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Pressefreiheit

14.12.2018

Journalismus: Unter Druck und immer im Wandel

Die Zeitungsbranche ist im Wandel.
Bild: Sven Hoppe, dpa

Journalistik-Professor Klaus Meier über rechtsextreme Angriffe auf Journalisten, den Zustand der Pressefreiheit und den der Presse in Deutschland.

Herr Meier, wie steht es um die Pressefreiheit in Deutschland?

Klaus Meier: Man muss das immer im internationalen Vergleich beurteilen und da steht Deutschland insgesamt gut da. Wenn wir uns überhaupt beklagen, dann also auf hohem Niveau. Kritisiert wird zum Beispiel, dass es in jüngster Zeit vor allem aus dem rechtsextremen Spektrum vermehrt zu verbalen, aber auch körperlichen Angriffen gegen Journalisten kam. Mittelfristig erkennt man in Deutschland auch den Trend einer gewissen Verlagskonzentration. Mit der Westfälischen Rundschau in Dortmund gibt es seit mehr als fünf Jahren sogar eine Zombiezeitung, die mit eigenem Titel erscheint, aber keine eigene Redaktion mehr hat, sondern Inhalte von anderen Blättern übernimmt.

Aber?

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Meier: Aber auch hier jammern wir auf hohem Niveau. Es gibt in Deutschland nach wie vor etwa 100 sogenannte publizistische Einheiten mit Vollredaktionen und über 300 Zeitungsverlage. Das ist im internationalen Vergleich schon recht gut.

Gerade Lokaljournalisten haben eine besondere Nähe zu den Menschen, über die sie berichten. Sind sie von Angriffen auch in stärkerem Maße betroffen?

Meier: In Regionen, in denen diese Angriffe gegen Journalisten stattfinden – und das war zuletzt häufig in Sachsen der Fall –, leben Lokaljournalisten, die etwa über Rechtsextremismus berichten, natürlich schon gefährlicher.

Was ist eigentlich Ihre Definition von „Lokalzeitung“?

Meier: Unter einer Lokalzeitung verstehe ich, dass diese eine enge lokale Verbreitung hat und dass Themen vor allem aus dem Lokalen aufgegriffen werden oder überregionale Themen aufs Lokale heruntergebrochen werden. Daraus folgt, dass eine Lokalzeitung als Zielgruppe Menschen hat, die vor allem am Lokalen interessiert und dort verwurzelt sind. Es sind Menschen, die Interesse an ihrem Heimatraum haben.

Stehen Lokalzeitungen unter einem hohen wirtschaftlichen Druck?

Meier: Seitdem der Kommunikationswissenschaftler Walter J. Schütz 2013 gestorben ist, gibt es keine große Zeitungsstatistik mehr. Wir müssen uns also auf Zahlen des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger verlassen. Und die zeigen, dass die Zahl der Lokalteile eigentlich gar nicht abnimmt. Andererseits werden Lokalredaktionen zusammengelegt. Hinzu kommt die Herausforderung, im digitalen Zeitalter nicht nur die gedruckte Zeitung, sondern auch vielfältige Ausspielwege im Internet zu bedienen. Das erhöht den zeitlichen Druck auf die Journalisten und kann zur Folge haben, dass Lokalteile schlechter werden – muss es aber nicht. Das kommt immer auf das Konzept des jeweiligen Verlages an.

Hat denn die Qualität von Lokalzeitungen in den vergangenen Jahren insgesamt abgenommen?

Meier: Um es mal pauschal zu formulieren: Es gab und gibt sehr gute, aber auch sehr schlechte Lokalzeitungen. Wenn man sich den Lokaljournalismus über Jahrzehnte hinweg anschaut, zeigt sich allerdings, dass die Qualität insgesamt nicht gelitten hat. Eher im Gegenteil: Studien belegen, dass der Lokalteil vielfältiger geworden ist. Wir haben im Lokalen eine Themenvielfalt, die wir sonst in anderen Zeitungsteilen nicht haben.

Ein oft geäußerter Vorwurf lautet, Lokaljournalismus sei zu unkritisch.

Meier: Eine Bundeskanzlerin lässt sich leichter kritisieren als der Bürgermeister vor Ort. Der steht im Zweifelsfall in der Redaktion auf der Matte. Sicher: Lokaljournalismus muss kritisch sein, man muss sich jedoch trotzdem gegenseitig noch in die Augen schauen können. Deshalb sollte die Kritik im Lokalteil auch nie überzogen skandalisierend sein, sondern immer fair.

Leser schätzen das?

