Die Mafia in Italien
Mafia ist nicht gleich Mafia. Italiens große Banden in Sizilien, Kalabrien, Apulien und rund um Neapel haben gemeinsam, dass sie alle im 19. Jahrhundert entstanden.
Untereinander verbindet sie wenig. Doch sie wirken im selben sozialen Umfeld: in unterentwickelten Regionen mit hoher Jugendarbeitslosigkeit und Auswandererquote sowie ausgeprägtem Misstrauen gegenüber dem Staat.
Das fördert die Bereitschaft zur „omertà“, dem Schweigen in der Bevölkerung. Dort stoßen die Mafiosi auf fruchtbaren Boden. Ihr Handeln ist nur auf materielle Bereicherung ausgerichtet.
Für ihr Ziel beseitigen sie Rivalen, bedrohen Politiker und Polizei und schaffen es immer wieder, in deren Reihen Komplizen zu finden.
Am bekanntesten ist die Cosa Nostra, der Geheimbund Siziliens, auch „ehrenwerte Gesellschaft“ genannt. Dort haben Italiens Anti-Mafia-Kämpfer in den letzten Jahrzehnten die größten Erfolge erzielt.
Die ’Ndrangheta in Kalabrien, verantwortlich auch für die sechs Mafiamorde 2007 in Duisburg, ist die gefährlichste.
In Apulien herrscht die Sacra Corona Unita („Heilige vereinte Krone“), die vor allem im Schutzgeld-, Waffen- und Drogengeschäft aktiv ist.
In den letzten Jahren gab es bei der Camorra in Neapel und Umgebung zwar große Fahndungserfolge. Doch diese Mafia ist unübersichtlich, aufgeteilt in 100 bis 200 autonome Familienclans, die sich teils gegenseitig bekämpfen.
Die Camorra operiert im Drogen- und Waffenhandel, in der Produktpiraterie von Luxusgütern und der illegalen Müllentsorgung.
Schutzgelder werden in Camorra kontrollierten Betrieben gewaschen.
Seit immer mehr Clan-Bosse inhaftiert sind, versucht die zweite Generation, Fuß zu fassen. Rund zehn Milliarden Euro an Schutzgeldern werden Schätzungen zufolge in Italien erpresst.
Auf dem schönen Dorfplatz von Brescello ist die Welt noch in Ordnung. Vor der weißen Kirche hebt Don Camillo die Hand zum Gruß, vor dem Rathaus schwenkt Peppone den Hut. Der schlitzohrige Pfarrer und der kommunistische Bürgermeister, deren Bronzestatuen den Ort in der Emilia-Romagna schmücken, haben tausende Leser und Fernsehzuschauer beglückt. Giovannino Guareschi prägte mit seinen Erzählungen das Bild Italiens in der Nachkriegszeit. Damals kreiste das Leben um Kirche und Arbeit. Heute kommt man selbst in Brescello an der Mafia nicht vorbei.
Die italienische Regierung hat nun den Gemeinderat von Brescello aufgelöst. Das nördlich der Stadt Parma gelegene Dorf, in dem sechs „Camillo und Peppone“-Filme gedreht wurden, ist von der ‘Ndrangheta unterwandert – der aus Kalabrien stammenden Mafia. Erfahrungsgemäß sind die Zustände erschreckend, wenn die Exekutive zu so einer drastischen Maßnahme greift. Seit 1991 war dies bei weit über 200 Kommunen in Italien notwendig, vor allem in den südlichen Regionen Kalabrien, Sizilien und Kampanien. In den vergangenen Jahren wurden zudem Gemeinderäte in Ligurien, im Piemont und der Lombardei aufgelöst. Und jetzt eben auch in Brescello.
