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Horror-Haus
26.10.2016

Was geschah Abscheuliches in der Hölle von Höxter?

Die Opfer wurden im "Horror-Haus" in Höxter getreten, angekettet, verbrüht. Zwei Frauen starben. Das Gericht urteilt über eines der grausamsten Verbrechen der vergangenen Jahre.

Mittwochmorgen, 9.05 Uhr, Landgericht Paderborn, Saal 205. Wilfried W., 46, macht keine Anstalten, sich zu setzen. Während sich seine frühere Frau Angelika, 47, am hinteren Ende der Anklagebank ganz klein macht und ihr Gesicht hinter einem roten Aktendeckel versteckt, scheint er die Aufmerksamkeit zu genießen.

Minutenlang steht er zwischen seinen Verteidigern Detlev Binder und Carsten Ernst und blickt mit wachen Augen, die ab und zu blinzeln, in die unzählbaren Kameras. Er hat sich im Gefängnis einen Vollbart wachsen lassen, und zumindest äußerlich haben ihm die sechs Monate Untersuchungshaft nicht zugesetzt.

Höxter: Wilfried W. scheint die Aufmerksamkeit im Gericht zu genießen

Als ihm ein RTL-Reporter ein Mikrofon entgegenstreckt, scheint es für einen Moment so, als wolle Wilfried W. die Chance für den großen Auftritt nutzen. Doch Anwalt Binder sieht die Gefahr und schiebt das Mikrofon schnell zur Seite. In einer ihrer vielen Vernehmungen bei der Kripo hat Angelika W. einmal gesagt, Wilfried brauche Aufmerksamkeit und könne böse werden, wenn er sie nicht bekommt.

Aufmerksamkeit – sie ist ihm in den kommenden Monaten sicher, wenn in diesem Gerichtssaal im ostwestfälischen Paderborn einer der grausigsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre in Deutschland aufgeklärt werden soll.

Der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus beendet schließlich den Auftritt des Angeklagten im Scheinwerferlicht und eröffnet den Prozess. Als die Kameras ausgeschaltet sind, lässt Angelika W. den Aktendeckel sinken. Zum Vorschein kommt ihr markantes Gesicht. Ihre helle Haut wird von dunklen, langen Haaren und einem dünnen Pony umrahmt. Ihre Augen scheinen nach Wilfried W. zu suchen. Doch in diesem Moment spricht der Vorsitzende Richter Angelika W. an und fragt ihre Personalien ab. Sie antwortet mit kaum hörbarer Stimme, und Wilfried W. tut es ihr gleich. Dann hat Oberstaatsanwalt Ralf Meyer das Wort.

Staatsanwalt vermutet, dass das Paar die Opfer gemeinsam gequält hat

20 Minuten lang hastet er mit monotoner Stimme durch die 15 entscheidenden Seiten der Anklageschrift, als wolle er so die Schrecken weniger schlimm erscheinen lassen. „Planvoll und grausam“ sollen die Angeklagten Frauen mit Kontaktanzeigen in ihr Haus in Höxter-Bosseborn gelockt haben, um sie „zu Leibeigenen“ zu machen, sie „systematisch zu quälen und zu misshandeln“.

Meyer geht davon aus, dass es beide Angeklagte gemeinsam waren, die ihre Opfer folterten. Vor dem Prozessauftakt hat Wilfried W.s Verteidiger noch betont, sein Mandant bestehe darauf, nicht die treibende Kraft hinter den Misshandlungen gewesen zu sein. Wer von den beiden früheren Eheleuten diese Rolle tatsächlich hatte, das muss die Strafkammer nun klären. Bei einem Schuldspruch droht dem Ex-Paar lebenslange Haft.

In diesem Haus in Höxter soll das Paar seine Opfer misshandelt haben.
Foto: Friso Gentsch (dpa)

---Trennung _Im Prozess werden Details der schrecklichen Taten bekannt_ Trennung---

Im voll besetzten Saal hören die Menschen am Mittwoch, wie die Opfer nach Überzeugung der Ermittler hinter den Wänden des etwas schäbigen Hauses leiden mussten. Sie hören, dass der einschlägig vorbestrafte Wilfried W. seiner dritten Ehefrau Annika W. Glutamat ins Essen mischte, damit die Gelenke der Allergikerin schwollen. Dass die Frau gewürgt und getreten wurde. Dass sie nur gefesselt und angekettet schlafen durfte. Dass sie mit 70 Grad heißem Wasser verbrüht wurde, dass sie einmal gefesselt in der Badewanne lag und das Wasser einlief, bis es über ihr stand und sie bewusstlos wurde.

Die Zuschauer erfahren, dass eine andere Frau, Susanne F. aus Bad Gandersheim in Niedersachsen, von der Angeklagten mit einem Halstuch bis zur Bewusstlosigkeit gedrosselt wurde. Dass Angelika W. der Frau die Haare mit einem Bunsenbrenner und einem Schürhaken versengte und ihr die restlichen Haare in Büscheln ausriss.

Im Horror-Haus sollen mindestens acht Opfer misshandelt worden sein

Sie hören, dass diese beiden Opfer die Misshandlungen nicht überlebt haben. Anders als eine Frau aus Detmold, die Wilfried W. in ihrer eigenen Wohnung eingesperrt und wochenlang unter Medikamente gesetzt haben soll. „Beibringung durch Gift“ nennt Oberstaatsanwalt Meyer diese Taten. Andere Frauen soll das mutmaßliche Täterduo um größere Geldmengen gebracht haben. Die Staatsanwaltschaft geht insgesamt von mindestens acht Opfern aus. Die Ermittlungen dazu sind noch nicht beendet.

Die Angeklagten lassen keine Regung erkennen, als sie die Vorwürfe hören. Sie sind ihnen nicht neu, und viele Passagen der Anklageschrift gründen auf den Aussagen, die Angelika W. in den letzten Monaten bei der Mordkommission gemacht hat. Während der Oberstaatsanwalt spricht, schaut Angelika W. zu ihm hinüber, oder sie blickt lange in den Zuschauerraum, als suche sie ein bekanntes Gesicht. Ein-, zweimal scheint es, als wolle sie auch einen Blick auf Wilfried W. erhaschen, doch das ist schwer. Zwischen den beiden sitzen eine Justizbeamtin und ein Justizbeamter auf der Anklagebank.

Diese Trennung hat das Gericht veranlasst, weil es die Gefahr sieht, Wilfried W. könne die Frau wieder unter seine Kontrolle bringen. Die Befürchtung scheint begründet, denn aus dem Umfeld der Angeklagten ist zu hören, sie liebe Wilfried W. noch immer. Er sei ihr erster und einziger Mann gewesen, und vielleicht habe das dazu beigetragen, dass sie so lange seine Misshandlungen ertragen habe und Komplizin geworden sei, sagt ihr Anwalt Peter Wüller später.

Die Polizei fand im "Horror-Haus" zahlreiche Spuren, die auf Straftaten hinwiesen.
Foto: Caroline Seidel/dpa

Richter: Geschichten um "Horror-Haus" beeinflussen Gericht nicht

Als der Oberstaatsanwalt fertig ist, wendet sich der Vorsitzende Richter an die Angeklagten. Vom „Horror-Haus“ habe man in den letzten Monaten lesen können, vom „Folter-Paar“ und von der „Höxter-Hexe“, sagt Bernd Emminghaus. „Das alles spielt für das Gericht aber überhaupt keine Rolle. Für uns ist nur das wichtig, was hier im Gerichtssaal gesagt wird.“

Schließlich möchte der Richter noch wissen, ob die Angeklagten an den kommenden Verhandlungstagen aussagen werden. Wilfried W. werde schweigen, sagt dessen Anwalt Binder. Aber Verteidiger Peter Wüller verspricht, dass seine Mandantin alles umfassend schildern werde – vielleicht schon am 16. November, wenn der Prozess fortgesetzt wird. „Meine Mandantin hat Taten eingeräumt, die weit über das hinausgingen, was anfänglich Gegenstand der Ermittlungen war“, sagt Wüller.

Dann will sich das Gericht auch mit Binders Antrag befassen, der den Gutachter Michael Osterheider als „inkompetent“ ablehnt. Osterheider sieht Wilfried W. als „Idealtyp eines Hangtäters“, was zusätzlich zu einer Sicherungsverwahrung führen könnte. Das wäre für den 46 Jahre alten Wilfried W. die Höchststrafe. mit dpa/afp

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