Meier: Ja, das belegen Umfragen. Alles in allem zeigt sich auch hier ein breites Spektrum: Es gibt Lokalzeitungen, die kritiklos alle Mitteilungen der Lokalpolitik übernehmen – und es gibt Zeitungen, die investigativ im Lokalen recherchieren. Der renommierte Wächterpreis der Tagespresse geht zum Beispiel immer wieder auch an Lokalreporter, die Missstände schonungslos aufdecken.

Sprechen wir über die Zukunft des Journalismus: Zeitungen haben in der Regel eine ältere Leserschaft…

Meier: …aber es gibt bei allen Tageszeitungen ein durchaus jüngeres Publikum bei den digitalen Kanälen. Die Zeitungsmacher sollten ihr Printprodukt also eher für ein älteres Publikum produzieren und ihre digitalen Angebote für ein jüngeres. Denn wenn man den Printteil komplett auf junge Themen bürsten würde, verliert man vielleicht sein älteres Publikum.

Wie können Zeitungen noch auf ihre unterschiedlichen Leserschaften und deren Erwartungen eingehen?

Meier: Vor allem mit mehr Lesernähe. Zeitungsredaktionen sollten verstärkt zu Feedback und Beteiligung aufrufen, was in vielfältiger Form möglich ist. Man kann Leser zum Beispiel zu Diskussionsabenden einladen, zu Leserstammtischen oder Redaktionskonferenzen: „Kommt vorbei, schlagt eure Themen vor!“

Was noch?

Meier: Zeitungen sollten verstärkt Anregungen und Reaktionen von ihren Lesern einfordern, nicht nur in Form des klassischen Leserbriefs oder über die inzwischen üblichen Internet- und Social-Media-Kontakte. Viele machen das und haben Erfahrung darin gesammelt. Aber es gibt noch Potenzial darin, die Leser zu bestärken, dass sie etwa die Lokalzeitung als „ihre Zeitung“ wahrnehmen.

Journalistik-Professor Klaus Meier
Bild: KU Eichstätt-Ingolstadt

Alle Zeitungen befinden sich inmitten eines rasanten technologischen und medialen Wandels. Und alle haben das Problem, dass ihre Erlöse aus dem digitalen Geschäft erst allmählich steigen.

Meier: Es gibt hier keinen Königsweg. Jeder Verlag muss seine Antwort darauf finden – sei es mit der Einführung von Bezahlschranken oder mit speziellen Abo-Modellen. Eines muss man sich aber vor Augen halten: Die Zukunft auch der Lokalzeitung liegt sicherlich im Digitalen und nicht in der Printausgabe.

In den USA gibt es Regionen, die ohne Zeitung auskommen müssen. Droht so etwas auch in Deutschland?

Meier: Es kann schon passieren, dass wir in den nächsten zehn bis 15 Jahren solche Gebiete haben werden. Die letzte Hoffnung, die dann bleibt, ist, dass das Fehlen journalistischer Berichterstattung aufgefangen wird durch Alternativen zur klassischen Zeitung. Wenn die Menschen merken, dass sie lokale Informationen brauchen, entstehen vielleicht neue Angebote in der digitalen Medienwelt. In Deutschland haben wir zudem noch eine vielfältige Medienlandschaft aus Lokalradios und Lokalfernsehen, wenn auch privat-kommerziell finanziert und deshalb nicht gerade üppig ausgestattet. Und wir haben einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der zunehmend auf Regionalisierung setzt. Eine Lokalzeitung freilich kann und soll er nicht ersetzen.

Zur Person: Klaus Meier ist seit 2011 Inhaber des „Lehrstuhl für Journalistik I“ an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Der Zeitungsmarkt in Deutschland

Auflage und Reichweite: Deutschland ist der fünftgrößte Zeitungsmarkt der Welt; die Gesamtauflage aller deutschen Tageszeitungen liegt derzeit bei etwa 14,1 Millionen. Trotz sinkender Auflagenzahlen in den vergangenen Jahren haben Zeitungen nach wie vor eine starke Stellung in der Gesellschaft. Das zeigt unter anderem deren Gesamtreichweite: Neun von zehn Deutschen über 14 Jahren (89 Prozent) nutzen nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) regelmäßig die gedruckten und digitalen Angebote. 88,7 Prozent der 14- bis 29-Jährigen seien Zeitungsleser – und zwar bevorzugt via Smartphone.

Digitaler Wandel: Während der Markt für die gedruckte Tageszeitung zunehmend schwierig wird, wächst der Digitalmarkt: So ist die Gesamtauflage an sogenannten E-Papers in der vergangenen Dekade geradezu explodiert – von etwa 68000 (2008) auf inzwischen mehr als 1,4 Millionen.

Inhalte: Das Interesse an regionalen oder lokalen Inhalten ist ungebrochen groß. Der Regional-/Lokalteil ist dem BDZV zufolge zusammen mit dem Innenpolitik-Teil das am häufigsten gelesene Ressort.

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