite
Icon Pfeil nach unten
Panorama
Icon Pfeil nach unten

Ermittlungen gegen Polizisten: Pannenserie: Hätte Mord an Lena verhindert werden können?

Ermittlungen gegen Polizisten

Pannenserie: Hätte Mord an Lena verhindert werden können?

  • |
  • |
  • |
    Erst die Festnahme eines Unschuldigen in aller Öffentlichkeit, nun die Erkenntnis, dass sich der mutmaßliche Mörder der kleinen Lena aus Emden lange vor der Tat selbst als Pädophiler angezeigt hatte - ohne dass die Tat verhindert worden wäre: Die Polizei gerät unter Druck. Foto: Polizei Emden dpa
    Erst die Festnahme eines Unschuldigen in aller Öffentlichkeit, nun die Erkenntnis, dass sich der mutmaßliche Mörder der kleinen Lena aus Emden lange vor der Tat selbst als Pädophiler angezeigt hatte - ohne dass die Tat verhindert worden wäre: Die Polizei gerät unter Druck. Foto: Polizei Emden dpa

    Hätte die Polizei im Vorfeld den tatverdächtigen 18-Jährigen intensiver überprüft, hätte der Mord an der elf jahre alten Lena vielleicht verhindert werden können? Diese Frage stellen sich nicht nur in Emden viele Menschen. Fest steht hingegen, dass nach der Pannenserie im Mordfall Lena nun strafrechtliche Ermittlungen gegen mehrere Polizisten folgen. Die Staatsanwaltschaft Aurich ermittelt gegen zwei Beamte der dortigen Polizeiinspektion wegen des Anfangsverdachts der Strafvereitelung im Amt, teilte die Justizbehörde am Mittwoch mit. Zudem läuft ein Disziplinarverfahren gegen mehrere Polizeibeamte. Dabei soll geklärt werden, warum der tatverdächtige junge Mann, der Lena ermordet haben soll, nicht rechtzeitig intensiver überprüft wurde.

    18-Jähriger zeigte sich als Pädophiler an

    Der 18-Jährige hatte sich bereits im November bei der Polizei Emden nach einer zweimonatigen Behandlung in der Psychiatrie in Begleitung eines Psychologen als Pädophiler angezeigt. Eine richterlich angeordnete Hausdurchsuchung wurde allerdings nicht umgesetzt. Nun müssten die Art der Aktenbearbeitung und die exakten Zeitabläufe geklärt werden, erklärte die Staatsanwaltschaft.

    Der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Rudolf Egg, sagte in den ARD-Tagesthemen, dass die Polizei den mutmaßlichen späteren Mörder der Elfjährigen nicht aus dem Blick hätte verlieren dürfen. "Im Interesse des Opferschutzes kann man so jemanden nicht einfach wieder gehen lassen." Die Mordkommission in Emden hat professionell gearbeitet und nichts mit diesen Versäumnissen zu tun", betonte der Innenminister. Die Grünen im niedersächsischen Landtag beantragten eine Sondersitzung von Innen- und Rechtsausschuss.

    Geständnis im Mordfall der elfjährigen Lena

    Der 18-Jährige aus Aurich hatte am Wochenende gestanden, Lena in einem Parkhaus in dem rund 21 Kilometer entfernten Emden getötet zu haben. Wie jetzt bekannt wurde, hatte ihn sein Stiefvater bereits im September 2011 angezeigt, weil er Kinderpornos auf dessen Computer heruntergeladen hatte.

    Nach einer zweimonatigen stationären Therapie in der Jugendpsychiatrie ging der junge Mann am 23. November 2011 zur Polizei Emden und zeigte sich in Begleitung eines Psychologen selbst an. Neben den Kinderpornos gab er zu, ein Jahr zuvor Zuhause ein siebenjähriges Mädchen ausgezogen und fotografiert zu haben. Die Mutter hatte ihn dabei ertappt und das Jugendamt informiert.

    Speichelprobe hätte entnommen werden müssen

    Der Mord an der elfjährigen Lena in Emden

    Samstag (24. März), gegen 17.00 Uhr: Lena und ein gleichaltriger Freund brechen zu Hause mit ihren Fahrrädern auf. Sie wollen Enten füttern in den Emder Wallanlagen.

    Samstag, 17.30 bis 19.00 Uhr: Die Kinder halten sich im Bereich des Parkhauses neben einem Kino auf. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Junge während des Verbrechens nicht dabei war. Er läuft nach Hause und informiert seine Mutter, dass er seine Freundin verloren hat. Diese verständigt die Eltern des Mädchens. Bei der Suche im Parkhaus entdeckt ein Wachmann die Leiche.

    Samstag, 19.30 Uhr: Die Polizei wird alarmiert und untersucht den Tatort. Das tote Mädchen wird zur Obduktion in die Gerichtsmedizin nach Oldenburg gebracht. Die Polizeiinspektion Leer/Emden richtet die Mordkommission «Parkhaus» mit 40 Beamten ein.