Mit der 5600-Einwohner-Gemeinde hat es erstmals eine Kommune in der produktiven Emilia-Romagna getroffen. Damit ist nicht nur das italienische Dorf-Idyll aus den Filmen zerstört. Die Auflösung des Gemeinderats von Brescello und seine demnächst beginnende, 18 Monate dauernde Verwaltung durch drei Kommissare ist ein Weckruf: Selbst im scheinbar intakten italienischen Norden ist längst Misstrauen angebracht. Die Mafia hat auch da ihre Hände im Spiel, wo man sie nicht vermutete.
‘Ndrangheta: Mafia macht seit Jahrzehnten illegale Geschäfte in der Emilia-Romagna
Gleichwohl ist bekannt, dass die ‘Ndrangheta seit Jahrzehnten illegale Geschäfte in der Emilia-Romagna macht. In Brescello sind zahlreiche Mitglieder des Clans Grande Aracri ansässig, unter anderem der wegen Mafia-Zugehörigkeit verurteilte Boss Francesco Grande Aracri. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im Rahmen der Operation „Aemilia“ und ein derzeit in der Provinzhauptstadt Reggio Emilia laufender Mega-Prozess gegen 147 Angeklagte werfen ein Schlaglicht auf die Verhältnisse. Neu hingegen scheint die systematische Verquickung der Lokalpolitik, also der heutigen Peppones zu sein.
Wie sich herausstellte, vertrat der frühere, 19 Jahre lang amtierende kommunistische Bürgermeister Ermes Coffrini die Mafiosi als Anwalt bereits vor Gericht und wusste in Interviews nur Positives über die Bosse zu berichten. Obwohl Francesco Grande Aracri verurteilt ist und ihm ein Vermögen im Wert von drei Millionen Euro beschlagnahmt wurde, war bis zuletzt auch Marcello Coffrini, der Sohn des früheren Bürgermeisters voll des Lobes für den Boss.
Coffrini Junior bestimmte nicht nur zehn Jahre lang als sogenannter Assessor für Urbanistik die Geschicke des Dorfes mit, sondern amtierte zuletzt selbst zwei Jahre lang als Bürgermeister. In Folge seiner öffentlichen Lobeshymne auf den Boss trat er zurück. Auch wenn gegen die Coffrinis bislang nicht ermittelt wird, hat die Staatsanwaltschaft offenbar konkrete Hinweise darauf, dass die Gemeinde die Baufirmen der Bosse begünstigte.
Die 'Ndrangheta - mächtige Mafia aus Kalabrien
Die kalabrische 'Ndrangheta gilt als eine der mächtigsten Mafiaorganisationen Europas.
Ihren geschätzten Jahresumsatz von rund 40 Milliarden Euro macht sie vor allem mit Drogen- und Waffenhandel, Geldwäsche und Erpressungen.
Die 'Ndrangheta hat mehrere tausend Mitglieder, die in sogenannten Clans organisiert sind. Ihr Aktionsradius erstreckt sich mittlerweile weit über Italien und Europa hinaus.
Die Wurzeln der Organisation reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück.
Das Wort 'Ndrangheta leitet sich angeblich vom griechischen «andragathos» ab, was «tapferer Mann» bedeutet.
In den Ursprungsjahren verdienten die «Tapferen» ihr Geld vor allem mit Entführungen.
Die Polizei in Italien hat in den vergangenen Jahren ihren Kampf gegen die Mafia verschärft, immer wieder kommt es zu Festnahmen und Razzien.
Die traditionell mächtigsten Familien der 'Ndrangheta stammen aus der Hochburg San Luca in Kalabrien.
Auch innerhalb der Organisation kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Clans.
Und Don Camillo? Der heutige Dorfpfarrer von Brescello heißt Don Evrando Gherardi und verliert kein schlechtes Wort über den zurückgetretenen Bürgermeister. Er verstehe auch die Auflösung der Gemeindeverwaltung nicht. „In Brescello gibt es die Mafia, aber wir sind nicht alle Mafiosi“, sagt er. Damit hat er gewiss recht, die Grenzen sind allerdings fließend. Erst kürzlich erteilte er dem Sohn von Francesco Grande Aracri die Erstkommunion.