    Sonntag, 17.46 Uhr: Die Polizei verbreitet eine erste Pressemitteilung über das Verbrechen.

    Montag, 18.00 Uhr: 1500 überwiegend junge Menschen treffen sich nach Aufrufen im Internet auf dem Emder Bahnhofsvorplatz zu einer Schweigeminute. Anschließend legen sie Blumen vor dem Parkhaus nieder und zünden Kerzen an.

    Dienstag, gegen 19.00 Uhr: Die Polizei nimmt einen 17 Jahre alten Emder in der Wohnung seines Vaters fest. Noch am selben Abend wird er vernommen - der junge Mann legt kein Geständnis ab.

    Mittwoch, gegen 18.45 Uhr: Das Amtsgericht Emden erlässt Haftbefehl gegen den Berufsschüler.

    Donnerstag, 12.00 Uhr: Die Ermittler informieren auf einer Pressekonferenz über den bisherigen Ermittlungsstand.

    Freitag: Der 17-Jährige ist entlastet und wieder auf freiem Fuß. Nach Angaben der Ermittler kann er als Täter ausgeschlossen werden.

    Freitag: Lena wird im engsten Familienkreis auf dem Emder Stadtfriedhof beerdigt.

    Samstag (31. März): Polizei und Staatsanwaltschaft geben bekannt, dass sie einen 18-jährigen Tatverdächtigen festgenommen haben. Am Tatort gesicherte DNA-Spuren hätten den Verdacht gegen den Mann erhärtet, so die Behörden.

    Der junge Mann hätte einen Fingerabdruck abgeben und fotografiert werden müssen, sagte Schünemann. Vor allem hätte man, wie bei Sexualdelikten üblich, eine Speichelprobe nehmen müssen. "Bei sexuellem Missbrauch ist es eigentlich Standard, erkennungsdienstliche Maßnahmen durchzuführen."

    Die Fehler wiegen umso schwerer, weil nur einen Tag nach der Selbstanzeige eine Joggerin knapp einer Vergewaltigung in den Emder Wallanlagen entkam. Die Polizei ordnete die Tat nach der Aufklärung des Mordes an Lena mit Hilfe einer DNA-Untersuchung dann dem 18-Jährigen zu.

    Unklar bleibt, warum die Selbstanzeige wegen sexuellen Missbrauchs lediglich dem Verfahren wegen Kinderpornografie untergeordnet worden war. Die Staatsanwaltschaft Hannover habe aufgrund eines Akteneintrags davon ausgehen müssen, dass es ein eigenes Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs bei der Staatsanwaltschaft Aurich gab, sagte der Sprecher des Justizministeriums, Jörn Westermann. Doch nach den bisherigen Erkenntnissen wurde dort nie ermittelt.

    Schwere Fehler der Polizeibeamten

    Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) räumte am Mittwoch schwere Fehler der Beamten ein. In der Polizeiinspektion Aurich habe es offensichtlich Versäumnisse und eine schleppende Sachbearbeitung gegeben. "Das ist etwas, was mich auch persönlich sehr berührt", sagte der CDU-Politiker. Es seien nicht nachvollziehbare Fehler passiert. So wurde die Selbstanzeige wegen sexuellen Missbrauchs von der Polizei lediglich dem Verfahren wegen Kinderpornografie untergeordnet, obwohl der Missbrauch das schwerere Vergehen ist.

    Das Disziplinarverfahren führt die Polizeiinspektion in Osnabrück. Betroffen sind mehrere Sachbearbeiter sowie zwei Vorgesetzte bei der Polizei Aurich. Auch strafrechtliche Schritte werden geprüft. Strukturelle Mängel bei der Polizei sieht Schünemann jedoch nicht. "Ich gehe zum jetzigen Stadium davon aus, dass es um einige individuelle Fehler geht."

    Die polizeiinternen Ermittler prüfen jetzt auch, warum der richterliche Durchsuchungsbeschluss wegen Kinderpornografie vom 30. Dezember bei der Polizei Aurich nicht umgesetzt wurde. Aus ermittlungstaktischen Gründen kann die Polizei selbst entscheiden, wann sie solch einen Beschluss bearbeitet.

    Für den Besitz von Kinderpornografie allein gehe allerdings kaum jemand in Untersuchungshaft, sagte der Vorsitzende des Bundes der Kriminalbeamten, André Schulz. Das Fotografieren eines nackten Kindes sei ein Vergehen mit geringer Strafandrohung. Er warnte nach Angaben seines Sprechers zugleich vor vorschneller Kritik an Polizeibeamten.

     Mit Tauchern suchten die Ermittler am Mittwoch in den Kanälen der Wallanlagen der ostfriesischen Stadt nach der Tatwaffe. Nach Medienberichten soll die Elfjährige erstochen worden sein. Der 18-Jährige hat die Tötung bei seiner Vernehmung zugegeben.  Seitdem schweigt der in Untersuchungshaft sitzende Mann. Das Mädchen war am 24. März umgebracht worden, vermutlich zur Verdeckung eines vorangegangenen Sexualverbrechens. dpa/AZ

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden